Oval ist immer auch ein Projekt gewesen, das versucht hat, den traditionellen Regeln des Musikbusiness zu entkommen. Auf Distanz gehen zu dem, was Musik da draußen bedeutet, und anderen Oberflächen zu folgen, war eine Konsequenz davon. Jetzt gibt es eine neue CD, die sich erstmals explizit dem musikalischen Aspekt von Oval widmet.
Text: christoph jacke | cj@lebensaspekte.de) aus De:Bug 48

Musikalisch werden
Das neue Oval Album “Commers”

Markus Popps Soundforschungslabor schreitet voran, und nebenbei springen dreizehn derbe knallende Tracks heraus. Herr Jacke liefert Stichpunkte. Herr Popp gibt ausführliche Antworten mit zahlreichen Voraussetzungssystemen über Technologienutzung und ihre Einbettung in gesellschaftliche und medientheoretische Kontexte. Die Diskussion kann weitergehen.

Von “Process” zu “Commers”
“‘Commers’ ist ein Versuch, eine völlig andere Design-Prämisse zu finden, ohne gleichzeitg das, was mit meiner letzten Platte ‘Process’ unhintergehbar im Raum installiert wurde, durchzustreichen. ‘Commers’ sollte viel musikalischer, mit Fantasie angefüllt sein und zeigen, dass das Ganze auch folky oder wie Kammermusik klingen kann. Es gab für mich eine Menge Fragen zu klären, wie man nun tatsächlich Strukturen, Möglichkeiten und Plug-Ins zum ersten Mal nutzt. Das war für mich schon eine neue Design-Vorgabe, konträr zu ‘Process’. Gewisse Soundelemente sollen aber trotzdem (wieder)erkennbar bleiben, da sich das Neue ja aus dem Bestehenden entwickelt. Die Herangehensweise von ‘Process’ sollte nun einmal musikalisch aufgefasst werden. Ein ganz radikaler Bruch wäre natürlich viel einfacher gewesen, aber ‘Commers’ soll innerhalb des gesamten Konzepts liegen. So ähnlich, wie ‘Process’ selbst schon ein Reverse Engeneering des ovalsystemischen Ansatzes war. Im Grunde ist ‘Commers’ die Musik-CD des Projekts ‘Oval’. Das war ja immer das Erkenntnistheoretische und fast schon Ironische an allen Oval-Releases: Bei all meinen Versuchen, mit einer anderen Herangehensweise das Feld der Musik zu verlassen, ist immer noch etwas von der Musik geblieben. Ganz fundamental technisch versuche ich das nun erstmal zu setzen. Dadurch kann ich mich innerhalb eines ganz anderen Referenzraums bewegen, der sich nicht als bloß rekonstruiert darstellt.”

Der Oval-Ansatz
“‘Commers’ ist kein Versuch, gegen ‘Process’, gegen das Modell, gegen das Verfahren, gegen die Software, gegen das User Interface zu reagieren. Es wäre zu leicht gewesen, alles noch einmal ganz anders darzustellen, den Erwartungen zu entsprechen. Oder sich rauszudefinieren aus diesem Oval-Prozess. Das war nie interessant. Es ging darum, etwas anzubieten, um die Bedingungen hinter den Möglichkeiten zu zeigen und gleichzeitig formal sichtbar zu machen, was in dem Moment gerade passiert.
Die ironische Selbstreferenz in Form der Clicks zum Beispiel hat man ja aber auch immernoch, wobei die teilweise nicht mehr zu hören oder sogar unbrauchbar sind. Da tauchen dann die ganzen Samples in einem neuen, sehr musikalischen Zusammenhang auf. Es ging immer um eine Musik, so extrem ironisch das aus meinem Munde klingen mag. Natürlich nicht unter der Prämisse, mich selbst als Person, Autor oder Mastermind hinter dem Werk zu vermitteln. Es ging darum, ein Modell eines generativen Verfahrens zu unterstellen. Alles einfach wegzustreichen und zum Beispiel mit einer Band zu antworten, wäre mir zu trivial gewesen. Ich wollte schon innerhalb des Oval-Ansatzes verharren und die Sachen lediglich gewendet begreifen. Selbst ‘Process’ geschah ja auf einer gewissen Grundlage.”

Musik ist nur ein kultureller Aspekt
“Musik ist natürlich ein prozessoraler Begriff und für mich ein gleichermaßen technischer als auch kultureller Aspekt. Die Software stellt entlang bestimmter Metaphern etwas zur Verfügung. Man benutzt Arbeitsdefinitionen. Das zu Grunde liegende Zeitmodell spielt eine ebenso große Rolle: eine unhintergehbare Software, die mit prozessualen Netzwerkanwendungen arbeitet, verwendet ja keine klar lineare Zeitauffassung. ‘Process’ war auch der Vorschlag, neue Kriterien in die Diskussionen um elektronische Musik einzuführen, weniger als ein herkömmliches Modell nochmal zu optimieren oder zu modifizieren. Das in der nächsten Stufe sicherlich die Form sein, aber bei ‘Commers’ ging es viel mehr um die Oberfläche. ‘Commers’ versucht den sehr hoch definierten Ansatz von ‘Process’ musikalisch zu begreifen und möchte gar nicht den Gesamtüberblick von so weit oben beibehalten. Die Folkgitarre lässt eine Atmosphäre, lässt Eindrücke entstehen. Atmosphäre ist hier wichtiger als Optimierung. Ich hätte mit den Analog-Instrumenten und Leuten als identifizierbarer Kollaboration mit klaren Rollen arbeiten können, aber das wollte ich nicht. Das gab es alles schon. Das können andere auch viel besser. Ich wollte die Atmosphären von Geigen, Trompeten, Gitarren, Stimmen oder Brass Section erzeugen. Das ist schon ausreichend neu genug und eine Art von Vorschlag. Spätestens bei dem House-Track auf ‘Commers’ macht dieser Schritt seinen Abschluss in sich. Da hat man dann doch so einiges an Möglichkeiten gehört.”

Nein, nicht Klangkunst
“Warum nicht konsequent Klangkunst? Das muss ja auch in Roskilde über Zehnmeterboxen rausgebrettert werden können. Wenn man sich das live anhört, soll sich ständig was ändern, aber auch Krach machen. Ich bin gespannt, was mit den Leuten, Boxen und mir passieren wird, wenn ich das dritte Stück der neuen CD auf voller Lautstärke raushaue. Es geht mir nicht darum, irgendwelche langweiligen Abendessen irgendwelcher langweiligen Leute mit Sound zu bereichern. Es geht schon darum, etwas einfach hinzuknallen. Die andere Komponente ist die, dass man sich in solchen Kunst- oder Kulturkategorien relativ schnell verorten muss. Auf Tour mit meinem “Desk” durch die USA war das gelungen, da eine Balance zu finden. Da gab es wirklich alles: von großen, bestuhlten Hallen mit Vorträgen an den ThinkTanks der Elite-Unis bis hin zu kleinen Wohnzimmern, aus denen rasch die Möbel weggeräumt wurden, damit meine Installationen da aufgebaut werden konnten, um anschließend mit einer Rockband zu spielen. Diese Bandbreite muss drin sein. Es geht darum sowohl in irgendwelchen Plattenläden als auch in High End Galerien oder Festivals zu erscheinen.”

Zirkuläre Prozesse überall

“Oval versucht sicherlich, etwas Neues vorzuschlagen. Aber innerhalb vorhandener Strukturen und durchaus auch affirmativ. Gleichzeitig bleibe ich in einem musikalischen Referenzraum und mache das Gegenteil von einer Coverversionen-CD. Der Musikmarkt ist immer noch sehr fixiert auf den Autor, den Macher, den Komponisten, der auch nur seine Tricks Of The Trade geheim hält und zittert, dass niemand erfährt, worauf denn im Grunde alles aufgebaut ist. ‘Commers’ versucht, auch dieser ganzen Powerbook-Logistik eine Musik entgegen zu setzen. Mal abgesehen davon, wer sich jetzt wie lange an diesen Sounds die Zähne ausbeißen wird, um letztlich möglichst genau so zu klingen. Ich will nicht permanent nicht einzuordnen sein, aber ich möchte schon ein sehr klares Profil aufzeigen. Es geht darum, ausgehend von ‘Process’ mehrere Formate anzubieten. Für den nächsten Teil wird eine Serie mit sehr kleinen Geräten entstehen, die thematisch sein werden. Ich möchte mich da als Person keinesfalls immer rauswinden. Aber manchmal ist man eben nicht greifbar – das Statement bleibt. Gleichzeitig ist mir der reale, interpersonale Dialog schon sehr wichtig und bei der Vortragsreihe in den USA war ich genau die Schnittstelle, die auch Fragen beantworten möchte. Das Oval-Konzept soll zur Public Domain erklärt und frei zugänglich werden. Das bin ich diesem Kontext schuldig.”

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Elektronische Lebensaspekte.

Markus Popp von Oval stellt sein neues Produkt "Process" vor: gleichermassen Audio CD, Software und Soundobjekt. Ab jetzt kann man die Musik beim Autogenerieren beobachten. Hände falten und lauschen.
Text: benjamin weiss, nerk@de-bug.de aus De:Bug 35

/tech talk/ Oval Process Reverse Engineering oder ”Das beste an Musik ist, dass sie schon da ist und nicht erst gemacht werden muss.” Schöner Satz, und so gesehen ist der neue Oval Release “Process” im Nebenprodukt schon fast eine Audio CD, in gleichem Masse aber eine mit MAX programmierte Software und ein Soundobjekt, mit dem man im Berliner Sony Center am Potsdamer Platz spielen kann. Für Oval reicht es nicht mehr aus, die ausgetretenen Pfade des Mediums Audio CD noch weiter auszutreten. Markus Popp geht es viel mehr um programmierte Interaktion, Reverse Engineering und durch Beschränkungen erzeugte neue Wege in Musik. De:Bug: Warum hast du dir dein eigenes Soundwerkzeug programmiert? Markus Popp: Das ist nichts anderes als ein in Software gegossenes Modell der Art und Weise, in der ich mich Musik oder Audio nähere. Meine Musik ist per Definition immer wieder auch an diesem generativen Verfahren interessiert, da ich mich als Person gar nicht in diesen Zusammenhang gestellt wissen will. So eine Software zu machen, heisst ja, dass man auf einem ganz schmalen Grat sowohl Möglichkeiten als auch Limitierungen selbst schaffen kann und muss. Die Idee von der Bereitstellung dieser Schnittstelle im öffentlichen Raum ist einfach eine andere Herangehensweise, sich der Musik oder auch der Rolle und Wichtigkeit von Musik zu nähern. Es geht darum, den Workflow zu dokumentieren, der durch den Prozess und die Software zu einem Resultat führt. Ich möchte damit auch Dinge ermöglichen, mehr interessieren mich aber die Begrenzungen, da ich mir selbst auch nicht anmassen würde, bei dieser Diskussion einzusteigen, wie man sich zu Produktivität, Technologie und dem User-Interface Komplex an sich verhält. Dafür ist dieser Ausschnitt und die Möglichkeiten der Software an sich viel zu klein. Ich möchte diesen Vorschlag unterbreiten, ihn ganz konkret und erfassbar in so einem Sound Objekt als Hardware/Software hinstellen. Das ganze ist vorab als Reihe geplant und vorgestellt worden, und ich denke, es wird dann auch die Spuren dessen tragen, was in der Zwischenzeit so passiert. Es ist auf keinen Fall die polierte Produktebene, auf die ich mich jetzt näher einlassen wollte, es geht auch nicht darum, mich als Person auf eine Art zu virtualisieren, das ist endlos uninteressant. Letzenendes ist das, was ich tue, ja auch immer nur ein exemplarischer Ansatz dessen, was man auch noch tun könnte, und es per Public Domain zur Verfügung zu stellen. Public Domain eher in einem räumlichen Sinne, mehr in dem Sinne: da gibt es was, und ihr könnt damit arbeiten. Es ist oft auch interessant, etwas in anderen Kontexten zu machen, als man das ursprünglich vorgesehen hatte, es anhand bestimmter Bedingungen vorzustellen. Stichwort Sony: das ist wirklich so eine Art Theme Park dort, Super Edutainment Family, wirklich anders als meine Arbeiten. Da gibt es ganz andere Anforderungen, seien es logistische oder auch schlicht technische, wodurch man sehr interessante Beobachtungen machen kann. Darum geht es natürlich nicht ausschliesslich, es geht um den Ansatz, wie man das formulieren kann, auch ohne besondere didaktische Absichten in Richtung User / Interface – Revolution. Es geht darum, etwas hinzustellen, ansonsten würde ich das mehr auf so einem Statement-Level verhandelt sehen wollen. debug: Ist es nun DAS Werkzeug, mit dem du planst, zukünftig zu arbeiten? Popp: Es ist weniger dieser Aspekt als viel mehr die Idee, wie es wäre, wenn Oval eine Software wäre. Entscheidungen zu illustrieren, die man gemacht hat. Möglicherweise bin ich da auch nicht radikal genug gewesen. Es geht aber natürlich überhaupt nicht darum, eine Software zu machen, die man nicht benutzen kann. Genau wie es auch bei der Musik, die ich bisher gemacht habe, nie darum gegangen ist, eine Musik zu machen, die um jeden Preis anders und eine Antithese zu dem Bestehenden ist. Das war vielleicht das Ergebnis, weil verschiedene Sachen weggelassen wurden, aber einfach, weil sie nicht interessiert haben. Das war nur eine Zwangsläufigkeit, dass die Musik so anders war. Es geht weniger darum, Musik zu machen, als vielmehr zu zeigen, wie das ist, wenn man unter solchen Bedingungen arbeitet. Das kann man mit einer Software natürlich exzellent vorführen, man sieht genau, was man so kann und was man so gar nicht kann. Für mich selbst ist es kein persönliches Achievement, das jetzt geleistet zu haben, aber es ist natürlich der Unterschied zwischen einer Audio CD und einer Software: die Vorgaben heissen hier Look & Feel, Usability und natürlich auch: funktioniert, funktioniert nicht oder funktioniert anders als geplant. Wie eine Benutzerführung gestaltet ist, auch diese ganzen arbeitsergonomischen Sachen, da gibt es extreme Möglichkeiten. Ähnlich wie bei der Musik geht es nicht darum, zu zeigen, welche Möglichkeiten das hat, eine neue aufregende Musik zu machen. Ich stelle mir halt eher ein Problem vor. Das ist der Grundzustand bei der Entwicklung von Software. Sie ist nur über ihre Grenzen definiert, Grenzen wie: was man über einen gewissen Zeitraum etwas schaffen und machen kann… debug: …das sind natürlich auch Grenzen des Interfaces… Popp: …die ich in dem Sinne auch nicht verbessere, sondern in einer anderen Form zur Verfügung stelle. Das ist wie bei der Musik: es geht nicht darum, einen Trademark-Sound zu entwickeln. Es hat dazu geführt. Aber es ging gerade auch in meiner Arbeit mit den CD-Schnipseln um die Feststellung: Das beste an Musik ist eigentlich, dass sie schon da ist und man sie nicht machen muss. Diese originären CD-Elemente und Strukturen treten auf der neuen CD wesentlich stärker in den Vordergrund als bisher, so dass sie auch für sich autonom als Musik stehen. Für mich ist aber klar, dass ohne diese CD-Clicks, die ja die Musik erzeugen, diese Musik nicht zu haben ist. Das entspricht zum Beispiel den Ordnern auf einem Computer. Ordner, die ich vielleicht vor Monaten das letzte Mal geöffnet habe, die mir aber genau so gegenüberstehen, wie in dem Moment ihrer Erzeugung. Das sind Spezifiken, die viel wichtiger sind als: ‘ich habe da so eine CD und ich mache da einen Track, der müsste so anfangen und so aufhören.’ Das ist die beste Garantie dafür, dass man nie da ankommt, wo man eigentlich hinwollte. Bei einem konkreten, realen Vorhaben wie dem Erbauen eines Soundobjekts findet man solche Einschränkungen natürlich in ausreichendem Mass. Da finde ich mich in einem Framework vor, wo ich mich frage: bis wann, wie, welches Material usw. Da habe ich gelegentlich den Eindruck, dass in den letzten Jahren die eigentliche Revolution nicht auf dem Screen stattfand, sondern auf dem Gebiet der Werkstoffe, mit denen man auf einmal so ganz unvermutete Sachen machen kann. Zum Beispiel diese 3 D-Fräsen. Man importiert ein Modell in den Rechner, der das dann konkret in 3 D ausbildet. Da tun sich Paletten auf, bei denen man sich dann denkt: das war die eigentliche Revolution. Das ist eine interessante Schnittstelle, an der ich jetzt arbeiten kann. ‘Werk Fünf’ heissen die Leute, mit denen ich da zusammenarbeite, die machen das mit einiger Sophistication und einem abstrakten Hintergrund. In dem Dialog entstehen ganz andere Horizonte und Parameter, mit denen gearbeitet wird, was für mich eine völlig adäquate Art ist zu arbeiten. debug: Inwieweit wird die Software selbst auch anderen Leuten zugänglich gemacht werden? Popp: Es wird die Software natürlich auch als Tool geben, aber das hängt davon ab, was sich in den nächsten Wochen so ergibt. Es stellt sich natürlich die Frage: was ist denn so eine Audiosoftware? Die mit Abstand geringste Entwicklerdynamik gab doch in den letzten Jahren gerade in diesem Bereich, da hat sich doch am allerwenigsten getan. Das ist alles sehr reaktionär und retro. Ich will mit der Software keinesfalls behaupten: das ist jetzt die nächste Entwicklungsstufe. Sondern es geht darum, auch konfrontativ zu sagen, ich mache für mich selbst den Anfang einer Diskussion. Ich bin nicht dafür da, das Ding zu verkaufen, noch brauche ich einen Galeristen, da hört für mich die Zuständigkeit auf. Die Einschränkungen zu zeigen: hier gibt es wirklich nicht unendliche Möglichkeiten, das interessiert mich. Das Ganze ist als Skizze zu verstehen, eine modellhafte Annäherung an solche Interfacestrukturen. Ich mache einfach das, was ich immer mache, lediglich mit einem anderen Horizont.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 27

Musik 2.0 Markus Popp Auch wenn es sich so anhört: in Wirklichkeit macht Markus Popp keine Musik, sondern Musik 2.0. Während normale Musiker vorzugsweise damit beschäftigt sind, in Interviews die Schubladen aus dem Weg zu räumen, in denen ihre Musik landet, ist es bei Markus Popp gleich der ganze Schrank, der aus dem Fenster fliegt. Musik? Was für eine nostalgische Kategorie. In Zeiten, in denen Sound nicht mehr produziert wird, indem man die Hände von Kleinkindern jahrelang an Klaviere, Flöten oder Geigen gewöhnt, kurz, gemäss feinmotorischer Interfaces verbiegt, sondern das Interface einem bunt in den fingerfreundlichen Knöpfchen der Geräte oder den blinkenden Oberflächen der Computer entgegenstrahlt, gibt es gar keinen Grund mehr, weiter bewundernd den Mythos einer kreativen und künstlerischen Musik zu pflegen, meint Markus Popp. Mit Oval betreibt er deshalb die fröhliche Wissenschaft, alte kulturelle Konventionen von Musik zu überwinden, ohne dabei gleichzeitig das Ergebnis aus den Ohren zu verlieren. Dabei verfolgt er den ovaltypischen Sound, den die Ohren am CD-Skippen erkennen, auf verworrenen Wegen durch sein Powerbook, schiebt ihn durch die Programme und stolpert über immer neue überraschende Resultate. Nachdem sich Oval in Deutschland fünf Jahre lang mehr oder weniger mit Veröffentlichungen zurückgehalten hat, purzeln jetzt gleich zwei CDs in Folge in die Plattenläden. SzenarioDisc, eine MiniLP, ist bereits seit ein paar Wochen zu haben, Ende September soll dann voraussichtlich – wenn keine höhere Plattengewalt dazwischentritt – schon die nächste LP erscheinen. Mit Markus Popp sprach Mercedes Bunz. de:bug: Man hat seit 1995, seit der letzten LP “Diskont”, hier eher wenig von Oval gehört. Die meisten Sachen danach sind vor allem in Amerika auf Thrilljockey und Drag City, in Japan auf Tokuma erschienen. Ist es ab einem bestimmten Punkt wichtig, den Vertriebsstrukturen Aufmerksamkeit zu widmen, um das Projekt weiter nach vorne zu treiben? MP: Ich habe nie wirklich Anstrengungen darauf verwendet. Das ist immer wieder derselbe, völlig banale Sachverhalt, dass sich irgendwelche Leute in den Kopf gesetzt haben, mich anzurufen. Und ich bin dann auch eins zu eins der, der ans Telefon geht und – wenn der Anrufbeantworter funktioniert – auch zurückrufen kann. Dann ergibt sich das. Es ist für mich nicht interessant, in der Form strategisch zu arbeiten. Wenn man zu Oval einen Satz sagen möchte, dann den, dass das ein exemplarisch vorgeführter Ansatz für eine mögliche andere Musik ist. Wie sich das strategisch verhält, ist mir gleichgültig. Solche Vorgänge sind eher deshalb interessant, weil sie mich mit Effekten in einer Realökonomie konfrontieren, die ab und zu unvorhersehbar, kontingent und unheimlich sind. In einer bestimmten Form bringt es mich in andere Situationen in der realen Welt. Auf Comme des Garcon-Modenschauen in Paris zu spielen ist eine andere Sache, als in einem kleinen Club in Texas, in dem alle 20 Minuten der Strom ausfällt. de:bug: Also veröffentlicht man Musik, damit man reisen kann. MP: Nee, nee. de:bug: Das wäre zumindest ein ziemlich guter Grund. MP: Ja, schon. Prinzipiell gesehen ist es aber viel interessanter, Installationen zu machen, bei denen man nicht eins zu eins derjenige sein muss, der vor Ort mit seiner Präsenz nachweisen muss, das er wirklich auch versteht, was er da macht. Es geht darum, Musik anderen Bedingungen auszusetzen. Die Musik korrespondiert ja nicht inhaltlich mit meiner Person, denn letztlich ist bei dem, was ich mache, völlig irrelevant, was eine Musik an Subjektivitäten, persönlicher Intuition oder Geschmacksurteil transportiert. Ich möchte das lieber auf den Designbegriff bringen. Design in einem Medium Musik, das dieser grossen M-Musik, die man vorher so hatte und hinter die man jetzt unter den heutigen Produktionsbedingungen unmöglich zurückfallen kann, nicht unnötig affirmativ zuarbeitet. Ich benutze also eher die Distributionsstruktur des Mediums Musik oder einfach das Format an sich – also diese Konventionen. Letztlich ist auch meine Musik darin auch immer noch nostalgisch. de:bug: Kannst du mal kurz sagen, was du mit M-Musik eigentlich meinst? MP: Die, die man so hatte: Musik als vorgängige Vorstellungen im Kopf, die dann nachträglich in der Komposition realisiert wird. Heute ist das vielleicht eher diese komische direkt-manipulative Mein-Instrument-und-Ich-Ebene. de:Bug: Und was setzt man da dagegen, wenn man da raus will? MP: Man fängt mit solchen Begriffen gar nicht mehr zu argumentieren an, sondern hört damit sofort auf. (Lacht). Das ist natürlich pur nostalgisch. Letztlich findet man aber genau das in der ganzen Technogeschichte, die diese komischen Kreativmythen nachbaut. Noch der letzte Produzent hat seine Identität über seinen Umgang mit irgendwelchen x0x-Geräten behauptet, von denen 1982 schon klar war, was die jemals können werden. Jahrelang hat man da noch seinen Namen draufgestempelt, wobei man eigentlich nichts anderes war als ein besserer Betatester von Geräten, die zu dem Zeitpunkt bereits zehn Jahre zu alt waren. Niemand, der im Kontext visueller Medien und Design arbeitet, würde sich trauen, so etwas ernsthaft in ein Kulturcircuit einzuspeisen. Aber in der Musik ist das natürlich alles noch möglich, weil die Person noch wirklich zu sehen ist, sich artikulieren kann und auf den Fotos selbst abgebildet ist. Es ist eine ziemliche Tragödie und eine unglaubliche Fehlentwicklung. Das hat teilweise wirklich schon den Charakter von Betrug, denn elektronische Musik hat sich genau da als State of the Art behauptet, wo nichts anderes getan wurde, als sie immer nur “anders” und “interessant” klingen zu lassen. Das aber ist unter Midi eine Trivialität, weil natürlich Midi einzig darauf ausgelegt ist, die Erstreckung von Tonhöhenunterschieden auf Zeit als Musik zu definieren. Midi ist darauf ausgerichtet, dass vorhandene Sounds immer wieder verändert werden und Updates erfahren. Man setzt von einer im Gesamtzusammenhang relativ kleinen Industrie ein spezifisch hergestelltes Gerät für genau den vorgesehen Zweck ein – ohne dass sich prinzipiell irgendetwas getan hätte. Oder – noch schlimmer – es wird zweckentfremdet. Und dafür wird man möglicherweise dann auch noch abgefeiert. Musik immer wieder nur im Medium der Musik zu verhandeln, verdeckt die relevanten Fragen. de:bug: Warum ist das noch schlimmer? MP: Zu sagen: Ich drehe jetzt die Knöpfe einfach verkehrtrum und meine Musik klingt anders und neu – das ist bestenfalls langweilig. Es geht ja nicht darum, die Parameter innerhalb ihrer Betriebssystemgrenzen zu verändern, sondern das Betriebssystem an sich als Problemhorizont oder als Definitionshorizont zu erkennen. Elektronische Musik zu machen, ist ja letzten Endes heute eine Guided Tour. Man wird durch bestimmte vordefinierte Möglichkeiten eines Gerätes durchgefahren und die skrupellosesten Leute fahren ganz langsam, greifen links und rechts ins Regal und streiten sich zum Schluss noch um die Abendkasse. Also mit so einer Welt möchte ich möglichst wenig zu tun haben. Da sitze ich lieber bei sechssprachigen Japanern in Paris und wundere mich einfach nur, was ich jahrelang verpasst habe. Ebenso wird man jahrelang nicht weiter so tun können, als seien Videogames immer nur so games. Aber wenn man immer nur das alte Medium im neuen erkennen will, dann wird man genauso wenig Glück haben, wie das mit der Musik eben auch schon schief gegangen ist: Man wiederholt pure Konvention, eine liebgewonnene Gewohnheit. Für mich ist diese Musik – speziell die elektronische – also pur nostalgisch. Ich sehe mich zwar nicht allgemein in der Instanz, die darüber befinden kann, aber ich sehe zumindest für mich, dass das keine tragfähige Strategie ist. Man hat inzwischen auch schon die grössere Mühe, aus dem, was man auf irgendeinem kleinen Computer so machen kann, immer noch diese alte Musik rauszuholen. Das ist inzwischen schon der grössere Aufwand, als einfach irgendwas zu machen, bei dem Konventionen überhaupt keine Rolle mehr spielen. Gleichzeitig muss ich allerdings sagen: mich interessieren keinerlei Experimente, vor allem keine musikalische Experimentalität. Mich interessieren Standards, denn die haben sich über Jahre hinweg als viel prägender und viel interessanter herausgestellt. de:bug: Wie formulierst du dann, mit welchem Standard du arbeitest? Was hältst du da für interessant? MP: Für das Interessanteste ausser dem übergreifenden Betriebssystem halte ich im Gesamtkontext Soundfileformate, die Audio Content zwischen Programmen austauschen. Das ist der Standard, mit dem ich arbeite: Soundfiles. Und die machen es untern anderem in meiner Musik völlig irrelevant, eine Idee zu haben. Es gibt nichts Unbrauchbareres als die Idee, wie so ein Stück sein könnte, weil man die sowieso nicht erzielen würde und die Tatsache, dass jede kleinste Bearbeitung eines einzelnen Soundfiles zu tausenden Zeitpunkten immer auch hätte anders ausfallen können. Die Kategorie “Sound” spielt die geringste Rolle in meiner Arbeit. de:bug: Aber du selektierst doch in gewisser Weise, das nehme ich, das nicht. MP: Ja, absolut. Das würde man ja aber auch mit jedem Bus machen, den man so sieht, ob man den nimmt oder nicht. de:bug: Unter was für Kriterien selektierst du? MP: Im konkreten Fall geht es immer darum, ein Design zu finden. Wenn ich einen Squarepusher-Remix mache, ist es etwas anderes als bei Pizzicato Five oder eine CD mit Gastr del Sol (“Camoufleur” auf Drag City/EfA, erschienen 1998). Dabei verstehe ich “Design” als Aufgabenstellung. Das Interessanteste ist es allerdings, alles aus einem Sound zu machen, d.h. nur ein Sample zu haben und alles damit zu bestreiten. Wie gesagt, eine Vorstellung von dem Stück zu haben, bevor man beginnt, ist unmöglich. Dementsprechend finde ich es interessanter, mit gewissen Situationen zu arbeiten. Es ist natürlich ganz klar, dass man mit dem, was man macht, immer nur einen Ausschnitt aus dem persönlichen Anpassungsprozess an Interfaceelemente zeigt und ganz nebenbei die vorhandenen Interfaces optimiert Ð der nächste Schritt wäre jetzt, selbst welche zu entwerfen. Wie sich das Resultat schliesslich als Musik verhält und rezipiert wird, ist aber auch für mich nicht unwichtig. Es wird immer eine Musik geben. Zum Schluss wird man schon was hören, da braucht man keine Angst zu haben. Auf diese komischen Experimente, wie: jetzt kann man gar nichts mehr hören oder mit 99 Tracks viel zuviel, also da verfalle ich nicht drauf. Ich bin grosser Gegner von Editionen, bei denen die bessere Idee die Verpackung war. Ich will schon noch etwas abliefern. de:bug: Schränkt das Festlegen auf den Sound einer skippenden CD nicht in gewisser Weise ein? MP: Nein. Das ist ja gerade das, was es mir überhaupt erst ermöglicht, mich auf die relevanten Fragen zu konzentrieren, denn dadurch ist es sehr einfach, sich über die üblichen Ansätze – “Wie klingt die Musik?” “Was macht die Musik” und “Wer macht die Musik” – keine Gedanken mehr machen zu müssen. Was ich mache, lässt sich beliebig detaillieren, perfekt archivieren, organisieren und in viele kleine Einzelteile splitten. Man erstellt riesige, kontingente Filesysteme, die das eigentliche Thema meiner Musik sind und so etwas wie Kreativität in meiner Musik längst ersetzt haben. Es ist ja nie so, dass die CD, die jetzt kommt, jetzt entsteht. Es war immer so, dass die Sachen schon zwei Jahre im Loop liefen – also bereits vorhanden waren und dann nur noch Gruppen zu bilden sind, die man einfach für die nächste CD formatieren muss. de:bug: Ist die MiniCD “SzenarioDisc” Teil der kommenden CD? MP: Überhaupt nicht, da gibt es gar keine Übereinstimmungen. Die Hauptidee bei der Szenariodisc war, eine Strecke zu machen und zwischen den längeren Stücken kleinere, kürzere unterzubringen. Szenariodisc ist, wie der Name andeutet, ein Entwurf oder Vorschlag, wie das kommende Album hätte werden können. Es sind 11 Tracks drauf, auch wenn jeder denkt, da seien nur sechs. Fünf davon sind einfach Interludes, sie sind kürzer und älter (1996) und haben Extranamen, aber eine Dreipunkt-Schrift zu identifizieren, das scheint für viele schon zuviel. Das kann man offensichtlich irgendwie nicht mehr lesen, und dann hat man es auch nicht gesehen. Das dazwischen zu schieben, ist natürlich der ganze Trick bei dem Format, sonst könnte man ja Vinyl benutzen. de:bug: Wo, in welchem Medium passiert deiner Meinung nach im Moment am meisten? MP: Bei Videogames. Das ist das Genre, das zur Zeit extrem wichtig, extrem spannend, sehr komplex und sehr zeitgemäss ist. Was die Produktionsabläufe betrifft, hundertmal zeitgemässer als irgendwas, was in den letzten Jahren im Musikbereich entstanden ist. Komplett interessante Sache, da muss man definitiv dranbleiben, denn ästhetische Gegenwart ist natürlich in den Games einfach da. Da braucht man nicht noch gross rumzudefinieren, dort gibt es keinen Definitonsbedarf wie bei Musik, um die man sich erst zehnmal drehen muss, bevor man überhaupt was Interessantes findet. Während ich in der Musik meinen eigenen Ansatz als Syntheseleistung ständig rechtfertigen und formulieren muss, hat man eine mühelos und per se selbstverständliche ästhetische Gegenwart bei Videogames. Hier gibt es allerdings nur Agenturen oder Gamer, die dann zuhause feierabendmässig unterwegs sind. Leute, die das nur spielen, sind mir natürlich ebenso egal wie Leute, die auf die Loveparade gehen. Es sind die Produktionsabläufe, technischen Fertigkeiten und Strategien, die mich interessieren. In der Musik ist das genauso. Wie Musik wirken soll und wie man die so findet, darüber ein Statement abzugeben ist nicht meine Aufgabe. Ich versuche die ästhetische Gegenwart zu formulieren, indem ich den bestehenden Musikbegriff an sich zur Disposition stelle. Vielleicht nicht mit den Mitteln der Musik, aber durch ein formales Verfahren, das die musikalischen Kategorien und die musikalische Kreativität dann doch erfolgreich ersetzen kann und eine neue Musik vorzuschlagen, die nicht erst vor der kompletten Musikhistorie verteidigt werden muss, sondern einfach neu anfängt. de:bug: Also hat Oval eher den Charakter eines Modells als einer Musik? MP: Oval hat den Charakter von einem Modell. Dieses Modell ist mein Input in einen Kontext, obwohl ich schon lange nicht mehr auf irgendwelche Antworten warte. Ich halte das eher an der Sache orientiert. Vielleicht kommt das von meinem Unibackground. Ich habe nicht diesen Das-will-ich-jetzt-auch-Background, wo es nur darum geht, auf einer Bühne zu stehen, um vorzuführen, was man jetzt als Person darstellt. Und doch letzten Endes nur ein Ausbuchstabieren von Parametern ist, die dann alt sind und uninteressant. Es gibt einfach keine Konvention in der Musik, die anregt, unmittelbar die Tools auszuspielen. Eigentlich ist aber schon relativ klar, wenn man sich den Screen anschaut, mit was man zu rechnen hat. Das Deprimierende ist ja, immer rauszukriegen, dass das, was man da sieht, erst fünf Jahre später passiert und in der Zwischenzeit schon wieder etwas ganz anderes geschehen könnte. Und deswegen Games. Da gibt es sowas noch gar nicht, sondern sofort per se eine Umsetzung. Du hast einfach etwas, das besser aussieht als etwas anderes, und du musst weitere drei Wochen investieren, um den Effekt besser gemacht zu haben. Das ist einfach nur so ein kleiner Swoosh-Effekt oder so, aber das ist unglaublich schwer. Ich bewundere das. Im Gegensatz zur Musik, da bewundere ich diese komische Langsamkeit nicht. Ich sehe mich zwar nicht total draussen und kann mich auch nicht darüber stellen, aber ich kann sagen, dass ich letzten Endes nicht dazugehören möchte, weil ich halt nur sehr grosse Dreistigkeit sehe. Da komme ich nicht her, das ist auch nicht so meine Welt. Wenn ich früher Autoradios geklaut hätte oder so, dann hätte ich dafür auch Verständis. Aber da bin ich nicht unterwegs, in so einem Bereich. Bezogen auf meine Arbeit bleibt eine generelle Unterscheidung, die ich treffen würde: Produktivität versus Konsum. Das Konsumermässige interessiert mich nur, insofern ich Leuten vermitteln kann, wie einfach meine Tätigkeit ist. Deswegen habe ich vor einigen Jahren begonnen, Workshops und Tutorials zu machen. Ob das das nun den Käufer meiner CD interessiert, ist eine ganz andere Frage. Es geht mir letztlich darum, einen Input in einer Diskussion zu liefern, die an der Sache orientiert ist und an offenen Fragen. Und in vielem, was ich da in diesem Bereich beobachte, gibt es keine Fragen mehr. Höchstens, wieviel man dafür jetzt so bekommt.

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