Der Berliner Produzent Pacou gehört zu dem funktionalistischen Handwerker-Netzwerk, dass Techno eine basisdemokratische Realness bewahrt, die von Tokio bis Melbourne verstanden und geliebt wird - nur zuhause nicht.
Text: aljoscha weskott & alexis waltz | aljoscha & alexis@classlibrary.net aus De:Bug 53

techno

Basisdemokratische Realness
Pacous Partitur

Ja, immer wieder die Wiederholung wiederholen! Das kann etwas Großartiges sein. Im Stahlwerk etwa, in der “Cosmopolitan” sowieso und dann: Überall immer mit den gleichneuen Beatabfolgen weitergehen … Moment mal, wovon soll hier eigentlich die Rede sein? Von den Schattenexistenzen der vielfältigen Technouniversen und davon, dass sie glückliche Menschen sind. Nicht weil sie einem Leben außerhalb der medialen Sichtbarkeit frönen. Nope! Sondern weil ihre Spuren als DJs, Produzenten und Labelmacher so schnell verwischen, sie in der rotierenden elektronischen Gala so schwierig aufzustöbern sind. Wenn hier im Folgenden von Pacou die Rede ist, wird daher von den Technohandwerkern ohne Armani-Appeal zu sprechen sein. Jemand, der nach Detroit fährt und der angefaxte Mike Banks nicht am Flughafen erscheint, weil er gerade beim Baseball ist. Aber dann kam doch noch eine Connection zu stande: Man traf Blake Baxters Roommate auf der Strasse und erkannte sich am Tresor-Shirt.
Arbeit ist der zentrale Terminus in Pacous musikalischem Wirken.
Nahezu zwanghaft sucht Pacou weltweit nach neuen Anschlüssen, um Netzwerke zu kreieren. Das ist auch Resultat einer erfahrenen Enge des einen lokalen Raums, Berlin, der trotz seiner vielfältigen sozialen Segmentierungen für Pacou keine kickende Differenz zu versprechen vermag. So setzt das Agieren in den Wirren des globalen Technogeflechts die “eigentlichen” Erinnerungsfetzen frei; Bilder der Twin Towers werden gereicht, die nun bestaunt werden, irgendwann war da noch Rio de Janeiro und acht Caipirinhas. Aber wie fing alles an? Mit Glück, aber nur zu 50%. Die ersten 12-Inches wurden 1991 noch bei WOM am Kudamm gekauft: Denn bis man rausgefunden hatte, wo sich das Hardwax befand, vergingen einige Monate. Pacou lernte in den frühen Tagen des Headquarters (der Mittwoch im Tresor) auflegen und wurde der einzige deutsche Act auf Tresor. Er wurde Teil dieser Berliner Party-Immanenzmaschinerie, deren Produktivität anderenorts nicht nachvollziehbar ist. An einem Punkt wurde das hochverdichtete Berliner Ensemble als Beklemmung empfunden. Pacou stieg ins Flugzeug. Erste Kontakte waren schon ’97 durch eine Reise nach Detroit geknüpft worden, den Sommer darauf flog man nach Japan: “Im Moment spiele ich nur im Exil; wenn mich jemand anruft, trete ich auch hier auf, aber es ruft niemand an. Ich mach mich aber nicht heiß, ich baue mein eigenes Profil auf, mein Netzwerk. Berlin ist darin nur ein Teil, 15% bis 20%. Australien, besonders Melbourne ist wichtig für mich, Südostasien, Japan, dort finden die besten Partys statt – der japanische natürliche Wahnsinn. Spanien und Polen, auch Tschechien ist gut.”

Der Rest und ich

Natürlich sind Acts wie Surgeon, Mills, Shufflemaster, Ruskin die Vorbilder Pacous. Ihm geht es gar nicht darum, eine autorenschaftlich zuschreibbare Differenz zu setzen. Pacou weiß, dass er an den Grenzen des Markierbaren operiert: “Es ist klar, dass die Magazine nicht daran interessiert ist, immer wieder etwas über diesen Sound zu bringen, die wollen etwas Neues. Dennoch wird dieser Sound am meisten gespielt. Ich hänge dazwischen, ich bin nicht so bekannt wie Jeff Mills und nicht so advanced wie Kit Clayton. Trotzdem mache ich solides Handwerk.”
Auf diesem Plateau ist die neue CD “Recent” angeordnet: durchgehend wird die höchste rhythmische Dichte gehalten. Die Sounds, für die Originalität kein Thema ist, bleiben ganz im Hintergrund. “Recent” ein Beben, dass den Körper bis in den Knochenbau erfasst aber nichts hinterlässt. Die in den vergangenen Produktionen entwickelten Ansätze einer regelrechten Technoepilepsie, verstörender, aber immer groovender Beatabfolgen, die dem Körper angenehme Strapazen zufügten, sind in Recent viel nüchterner ausgefallen. Und gerade darauf wurde kalkuliert: “Die neue LP auf “Konsequent” erzeugt eine andere Aufmerksamkeit als Tresor. Nach 3 Alben auf Tresor laufe ich Gefahr, mich zu wiederholen. Dort will ich etwas Neues machen. Wenn ich amtliches Material habe, kann das auf Konsequent, Music Man oder woanders rauskommen.”
Diese Orientierung am “Amtlichen” macht die soziale und musikalische Qualität von Pacous eigenem Label LL aus. Die flüchtigen Konzeptentwürfe entwickeln im Auge des Hurricans den Glamour des Rest-Ereignisses. Aber eigentlich passiert nichts. Die Releases resultieren aus Kontakten, die auf Pacous musikalischen Reisen entstanden. So wie die Tracks in Rotterdam oder am Michigan-See auftauchen, sind die Beat-Konturen ein paar Wochen später wieder weggespült: “Wir sind der Plankton, die Algen des gesamten Musikbusiness, aber wir haben es geschafft, unser Netzwerk aufzubauen.”

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Elektronische Lebensaspekte.