Vor fünf Jahren hat Hans Christian Dany in einer Besprechung zu Carsten Höllers Ausstellung 'Glück' die Frage gestellt, ob acht Mark Eintritt nicht besser für eine halbe E angelegt wären. Damals fiel seine Antwort zugunsten der Pille aus. Um so mehr wurde er natürlich neugierig, als er hörte, dass Höller gemeinsam mit dem Leipziger Kurator der Galerie für zeitgenössische Kunst Jan Winkelmann eine Ausstellung plant, in der die beiden ihre Drogenerfahrungen aufarbeiten wollten.
Text: Hans-Christian Dany | hcdany@compuserve.com aus De:Bug 52

kunst

So wertvoll wie eine halbe E
PALOMINO in Leipzig

Betreten auf eigene Gefahr
Carsten Höller und Jan Winkelmann sparten für diese Ausstellung weder an Recherche noch Aufwand, und so ließ das Ganze zunächst auf sich warten. Der Titel, der dabei herauskam, klingt geheimnisvoll. “Palomino.” Meint das die beliebte Pferdefarbe, das Sublabel von C&A oder das Raumschiff der Science Fiction-Geschichte “Das Schwarze Loch”? Oder geht es gerade um das Inflationär-Werden von Bedeutungen nach der Einnahme bestimmter Essenzen? Eindeutiger ist das Schild an der Tür: “Optische und akustische Frequenzen können epileptische Anfälle auslösen – Betreten auf eigene Gefahr”. Ich lese lieber noch das Kleingedruckte: Spätestens seit der Antike zweifelt der Mensch an seiner Wahrnehmung. Dieser “paranoide Zweifel”, dieses Gefühl, das wir alle kennen, das etwas nicht stimmt, sei Teil des Seins. Der Focus liegt also auf dem “für wahr nehmen” (Plato) und dem daraus gelegentlich resultierenden “dra di net um” (Falco). Also das Phänomen einer verschobenen Wahrnehmung.
Bisher hatte gegen die Versuche des gelernten Biologen Carsten Höller, Kunst und Wissenschaft zu vermischen, gesprochen, dass sie als Verschmutzung von Herrschaftstechniken nicht taugten. Vor allem blendet(e) der von Höller propagierte Populärbiologismus, den er als Aufklärung betrachtet, systematisch aus, dass meinetwegen Glück zuerst eine soziale Frage ist. Da der Künstler zum exotistischen Vorführen einiger Volksgruppen Afrikas neigte, stellte ich ihn seinerzeit in eine Linie mit Leni Riefenstahl. Sollte diesmal Ernst Jünger in einen 3D-Themenpark übersetzt werden?

Rundgang
Im ersten Raum empfängt mich ein Lichtgewitter von zweitausend Glühbirnen, die im engen Raster aus zwei Wänden ragen und mit einer Frequenz von 7,8 Hertz aufblinken. Wobei mir die Wärme am besten gefällt, die die riesige ‘Lichtecke’ abstrahlt. Die angekündigten Farbeffekte stellen sich bei mir vielleicht deshalb nicht ein, da ich fürchte Kopfschmerzen zu bekommen und weiter gehe. Was aber nichts nutzt, da die Masse der Psychoaktivierungen in dieser Ausstellung letztlich doch zu Kater und Kopfweh führen. Im nächsten Raum finden sich Marcel Duchamps ‘Rotorreliefs’, ein Op Art Bild von Viktor Vasarely und ein zu aufwendig geratener Spiegel von Olafur Eliason, der sich von konkav zu konvex dehnt. Kunst aus siebzig Jahren wird mit einer genauso überraschenden wie selbstverständlichen Klammer zusammengestellt.
Überhaupt unterscheidet sich die gemeinsam mit Winkelmann getroffene Auswahl durch ihre Stringenz gegenüber Höllers sonst etwas wahllos wirkenden Anhäufungen aus Versatzstücken modifizierten Designs, Devotionalien der Schrotthalde Moderne, populärwissenschaftlichen Vorführungen oder Rummelplatz. Während sich im unteren Stockwerk vorwiegend Kunst findet, mischt sie sich oben mit verschiedenen anderen Genres wie Psychologie oder Musik. Mehr als die Hälfte der Ausstellung konzentriert sich auf Punkte und Kreise, was allein wunderschön ist. Die sehr sorgfältig ausgewählten Exemplare führen vor, was sich mit so wenig alles anstellen lässt. Neben Duchamps Film ‘Anèmic Cinema’ (1925) gibt es eine Auswahl der Arbeiten des Pioniers des Direct Cinema Len Lye. Eine andere Überraschung ist Anthony McCalls “Line Describing a Cone”. Sehr langsam beginnt eine weiße Linie auf schwarz einen Kreis zu ziehen. Da sich im Raum eine Nebelmaschine befindet, bildet die Projektion einen sich immer weiter schließenden zehn Meter langen Kegel. Es gibt Repliken des ‘Phänom Phi’ (1912), eine Entdeckung des Gestalttheoretiker Max Wertheimer oder der ‘Dreammachine’ (1959) des Malers und Poeten Brion Gysin. Ein gesprochener Loop der amerikanischen Psychologin Diana Deutsch oder Ritchie Riediger, der auf dem Leipziger Label ‘Jet Lag’ veröffentlicht, beschäftigen sich mit Audiophänomenen. Eher peinlich ist dagegen das Lachgas-Setting ‘Nitrousoxid’ (1996) des dänischen Künstlers Hendrik Plenge Jacobsens. Erst muss ein Vertrag unterschrieben werden, dass ich selber schuld bin, wenn ich kotze oder tot umfalle. Anschließend sitze ich mit einer Aufseherin in Designer-Stühlen an einem Tisch und atme durch eine Maske so was wie Poppers ohne Plop. Etwas angenebelt wandere ich zu den Wellenbildern von Bridged Riley, die besser knallen.
Ein mit wenigen Hammerschlägen von Heimo Zobernig zerbrochener, großer Spiegel, der wiederum auf Pappe aufgezogen wurde, fasst ohne Worte zusammen, wie wenig sich über Kokain sagen lässt. Oder dass die Begründung für die immer wiederkehrende Faszination vielleicht gerade in der Banalität liegen könnte.

Referenzkasten
Dass die Arbeiten des Künstlerkurators Höller quantitativ am stärksten vertreten ist und sich im Zentrum zwischen diversen Klassikern der Moderne platziert, kann als Anmaßung gesehen werden. Aber warum soll einer, wenn er die Möglichkeit hat, seinen Referenzkasten nicht einfach offen legen oder Kunst- und Wissenschaftsgeschichte aus der Fragestellung der eigenen Perspektive zusammenstellen. Durch diese Positionierung werden aber auch die Schwächen von Höllers Arbeit deutlich. Sie appelliert fast nie an die Vorstellungskraft des Betrachters, sondern führt ihm Effekte eins zu eins als mehr oder minder perfekt inszeniertes psychologisches Erlebnis vor. Die sorgfältige und referenzreiche Auswahl und Zusammenstellung ist letztlich weniger künstlerisch gedacht, sondern aus der Position interdisziplinär denkender Didaktiker, was sich eher vorteilhaft auswirkt. Wahrscheinlich weil das Ganze recht selbstverständlich daherkommt und das Kuratoren-Duo “gemischt” ist, wird nicht alles mit dem Charakter des Kunstwerkes oder der Behauptung überzogen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb der Eindruck einer ideologischen Aufladung nicht aufkommt.

Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig, bis 4.November 2001

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Elektronische Lebensaspekte.