Debüt vom Floor, für den Floor
Text: Anton Waldt aus De:Bug 116


Pan Pot gehören zur Familie von Anja Schneiders Mobilee-Label. Ein Brandenburg-Raver und ein Halodri vom Chiemsee, die sich nach klassischer Techno-Manier egalisieren und synchronisieren: Für ein Album ohne Egoschwulst, vom Floor für den Floor.

No Pol, No Pot

An Mobilee gibt es immer noch nichts auszusetzen. Es ist zum Mäusemelken. Diese Label-Familie ist dermaßen freundlich, gelassen und aufgeräumt, dass man sich irgendwann unweigerlich umsieht, um den Haken oder wenigstens das schwarze Schaf der Familie zu entdecken. Aber da kann man sich lange umschauen. Bei Mobilee macht niemand eine dicke Ego-Hose, niemand versucht den Sound mit einem Klecks Posing oder einem Besserwisserkonzept aufzusexen.

Das Mobilee-Universum ist klassische Techno-Haltung durch und durch, weshalb “Pan Pot” auch niemals etwas mit Pol Pot zu tun hat, sondern immer den gleichnamigen Knopf am Mischpult meint. Und auf dem Cover des Albums-Debüts, das schlicht und schnacklos “Pan o Rama” heißt, spiegeln sich Raver in den Brillengläsern der Sound-Ingenieure. Statt ihrer Augen zeigen Thomas und Tassilo uns die Arme, die sie in die Luft bringen. Klassischer Stil eben, genau wie die zwanglose Formation im Kollektiv. Pan Pot ist gerade ein Duo, weil Marco Reesmann einfach mit anderen Dingen beschäftigt ist, keine dramatische Trennung oder gar etwas Endgültiges.

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Brandenburg & Oberbayern

Thomas und Tassilo schwingen wie zwei fröhliche Sinuskurven um den gleichen Beat, zwei humanoide Produktionseinheiten für Minimal nach der dunklen Klicker-Klacker-Spirale. Minimal, vor dem man sich nicht mal fürchten muss, wenn er mal im schwarzen Hallraum angeschoben kommt, denn hier herrscht transemotionale Techno-Gelassenheit. Manchmal wird auch munter geplockert oder sogar ein House-Bass geschwungen, alles ohne die Contenance zu verlieren, versteht sich.

Das Phänomenale am Duo Thomas und Tassilo ist dabei ihre Eigensynchronisation im kulturellen Raum: Thomas kommt aus Traunstein am Chiemsee, er hat die Selbstsicherheit eines süddeutschen Surferboys, und tatsächlich blitzt da ein Stück Holzperlenhalskette auf. Von Thomas wurde zu Hause klassisches Klavierspiel erwartet, aber dann ist er Raver geworden, im “Villa”, dem Club, den DJ Hell eine Zeit lang in Traunstein betrieben hat. Thomas hat sein Erbe (Großvater, mütterlicherseits) in die Tontechnikerausbildung gesteckt, für die er ein anständiges Studium aufgab und nach Berlin zog. Wo er mit Tassilo “in eine Klasse ging”. Mit Tassilo dem Brandenburg-Raver aus Templin: “So richtig mit Bauarbeiterweste! Zugepierct und alles!” Der gelernte Koch Tassilo finanziert die Schule durch die Auflösung seines Bausparvertrages: “Aber am Ende des Monats gab es nur noch Müsli.”

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Der Nullpunkt

So diametral die Richtungen sind, aus denen Thomas und Tassilo kommen, so leicht fällt die Synchronisation: Wer Ende der 90er, am dynamischen Tiefpunkt des Techno-Bogens, Raver wurde, musste es verdammt ernst meinen. Und dann auch noch DJ und hinterher mit vollem Risiko Produzent auf einer privaten Tontechnikerschule, “wo die ganzen Dozenten immer meinten: ‘Ooh, scheiß Techno.'”

De:Bug: Und der Haken? Fliegt euch der Kontrast Traunstein/Templin nie um die Ohren?

Thomas: Ist ja beides kleinbürgerlich …

Tassilo: Aber als das mit dem Techno bei uns angefangen hat, waren 80 Prozent in der Stadt Nazis!

Thomas: Schwarz-konservativ regiertes Oberbayern!

Thomas und Tassilo sind dermaßen parallel in tanzbaren Viervierteln geerdet, wie die Bordtechniker des Raumschiffs aus einem Sci-Fi-Ideal der 60er Jahre. Mein lieber Herr Gesangsverein: Raumschiff!!! In der Mobilee-Klassik werden sogar vergessen geglaubte Techno-Metaphern wieder zum Idealgefährt durch den Minimal-Nebel. Und den ziehen Pan Pot in ihren Tracks meistens wie ein Spannbettlaken über die Landschaft: Thomas greift sich Beat und Bass an der einen Ecke, Tassilo an der anderen, dann ziehen beide, bis das Soundfundament ordentlich unter tiefgelegter Spannung steht.

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Im Hallraum über diesem dunklen Bogen können die beiden dann umherschweifen und possierliche Details ans Firmament hängen. Oder metallisch flirrende Sägezahnketten über die Ebene jagen. Oder kleine Melodien fallenlassen und ihrem Delay nachtrollen. Oder leckere Samples klackern lassen. Oder in einem kleinen Neben-Groove-Gefährt durch die Gegend sausen. Oder beliebigen anderen Unsinn treiben, solange dieser den Schwung nicht beeinträchtigt, denn treiben muss es bei Pan Pot. Schließlich waren die Jungs erst Raver und haben sich erst danach Produktionsskills angeignet, weshalb die Richtschnur über dem Bass-Spannbettlaken immer nach vorne zeigen muss.
http://www.mobilee-records.de

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Elektronische Lebensaspekte.