Pan Sonic schnitzen mit ihrer vierten LP finnische Soundlandschaften.
Text: florian sievers aus De:Bug 45

techno

Sie reden! Sie haben’s warm!
Pan Sonic

Mika Vainio ist ein bisschen genervt von den ganzen Klischees, die so um die Verbindung vom kalten Finnland mit der vermeintlich kalten Pan Sonic-Musik kursieren: Nein, die Einöde in ihrer Musik habe nichts mit den Temperaturen und der Landschaft in ihrem Heimatland zu tun. Und außerdem leben er und sein Pan Sonic-Kollege Ilpo Väisänen längst im wuselig-warmen Barcelona, nur ein paar Blocks vom Strand entfernt. Mika ist 1998 von London dorthin gezogen, wo er die hohen Mieten und die unfreundliche Atmosphäre nicht mochte, Ilpo folgte im vergangenen Jahr. In Finnland sind sie nur noch selten. “Diese einfache Linienziehung ist langweilig”, kritisiert Mika. “Natürlich beeinflusst die Umgebung den künstlerischen Output – aber doch sehr unterschwellig und indirekt. Und das kann sich auch reziprok auswirken: wenn man an einem sehr chaotischen Ort wie Barcelona wohnt, kann das auch den Drang auslösen, sehr aufgeräumte, reduzierte, strukturierte Kunst zu machen.”

Diese ausführliche Antwort zeigt außerdem, daß man von noch einer eingeschliffenen Klischee-Kleinigkeit bei der Pan Sonic-Darstellung Abstand nehmen sollte: den wortkargen Finnen nämlich. Denn Mika, ja, redet. Und so ist er fast schon wortreich darauf bedacht, Pan Sonics Musik von einseitigen Beschreibungen wie “abweisend” und “fremd” zu lösen. “Natürlich machen wir ein paar Tracks absichtlich kalt – aber wir haben auch eine ganze Menge genau gegenteilige Sachen im Programm.” Pan Sonic ist für ihn vielleicht physisch und roh – aber auch warm und tiefgründig, und er betont gerne, welchen Einfluss jamaikanischer Dub und Reggae auf die Frequenzwüsten der Band gehabt haben. Ansonsten aber verweigern sie, immer noch ganz alte Elektronikschule, ebenso Theorieüberbauten zu ihrer Musik wie sie auch ein Minimum an Zusatzinformationen zu ihren Platten bieten. Weniger Nebenstruktur bedeutet bei Pan Sonic weiterhin mehr Dimensionalität und Perspektiven.

Mit dieser Vorgehensweise haben Mika und Ilpo, beide 37 Jahre alt, jetzt ihre vierte LP zusammengebritzelt: “Aaltopiiri” (das heißt “Wellenlänge”, “Wellenkreis”, aber auch “Reichweite”) ist ein weiteres Schrauben an Details zur Abstraktion. Eine Sammlung von Rauschen, Störsignalen und Pulsieren mit allen Pegeln im Anschlag. Man braucht eine einigermaßen gute Stereoanlage, um diese extremen Höhen und Tiefen adäquat darstellen zu können. Aufgenommen wurde die Platte in ihrem eigenen Studio in Barcelona, zu dem sich wieder schnell zwei Klischee-Bilder aufdrängen: entweder ist das eine saubere, leergeräumte, geradlinig organisierte Klangforschungskammer mit weißen Wänden und einigen blinken Displays. Oder ein vollgestopftes Mad-Scientist-Labor mit lebendigen, undurchschaubaren Geräteclustern, denen der Geruch von verschmorten Kabeln aus den aufgeschraubten Eingeweiden dringt. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen – Wissenschaft ist aber auf jeden Fall beteiligt. “Es ist vor allem unprofessionell”, sagt Mika. “Wir haben nicht viel Krams, und alles ist sehr low-tech und ohne Midi.” Mika hat nicht mal einen Computer, weil er den damit verbundenen Informationsstrom meidet.

Mika und Ilpo, das kurz zur Erinnerung, kommen beide aus dem finnischen Turku, wo sie sich Anfang der 90er als Mitglieder der Partyorganisations-Crew Hyperdelic Housers auf Acidhouse-Parties kennengelernt haben. 1993 gründeten sie das Projekt unter dem Namen Panasonic, ein Jahr später kam der dritte Mann Sami Salo dazu, der 1996 wieder ausstieg. Ihre ersten Platten trugen dann Mitte der 90er das großartige Sähkö-Label auf der Landkarte minimalelektronisch-obskurer Musik mit ein. Noch vor zwei Jahren zelebrierten sie mit “A” den Verlust dieses Buchstabens in ihrem Bandnamen, den der gleichnamige, kleingeistige Elektronikgroßkonzern erzwungen hatte.

Mittlerweile bewegen Pan Sonic sich leichtfüßig zwischen ebenso unterschiedlichen Einsatzgebieten, wie ihre Musik lesbar ist: sie machen Performances an Kunstorten wie dem Pariser Centre Pompidou, vertreten auch mal in der finnischen Botschaft in London offiziell die Hochkultur ihres Landes oder unterlegen Comme Des Garçons-Modeschauen in Tokyo mit Knacksen, Brummen und Wummern. “Es wäre zu langweilig für uns, nur in einer Szene zu arbeiten. Dieses Dazwischensein ist sehr wichtig für uns, so können wir immer wieder wechseln”, erklärt Mika. Nur bei richtigen Parties lassen sie ihre Geräte lieber ausgeschaltet. Denn live kann man sich entweder alle Körperzellen von ihrem skelettierten Wild-Pitch-Frequenz-Geschraube durchwalken und dabei mit einem projizierten Oszillatorstrich zur Extase leiten lassen – oder man verlässt fluchtartig den Raum des Geschehens. Dazwischen gibt es nichts. Mika: “Wir wollen live so laut wie möglich sein. Es ist uns wichtig, dass das immer eine physische Erfahrung ist.”

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Elektronische Lebensaspekte.