Der Chicagoer Mark Nelson von Labradford spielt solo als Pan American Musik, mit der er im Berlin des Dub-Techno zuhause sein müsste. Er versteckte sich aber lieber hinter seinem Mischpult. Nur mit Thaddi Herrmann sprach er über Leuchttürme.
Text: thaddeus herrmann, kickboardboy@kickboardgirl.com aus De:Bug 35

/elektronika Lighthouse Music Pan American Auswärts Vor rund einem Jahr geschah im schottischen Edinburgh folgendes: Ein ziemlich verschüchterter Mark Nelson, eigentlich Gitarrist der Postrock Band Labradford, nahm in einem namenlosen Club auf der Bühne am Fender Rhodes E-Piano Platz, schmiss den Sampler an und lenkte innerhalb von schätzungsweise einer halben Millisekunde die Aufmerksamkeit der rund 300 Anwesenden auf sich. Komplett. Total. Nie wieder habe ich ein so andächtiges Konzertpublikum erlebt. Das Rhodes erzählte einsame, traurige Geschichten, hauchte ganz Schottland mit wattigen Tupfern voller Weh- und Schwermut an, und der Sampler steuerte sparsame Gitarren, minimale Beats, mit und ohne grade Bassdrum und den vielleicht zweittiefsten Bass der Welt zu. Musik, die so persönlich ist, dass man nie im Leben mit anderen Menschen teilen wollen würde. Nelson schickte von seiner improvisierten, bühnengestützen Kommandozentrale einen wundersamen musikalischen Fangstrahl aus, und alle waren froh, sich freiwillig zu ergeben, einem Dub, flockig hingefrickelt, der sich in Berliner Hinterhöfen genauso wohlfühlt wie an einsamen Küstenstreifen oder auf nächtlichen Kleinstadtparkplätzen. Pan Americans damals gerade auf dem amerikanischen Indie Kranky erschienenes Debutalbum wurde zum Megaseller in Technoplattenläden, und die Welt schien in Ordnung, hatte sie doch einen neuen Leuchtturmwärter für Tiefdub und sonische Schönheit gefunden. Nelson sass derweil schon im schottischen Backstage und verstand eben diese Welt nicht mehr. Soviel Bewunderung und Dankbarkeit machten den schüchternen Mann aus Chicago unsicher, und so verschwand er urplötzlich ins Hotel. Wahrscheinlich, um schon wieder über neue Lichtkonstellationen für seinen Leuchtturm nachdenken zu können. Daheim ãSchön, endlich in der Stadt zu sein, die musikalisch derzeit so wichtig für mich istÒ, sagt Mark, nachdem er mir in Berlin schon einen Kaffee in die Hand gedrückt hatte, bevor ich überhaupt hallo sagen konnte, zupft mich am Jackenärmel und manövriert mich ins Hinterzimmer der Konzerthalle, plaziert mich auf einem Sofa und schaut mich erwartungsvoll an. Interviews sind seine Sache nicht, das merkt man gleich, aber Berlin ist ihm wichtig. In der Tat hat er sich intensiv mit den Produktionen von Chain Reaction und Basic Channel auseinander gesetzt, auf der Suche nach Tiefe. Seinem neuen Album Ô360 Business / 360 BypassÕ hört man das an. Mit noch mehr Fokus auf Repitition und Reduktion sind allein die Gitarren und Vocals daran schuld, dass die Platte für ein Technolabel noch zu advanced ist. ãBei Pan American muss ich nur auf mich hören, keiner redet mir rein. So kann ich Dinge wagen und muss mich nicht auf Kompromisse einlassen. bei Labradford sind wir immerhin zu dritt. Da dauert es eine Weile, bis man etwas auf den Punkt gebracht hat.Ò Dass er immer wieder gefragt wird, warum er mit Pan American ein vor allem elektronisches Projekt betreibt, wundert ihn. ãGut, Labradford ist mit viel Gitarre gestartet, aber Techno hat mich immer interessiert. Schliesslich wurde diese Musik in den USA erfunden, auch wenn das kaum ein Amerikaner weiss. Aber immerhin entdecken mehr und mehr Musiker in den Staaten, die eigentlich von der Gitarrenmusik kommen, die Elektronik für sich. Das bringt frischen Wind. Wir sind auch gerade dabei, für Labradford ein Remixalbum zusammenzustellen, wird sehr spannend.Ò Beschreiben kann und will er seine Musik nicht, aber das mit dem Leuchtturm gefällt ihm gut. ãEs gibt Dinge, die mir in der Musik wichtig sind: Sparsamkeit. Bestimmten Texturen den Platz geben, die sie verdient haben, und Elemente, die in einem normalen Mix eher untergehen, hörbar zu machen, diese gewisse Stimmung, bei der man nie weiss, ob man jetzt traurig werden muss oder sich eigentlich besser fühlen sollte. Das ist Musik, in der ich mich zuhause fühle. Und das ist bei den ganzen Berliner Produktionen genauso.Ò Dann wird wieder im Kaffee gerührt und noch ein paar Mal sachte gelächelt, bevor der Soundcheck beginnt. Marks Konzentration auf Musik führt an diesem Abend sogar so weit, dass er sein Set vom Mischpult aus spielt und sich auf der Bühne gar nicht sehen lässt. Verstanden hat das niemand, zumal ihm doch eigentlich alle nur zurufen wollten: ãWillkommen zuhause, Mark!Ò

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.