Die Berliner Nachtlebensfackelträger Sammy Dee und Zip wühlen als "Pantytec" in ihrer Samplekollektion, um mit intentionalem Knopfdrücken die Distanzen im Minimalhouse zu verändern. Von Beats, die unter einer Decke schlagen, und von Music Lovin' People, die den "Free"-Alarm schlagen.
Text: aljoscha / alexis aus De:Bug 59

Das Andere unter der Wolldecke

Ein stoßender, wabernder Helikopterflug durch die Häuserschluchten hochtechnisierter Urbanität. Immer kurz vor dem Absturz, die Rotoren scheinen sich langsamer zu drehen. Ein leichter Schwindel. Dann geht es wieder nach oben, 50 Meter über dem Beton. Schon glaubt man sich in einen Trailer des verhinderten Hauptstadtsenders TV-Berlin verirrt zu haben. Aber, es geht noch besser. Denn “Elastobabe”, die erste EP aus Pantytecs Album “Pony Slaystation”, führt uns nicht in diese Abgründe, überwindet die alltägliche Wetterkarten-Kamerafahrt, indem an die Pforten eines unbekannten Ortes geklopft wird. Nennen wir es einfach Paradies 2. (Paradies 1 hat es ohnehin nie gegeben.) Dorthin entführt zu werden? Ein Schicksal, das angenommen werden MUSS. Denn wohin die Reise genau geht bleibt spannend, angenehm offen und ungeklärt. Nur morbide wird es nie. Es erklingt nur noch ein Vocal als Reminiszenz auf die Quelle allen Lebens. Einst ein Vocalhousefetzen, dann “Strings of Life.” Jetzt: Die Sprachrhythmik von was eigentlich? “Free!” Ganz genau! Das trifft ins Mark so wie einst Todd Terrys “Honey, free at last!”. Immer wieder kratzt sich eine scheinbar erniedrigte, zitternde Stimme in den Track, erlangt eine Schönheit im Ping Pong der lose vernetzten Sounds, mal dumpf, mal orgiastisch hell. Mit diesem Album gelingt es Pantytec auch, eine Heerschar von Playmobilfiguren zum Wippen zu bringen, auch Logos der lösungsmittelproduzierenden Industrie neu zu definieren: Denn Pantytec strahlt freundlich. Genauso wie ihre Lichtspender Zip und Sammy Dee.

Zip und Sammy Dee sind DJs und das auf sehr entgegengesetzte Weise. Zip fixiert einen ganz bestimmten Punkt, der immer gehalten werden soll. Ausbruch und Ekstase passieren nie, das Versprechen, dass im nächsten Takt das große Ereignis passiert, wird nie eingelöst – ein ständiger Aufschub, der einen durch die ganze Nacht trägt. Weil der Höhepunkt nie eintritt, gibt es keine Erschöpfung und es entsteht eine neue Form von Konzentration. Zip, vielleicht der strengste House-DJ around Town, nimmt Minimalhouse in seiner avantgardistischen Härte bedingungslos ernst, damit die Musik als perfekte Exzesspraxis funktionieren kann. Weil die Grooves so gedämpft sind, können sie plötzlich als Plattform für alle möglichen Psychedelismen und Verdrehungen funktionieren.

Ganz anders Sammy Dee, Mann des Manövers. Er kann nach dem Live-Act auf dem Mainfloor das DJ-Ruder rumreißen oder auf dem kleinen House-Floor durch die weit auseinander liegenden Momente aktueller und vergangener Verzückungen tingeln. Er verlangt seinem Publikum nichts Bestimmtes ab, sondern lässt den konkreten Raum mit sich identisch werden. Während Sammy Dee schon seit 1990 in der Techno- und House-Szene als DJ unterwegs ist, war Zip Mitglied eines Industrial Projektes mit Markus Nicolai und Talla 2XL. Man war bei Sire USA im Vertrag. Bei dem Videodreh in Kalifornien entdeckte man in den Promoregalen des Labels Baby Fords BFORD9 und war bekehrt. Ein ebenso wichtiger Einfluss waren die Girls FM Tapes mit Sets von Luke Solomon, die ein in London lebender Freund aufnahm. Die housige Gemütsverfassung ist also ein Zustand, den Zip erst in den letzten fünf Jahren lebt.

Jahre später: Wer kann sich der Farbpolitik des Pantytec Labels “Perlon” entziehen? Irgendwann wechselten die Farben der Plattenhüllen von schwarz, gelb, weiß in gelb und rot und es war ein Schock. Zuletzt erhielten Cabanne und Ark stark zurückgenommene Farbwerte und auf dem Pantytec-Album verliert man sich im Hautfarbenen und einem Lindgrün. Perlon ist es gelungen, rulend zu sein, ohne ein fassbares Bild zu liefern. Das Bild wäre am ehesten Minimal-House, aber gerade Pantytec sind alles andere als minimalistisch. So wird Repräsentationskritik zur realen Praxis. Sammy Dee und Zip fragen sich: wie können Aufmerksamkeits-Ökonomien noch gebrochen werden? Wenn es im Studio einen Takt gibt, der dem Stück Hitcharakter verschaffen würde, taucht er in der Mitte des Tracks acht Takte lang auf, dann verschwindet er und es passiert etwas völlig anderes. Pantytec verändern die Distanzen. Genauso funktionieren Stimmen nicht als Lied, sondern produzieren einen Effekt körperlicher Nähe. Die Beats klingen, als schlugen sie unter einer dicken Wolldecke, die Stimme des Anderen wird so ganz unmittelbar spürbar. Das Mastering-Studio war von der Dumpfheit der Musik perplex. Pantytec produzieren einen achten, neunten und zehnten Weg der “Seven Ways to make you Jack”, von denen der Chicagoer Houseproduzent Hercules einst sang.

Zip und Sammy Dee arbeiten aus dem akustischen Fluss des Alltags heraus. Immer schon sammelt man Material in einem Soundschuhkarton oder in einer Soundbibliothek, die in der recht kurzen Zeit von vier Monaten zu dem Album verdichtet wurden. Nie gibt es die Situation, in der sich der Künstler an sein Instrument setzte und sagte: Jetzt komponiere ich ein Lied. Sogar die Vocals sind fast immer zufällig entstanden. Masters At Work erzählten mal, dass beim Einsatz von Gastmusikern eigentlich immer alles schon fertig sei, der betreffende Musiker spielt dann genau die vorgesehene Spur ein. Bei Pantytec funktioniert es genau umgekehrt. Der einzige intentionale Akt liegt darin, in einer guten Situation den Aufnahmeknopf zu drücken.

Es war endlich an der Zeit, diese Schubladen zu öffnen, die randvoll gefüllt mit akustischen Schnipseln und Sounds überzuschwappen drohten. Um nicht mitgerissen zu werden von diesem Strom, Adorno nannte ihn wohl “leere, fröhliche Fahrt”, wurde ein anderes Ticket gelöst: Das zum konzentrierten Nicht-Nicht-Produzieren. Da wird kein Fahrplan für die Trackreihenfolge erstellt, schweinische Studiozeiten abgemacht: Denn ein Track entsteht zwischendurch. Ein Griff in die Schublade, jemand zückt eine Klampfe, und hat da nicht neulich jemand einfach herzergreifend gesungen? Zip und Sammy Dee bringen das so locker zusammen. Sie komponieren nicht als Konzeptkünstler, sondern als music lovin’ People die schmutzige internationale Charta elektronischer Lebensweisen. Glaubte man vorher auf heilige Kapellmeister zu treffen, die nach Studium eines A-Moll Pianoklangs sich nun der Kulturgeschichte von C-Dur widmen, um das perfekte Klangarrangement auszutüfteln, so muss man einfach nur feststellen: Some Boys are bigger than others.

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Elektronische Lebensaspekte.