Schaut man sich die Technologien an, um die es sich bei der Verschmelzung von Print und Digitalem in den kommenden Jahren drehen wird, dann wird schnell klar, dass wir erst am Anfang einer radikalen medialen Umwälzung stehen. Letztes Jahr gab es mehr als einen Startschuss in diese Richtung, die heutige eBook-Reader vom Kindle bis zum iPad bereits alt aussehen lassen. Wir stellen sie vor.
Text: Sascha aus De:Bug 140

EBook-Reader sind schon seit mehr als Dekade auf dem Markt, einer der ersten war das SoftBook, das bereits 1998 kam. Es hatte damals schon einen 9,5″-Touchscreen, eine Internetverbindung über ein internes Modem, einen Browser für Webseiten und es konnte immerhin bis zu 100.000 Seiten speichern. SoftBook Press setzte zu dieser Zeit auf ein offenes eBook-Format basierend auf XML, aus dem später unser heutiger EPUB- Standard wurde.

Die paar Hipster, die sich den Reader damals kauften, schworen darauf wie andere auf ihren Newton. In Zeiten allerdings, in denen Röhren-Monitore noch auf den Schreibtischen standen, war die Angst vor dem Flackern (auch wenn LCDs eigentlich nie davon betroffen waren) groß, und das Lesen am Bildschirm stand unter Generalverdacht, auch wenn die Sonne gerade nicht schien.

Elektronische Tinte
In den Laboren von Xerox wurde seit den Siebzigern heftig an elektronischem Papier geforscht. Die heute gängige E-Ink-Technologie, genau genommen “Elektrophoretische Anzeige”, gehört seit kurzem der Firma Prime View International, die auch den Kindle herstellt und funktioniert auf der Basis von geladenen Mikrokapseln in Flüssigkeit, die magnetisiert werden und dann je nach Ladung für ein sattes Schwarz oder Weiß sorgen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Einmal magnetisiert braucht es keinen Strom mehr, und da sie nicht selber leuchten, reflektieren sie das Licht wie eine Buchseite. Sony war schon 2006 mit einem solchen Reader am Start. Mit bis zu 160dpi sind E-Ink-Displays obendrein durchaus so scharf wie eine gängige Tageszeitung. Der große Makel: Im Dunkeln lesen ist nicht mehr und der Übergang von einer Seite zur nächsten ist Aufgrund der Langsamkeit des Prozesses nicht schön anzusehen. Nahezu alle eBook-Reader heute basieren auf Elektrophoretischen Anzeigen. Die bislang fehlende Farbe verleiht E-Ink in einer Gadget-Welt, in der Multifunktionalität schon fast eine Grundvoraussetzung ist, allerdings eine etwas altmodische Anmutung.

Flexible Zukunft
Einer der größten ergonomischen Vorteile von Papier ist seine Biegsamkeit. Flexibilität ist nicht ohne Grund eines der am heftigsten umkämpften Forschungsgebiete bei Displays. Philips versprach schon 2005, dass papierähnliche Displays spätestens 2008 hätten fertig sein sollen. Sony war vorsichtiger und prognostizierte die digitale Thora für 2010. Vaporware? Nokia hat, wie nahezu jede andere große Firma, seit Jahren ein Patent, LG Prototypen auf 11″: durchaus schon ein passables Zeitungsersatzformat. Amazon hat gleich eine ganze Firma gekauft, die sich damit beschäftigt. Und schon wieder gibt es zusammen mit PVI Versprechungen, dass sie noch dieses Jahr damit auf den Markt kommen.

Der flexible Touchscreen muss es jetzt sein. Es gibt kaum einen, der nicht an die unaufhaltsame Zukunft der flexiblen Bildschirme glaubt. Die Vision: Halte ein Blatt elektronisches Papier in der Hand, dessen Grenzen nur von der Phantasie der GUI-Designer bestimmt werden. Die Realität wird in den kommenden Jahren haptischerweise jedoch sicherlich eher in Richtung schwabbelige Plastikseite mit gewisser Biegsamkeit gehen. Markiert das schon das Ende von E-Ink als Hoffnungsträger des digitalen Buchdrucks in genau dem Jahr, in dem so viele eBook-Reader wie noch nie auf den Markt kommen?

Ink vs. Screen
Das Ende könnte auch von anderer Seite kommen. Denn die Entscheidung zwischen LCD und OLED gegenüber E-Ink ist mit Pixel Qi’s Display-Zwitter, der sich von der einen Funktionalität zur anderen umschalten lässt, und damit alle Bedenken einer möglichen Konkurrenz zwischen ruhigem flackerfreien Gegenlicht-Lesen und schwarz-weißem Retro aus dem Weg räumt, bereit, die Gadget-Regale noch dieses Jahr zu füllen. Mindestens das hätte man vom iPad erwartet, wenn es wirklich eine Revolution hätte sein wollen. Notion Inks ”Adam” mit Android als OS ist der erste Beweis, Qualcomm ist mit dem Mirasol IMOD Display auch dieses Jahr soweit, farbig und ohne Hintergrundbeleuchtung Screens herzustellen, die ohne Probleme Videos spielen können, und trotzdem enorm Strom sparen.

Screen on Print
Doch es geht nicht nur um die Bildschirme selbst, sondern auch darum, ob sie nicht ein Teil von Druckerzeugnissen werden können. Nachdem Esquire schon 2008 mit einem E-Ink-Cover vorgeprescht war, schienen die Versuche, einen LCD-Bildschirm mit Pepsi-Anzeige in ein Magazin wie Entertainment Weekly zu pressen, letztes Jahr immer noch ungelenk und unverschämt teuer – aber sowohl die Preise als auch die Dicke der Bildschirme befinden sich im freien Fall. Keine Frage, nach experimentellen Anzeigen werden sich zunächst diverse eh schon hochpreisige Vanity-Magazine auf von Bildschirmen illuminierte Coverseiten stürzen.

Bis zu dem Tag, an dem einen sämtliche Magazine am Kiosk mit freudigem Flackern empfangen, ist es sicherlich noch eine Weile hin, aber zumindest bei den Grundlagen der Stromversorgung ist schon alles klar. Von den Grußkarten lernen, heißt siegen lernen. Genau dafür nämlich hat das Fraunhofer ENAS druckbare Batterien entwickelt, die in der Produktion nur ein paar Cent kosten, 1,5 Volt produzieren, weniger als ein Gramm wiegen und dieses Jahr in Produktion gehen sollen. Wer herausfindet, wie man diesen Batterietypus mit induktiver Aufladung (wie bei elektronischen Zahnbürsten und manchen Handys) verbindet, hat den Stein der aufgeladenen Weisen gefunden und wird uns die Zukunft mit induktiven Zeitungsständern versüßen.

Print Screens
Doch auch Bildschirme werden schon gedruckt. General Electronics preschte schon 2008 damit vor. Printable OLEDs. PLED. Bannerproduktion über den Tintenstrahl-Drucker. Typische Anwendungen in naher Zukunft: Werbung, Leuchtanzeigen, blinkende Kleidung. Das Versprechen: Es könnte wesentlich billiger werden als bislang übliche LCDs und der Energieverbrauch ist dezenter. Die Wahrheit: OLED-Produktion ist längst noch nicht so weit und selbst Kleinfernseher mit dieser Technologie sind noch sündhaft teuer, die Lebensdauer der Farben (speziell Blau) reicht nur bis zum übernächsten Revolutionszyklus und wirklich stromsparend ist vor allem die Anzeige von Schwarz. Dennoch: Drucken hat Zukunft, denn nach den Batterien und den Bildschirmen sind druckbare Transistoren dran.

Als nächstes dürften sich wohl komplett druckbare RFID-Chips auf den Weg in Printprodukte machen. Schon jetzt sind die Kosten für Funk-Chips eigentlich so gering, dass sich damit Zeitungen ausstatten ließen, um über die ausgelesene Einzigartigkeit der Tags dem Käufer einer Zeitung Zugriff zu digitalen Inhalten zu geben, die sonst mehr kosten würden. Bonussysteme, die bei Schallplatten mit Downloads mittlerweile schon üblich sind, scheitern bislang vor allem daran, dass sich (ausgenommen ist Japan) Near Field Communication auf Konsumentenebene einfach viel zu langsam durchsetzt. Das Internet der Dinge vermisst RFID-Reader in jedem Handy schon lange.

Print Keys
Besser integriert und schon über diverse Testphasen hinaus ist dafür Augmented Reality als Printzusatz. Gedruckte Codes oder einfach von Software erkennbare Bilder treiben ihr Unwesen in nicht wenigen Magazinen und einer schier unüberschaubaren App-Flut. Auch hier ist das Konzept nicht unähnlich dem von DRM oder – einfacher gesagt – einem Schlüssel zwischen der digitalen und der gedruckten Welt. Bislang ist es eher noch eine Spielerei oder technophile Prozession der Möglichkeiten, das Konzept aber, digitale Inhalte an ihre Printzwillinge über einen Authentifizierungs-Prozess der Verschmelzung von realer und virtueller Welt zu binden, ist durchaus eine gangbare Möglichkeit. Und auch hier kann eine Screen-Technologie, die vor der Tür steht, einiges bewegen: Transparente Screens bieten sich einfach an, wenn man hinter die Grundfesten der realen Welt blicken will.

Ob es nun Bildschirme sind, auf denen wir in Zukunft ausschließlich lesen werden, oder Zwitterwesen; ob die Bildschirme noch als Bildschirme erkennbar sind; ob die Zukunft des Drucks ein langsames Verschwinden oder ein Zusammenwachsen mit Technologie wird – das bleibt abzuwarten. Nach allen anderen Medien aber hat die digitale Revolution Print voll erfasst und ohne Displays wird es, auch wenn Bücher in ihrer jetzigen Form nicht verschwinden müssen, ab nun nicht gehen. Und selbst wenn es bislang erst wenige Ansätze von dem, was man Social Reading nennen könnte (z.B. bei Txtr), gibt und eine Vision wie die von Neal Stephensons Young Lady’s Illustrated Primer technisch noch ein paar Jahre weg ist: Die Zukunft wird nicht nur lesbar bleiben, sondern in ihren Fundamenten weiter durch die Schrift bestimmt.

Aus dem Special in De:Bug 140: PRINT: UNTER DRUCK

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Elektronische Lebensaspekte.

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