Die Krise der Presse ist keine Krise des bedruckten Papiers, sondern des traditionellen Geschäftsmodells der Verlage. Nach individuellem Bedarf bedrucktes Papier boomt dagegen ungebrochen: vom Drucker im Büro bis zur persönlich zusammengestellten Tageszeitung.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 140

Das andauernde Gejammer der Zeitungs- und Magazinverlage führt zur irrigen Annahme, dass bedrucktes Papier ein Auslaufmodell sei. Dabei ist eher das Gegenteil der Fall: “Je stärker papierlose Kommunikationsmittel genutzt werden, desto mehr Papier wird bedruckt”, bringt es die aktuelle Studie im Auftrag des Druckerherstellers Brother schön auf den Punkt. Und auch wenn es in der Studie nur um die Papierverhältnisse in Büros geht, gilt das Fazit auch darüber hinaus.

Denn wenn Verlage lauthals Krise schreien, steckt dahinter in erster Linie eine Krise ihres gewohnten Geschäftsmodells, das auf Anzeigenverkäufen in Titeln mit möglichst hoher Auflage basiert. Dieses Modell ist tatsächlich schwer angeschlagen, weil sich die Auflagen einzelner Druckerzeugnisse im Sturzflug befinden, jedenfalls statistisch besehen: Je größer die Auflage einmal war, umso drastischer der Absturz. Aber der Niedergang der Mainstream-Titel wird immer noch durch den Longtail kleinerer Titel aufgefangen, angefangen von Special-Interest-Magazinen, deren Zahl immer noch zulegt, bis hin zur kleinstmöglichen Auflage, dem Einzelstück aus dem eigenen Drucker.

Das deutlichste Zeichen für den ungebrochenen Drang zum gedruckten Papier ist daher nach wie vor der steigende Papierverbrauch: Allein von 1999 bis 2007 stieg hierzulande der Pro-Kopf-Konsum von 214,6 auf 256,4 Kilogramm, laut Bundesumweltministerium entfällt davon gut die Hälfte (47 Prozent) auf Druck- und Pressepapiere. Aber wie passt der stetig steigende Papierverbrauch zur Tatsache, dass wir gleichzeitig immer mehr Zeit vor verschiedenen Screens verbringen, auf denen wir neben Videos vor allem Texte und Bilder betrachten?

Das vermeintliche Paradox löst sich in der Unersättlichkeit unseres Medienkonsums in Wohlgefallen auf. Und auf der Speisekarte dieses andauernden medialen Fressanfalls nimmt bedrucktes Papier auf absehbare Zeit eine Menge Platz ein. Für das, was da bedruckt wird, gilt unterdessen, dass so ziemlich jeder Konsument andere Vorlieben und Bedürfnisse entwickelt, und in den seltensten Fällen geht es dabei nur rational und logisch zu. Nicht zu unterschätzen ist beispielsweise, wie viele E-Mails und Websites ausgedruckt werden, nur weil sie dadurch im Bewusstsein des Druckenden einen speziellen Status erhalten, der für die weitere Prozessierung der Inhalte unverzichtbar ist.

Tageszeitung nach Maß
Zwischen dem Output der Drucker in Wohnungen und Büros einerseits und den Großauflagen klassischer Druckereien eröffnet sich unterdessen ein immer größeres Feld hybrider Konzepte, bei denen individuelle Nachfrage von professionellen Dienstleistern befriedigt wird. Der Klassiker in dieser Hybrid-Klasse sind die Copyshops, die ja immer schon Kleinstauflagen realisiert haben (bemerkenswert übrigens auch, dass der Drucker-Boom die Copyshops nicht vom Markt gefegt hat).

Ein aktuelles Paradebeispiel für die Möglichkeiten der Hybrid-Klasse ist unterdessen die individualisierte Tageszeitung niuu. Diese besteht aus Teilen verschiedener, bestehender Zeitungen, also beispielsweise aus dem Politikteil der taz, dem Sportteil der BILD, der Kommentarseite der New York Times und dem Lokalteil des Hamburger Abendblatts. Das Berliner Startup, das niuu anbietet, hat derzeit knapp 20 Titel im Angebot, aus denen man sich die eigene Wunschzeitung zusammenmashen kann.

Die insgesamt maximal 20 Seiten dieser Wunschzeitung kosten 1,20 bzw 1,80 Euro, je nach dem ob man Student oder Berufstätiger ist, ein Preismodell, das niuu von der taz übernommen hat. Im Preis enthalten ist die Zustellung am frühen Morgen wie man es von klassischen Zeitungsabos her kennt (derzeit aber nur in Berlin). Möglich wird niuu einerseits durch die Fortschritte in der Drucktechnik (hier ist ein digitales Monstrum namens JetStream 2200 am Werk), andererseits durch den Druck auf die Zeitungsverlage, neue Vertriebsmodelle zu finden. Nicht zuletzt dürfte die Möglichkeit, hyperindividuell Anzeigen zu platzieren, die Startup-Fantasien beflügelt haben: Ein Leser des Sportteils der Washington Times, der im Prenzlauer Berg wohnt, bekommt nämlich im Zweifelsfall eine andere Anzeige als der im schnöseligen Zehlendorf.

Natürlich kann sich der Zeitungskonsument bei niuu auch Webinhalte in die Zeitung drucken lassen und hier wie allgemein gilt: Digitale Inhalte und Papier werden auf absehbare Zeit eine letztendlich friedliche, weil sich gegenseitig befruchtende, Koexistenz führen. Und das nicht nur, weil die Inhalte klassischer Medien in individueller Form gedruckt werden, sondern auch weil der Bedarf für Druckerzeugnisse mit den eigenen Inhalten ständig steigt: Von der Papierversion des Fotoalbums, das man sich über Apples iPhoto erstellen kann, bis hin zum Kochbuch mit der eigenen Rezeptsammlung, das man sich in Einzelauflage von Dienstleistern wie Blurb herstellen lässt. Ob bedrucktes Papier in Zukunft noch massenhaft genutzt wird, könnte aber zuletzt auch von technischen Überraschungen abhängen: So gibt es heute schon Drucker, die mit wiederbeschreibbarem Spezialpapier arbeiten, das aus PET besteht und bis zu tausendmal verwendet werden kann. Noch sind entsprechende Geräte wie der PrePeat-von Sanwa Newtec astronomisch teuer, aber das waren Fotodrucker vor zehn Jahren auch noch.

Aus dem Special in De:Bug 140: PRINT: UNTER DRUCK

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