Wer militärisches Camouflage modisch verbrät, macht sich leicht zum Horst des Blocks. Original-Camou-Hardliner Anton Waldt erklärt die Gründe. Wir zeigen, wie Camouflage trotzdem in der Mode funktioniert - es muss nur abstrakt genug abgewandelt werden.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 99

Tod den Paras!
Die Camouflage-Etikette

Camouflage-Muster sind ein Modestandard wie der Jeansstoff. Wenn allerdings Designer den Navy-Seals den Musterschneid abkaufen wollen, geht das meist gründlich in die Tarnhose. Die Essenz: Camouflage-Muster vom Modedesigner sind mit nichts unten. Para-Camou ist außerhalb von Donatellas Arsch nicht akzeptabel. Das Naheliegende: Camou-Muster vom Modedesigner sind die Kopie einer Chiffre des Authentischen. Damit könnte das Problem bei minimaler Einsicht der Kreativen gegessen sein – schließlich sind auch aktuelle Armeeentwicklungen kein geistiges Gut, das mit aggressiven Anwälten gegen Nachahmung geschützt wird, ganz im Gegenteil: Armeen scheinen es immer noch als Auszeichnung zu empfinden, wenn ihre Muster von möglichst vielen Bananenrepubliken und Warlords als Ausrüstungsstandard übernommen werden. Krude Kriegerlogik, deren Korpsgeist-Wurzeln den Rahmen dieser Modeseite sprengen würden. Die Details: Camouflage-Muster wurden während des Ersten Weltkriegs zunächst zur Tarnung von Großgerät wie Kriegsschiffen oder Lastwagen eingesetzt. Die ersten Muster gestalteten französische Kubisten und als die Idee auch bei den Deutschen aufgegriffen wurde, avancierte Franz Marc zum Chefgestalter. Die Camouflage-Wurzeln liegen also durchaus in zivilen Ateliers, die weitere Entwicklung wurde aber von weit mächtigeren Faktoren als individueller Kreativität dominiert: Natürlich zuvörderst die blutige Evolution der Schlachtfelder – If they don´t see you, they can´t shoot you. Aber auch kulturelle Einflüsse spielten bei der Entstehung der verschiedenen Camou-Traditionen immer wieder eine Rolle: Das polnische Muster erinnerte lange Zeit an die Leopardenfelle der Husaren, in Ostasien symbolisieren Tigerstreifen Kampfkraft und arabische Staaten griffen zeitweise bewusst auf Waffen-SS-Muster zurück, um ihren Antisemitismus zu unterstreichen. Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg Camouflage bei Kampfuniformen weltweit durchsetzte, haben sowohl diese kulturellen Faktoren als auch die praktischen Bedürfnisse nach effizienter Tarnung in verschiedenen Landschaften die Musterentwicklung gründlich geerdet – und genau hier liegt der Designerhund begraben: Authentisches Camouflage ist mit so viel Tradition und mit noch viel mehr Blut aufgeladen, dass jeder kreativ gemeinte Eingriff eine kniffelige bis unmögliche Operation wird, weil den Phantasiemustern schlicht das lange kollektive Ringen um die optimale Farb- und Formgebung abgehen muss. Wenn also ein routiniert gelangweilter Modehorst vom Otto-Versand oder ein frisch von der Uni geplumpster, überambitionierter Jungdesigner sein eigenes Camou-Muster entwirft, wird das Ergebnis zwangsläufig ein schwacher Abklatsch der echten Patterns, der sich auf den ersten Blick als schlechtes Kunstprodukt enttarnt. Para-Camou ist eben mit nichts unten und wer Para-Camou trägt, macht sich zum Löffel des Blocks und zur Lachnummer auf dem Floor. Im Armyshop ist der Stoff zudem viel billiger, also Finger weg vom Para-Camou und das gesparte Geld immer schön in Drinks und ein Lächeln investieren.

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Elektronische Lebensaspekte.