Frankreich ruft die Nouvelle Vague der elektronischen Musik aus. Para One und Tekel führen sie an. Wir unterschreiben den französischen Hype bedingungslos.
Text: Nikolaj Belzer aus De:Bug 104


Näher an der Sonne
Para One und Tekel

Nachdem in den letzten Jahren, mal abgesehen von Mr. Oizo und der Super Discount Crew um Etienne de Crecy, wenig Bahnbrechendes in Sachen harter Elektronika zu hören war, beschleicht einen das Gefühl, dass die stets in Paris konzentrierte Szene in den letzten 10 Monaten geradezu vor Lebens- und Outputfreude sprüht. Die üblichen Verdächtigen wie Chloé oder KilltheDJ stellen mittlerweile den repräsentativen Kern in Rex oder Pulp Club dar, kleine aber feine Acts wie Noze veröffentlichen (in Deutschland) inzwischen bei Trapez und oben drauf schwimmen die Compilations von Kitsuné oder der D-i-r-t-y Crew, die sich nicht zu schade sind, das Party-Volk zwischen London und Tokio mit noch so abgedroschenen RockTechHouse-Breaks zum Schwitzen und Schreien zu bringen. Wenn einem zu später Stunde im Club die süßen Raps von Uffie oder die Bass-Distortion von Justice um die Ohren fliegen, will man tanzen und es ist einem reichlich egal, ob Erol Alkan den gleichen Quatsch schon seit über zwei Jahren auf seinen Plattentellern veranstaltet. Deutsche Formalismus-Kritik, ick hör dir trapsen? Nein, denn schließlich ist es gerade diese Weitsicht, aus dem größten Klischee etwas substantiell Neues entstehen zu lassen, welche die elektronische Musik in Frankreich seit fast dreißig Jahren auszeichnet.

Deren interessanteste Repräsentanten sind im Moment [T]ékel und Para One. Während beide schon durch einige 12“s, EPs und Remixe (Para One zuletzt mit Daft Punks “Prime Time …“ und Ellen Alliens “Down“) für Aufsehen gesorgt haben, kommen diesen Sommer europaweit ihre ersten Alben auf den Markt. Das war es dann aber erst mal mit den Ähnlichkeiten.
Para One, der mit bürgerlichem Namen Jean-Baptiste de Laubier heißt, hat in den frühen 90ern mit Sprechgesang begonnen, dann ab 2000 Tracks für Frankreichs Rap-Export-Schlager TTC produziert und ist schließlich bei Clubmusik angekommen.
[T]ékel kommen hingegen direkt vom Rock und machen im Moment offensichtlich viel mehr (als Para One) Techno. Der Name setzt sich aus “T“ für “Techno“ und “ékel“ zusammen; Letzteres hat nichts mit Polanski zu tun, sondern ist wie so oft in Frankreich eine Referenz zur bildenden Kunst. Loic ist ursprünglich Gitarrist, Julien Schlagzeuger. Gefunden haben sich beide über eine dieser “Band sucht Drummer“-Anzeigen in einem Musik-Journal. Das war vor über zehn Jahren und in der Zwischenzeit haben sie die Instrumente gegen ProTools und MiniMoog eingetauscht.
Gemeinsam ist den drei Künstlern vor allem, dass sie in musikalischer Hinsicht, wenn auch in verschieden Richtungen gehend, Großes vorhaben. Das geht so weit, dass die Redakteure des französischen Techno-Leit-Mediums “TRAX“ ganz patriotisch Purzelbäume vor Freude schlagen und mit dem wenig bescheidenden Etikett der “Nouvelle Vague“ auf dem aktuellen Cover geschwind die filmhistorische Analogie-Keule ausgepackt haben.

Debug: Ihr werdet im Moment, obwohl ihr unterschiedliche Musik macht, oft zusammen wahrgenommen und gerne mit großen Etiketten versehen.
Julien: Na ja, ich glaube, die haben einfach eine Art von Aufmacher gesucht. Aber “Nouvelle Vague“, ich weiß nicht …
Loic: Auf der anderen Seite entsprechen wir schon dieser Geisteshaltung. Wir haben gewisse größere Erwartungen innerhalb der elektronischen Musik geweckt, uns auch ein wenig emanzipiert von den Wurzeln deutscher oder amerikanischer Elektronik.
Hm, vielleicht sagt man auch deswegen, dass gerade wir ein Teil der “neuen“ französischen Szene sind. Die Leute sind immer ein bisschen bei Daft Punk stehen geblieben; ich meine, Daft Punk haben großartige Arbeit geleistet, ohne Frage. Aber die Leute warten irgendwie immer auf etwas Neues von Daft Punk. Davor gab es dann, sagen wir …
Julien: … Depeche Mode.
Loic: Ja, Depeche Mode; und ich verstehe auch nicht, warum dann Depeche Mode. Es ist einfach sehr reduziert, nur solche Pole wahrzunehmen. Da liegt eine ganz Rock-Historie dazwischen, eine ganze Techno-Historie, dass ist einfach überreduziert. Und ich denke, in Frankreich hat man genau dieses Problem. Das Problem des “Früher war es besser“. Wiederum war aber auch ein Grund, warum alle Daft Punk so mochten, dass es etwas Neues war.

Debug: Ist das französische Publikum in dem Zusammenhang denn sehr kritisch oder auch speziell?
JB: Sehr hart, z.B. kriege ich Beleidigungsbriefe übers Internet. Richtige Schimpfschriften. Jemand, der meine Laufbahn genau kennt, der alle meine Interviews gelesen hat. Der erzählt mir dann lang und breit von Politik, von Musik etc. Das ist jemand, der extrem viel Energie aufwendet, um mich zu hassen. Es gibt viele solcher Leute.

Debug: Trotzdem legt ihr künstlerisch alle drei verstärkt Wert auf einen individuellen, fast persönlichen Ausdruck.
JB: Das ist aber auch die Vermischung von ganz unterschiedlichen Einflüssen wie zum Beispiel Rap und Techno.
Julien: Wir haben einiges benutzt: HipHop, Wave, Pop, Rock, Techno. Da könnte man natürlich auch sagen, die “Nouvelle Vague“ ist eine neue Form der Synthese von Einflüssen.
JB: Das ist ja schließlich auch keine Genre-Musik, was wir machen. Es gab ja auch das Autoren- sowie das Genre-Kino.
Loic: Wir machen, richtig gesprochen, ja auch keinen Techno; Wir benutzen bestimmte Arten von Techno, um eine wiederum andere Musik zu machen.

Debug: In Deutschland orientiert man sich sehr in die inhaltliche Richtung. Man hat den Eindruck, dass in Frankreich eher ein hedonistischer Aspekt im Vordergrund steht.
Loic: Das liegt in erster Linie im Latin-Background begründet, den Frankreich nun mal hat und Deutschland nicht. Man könnte sagen, wir sind vielleicht ein bisschen näher an der Sonne (lacht …).

Debug: Unterscheiden sich auch die Hörer?
JB: Was ich in Paris im Club sehe, ist, dass die Jungs die Tussis angehen. In Berlin lieben die Leute vor allem die Musik, was sehr angenehm ist; zur gleichen Zeit ist alles aber ein wenig unpersönlicher. Hier hingegen geht man baggern, und gleichzeitig ist die Musik wichtig.
Loic (wirft nach kurzem Überlegen ein): Wenn es in Berlin um die Liebe zur Musik gehen soll, dann würde ich aber viel mehr verschiedene Arten von Musik vor Ort erwarten. Es gibt eine große Anzahl von bekannten Clubs, aber dort hörst du überall Electro und es sind oft sogar die gleichen Platten, die aufgelegt werden. Natürlich sind es super Abende, tolle Parties, aber eben meistens mit ähnlicher Musik.

Debug: Zum Stichwort Vielfalt in der Musik. Wenn man sich mal einige Platten aus den frühen 80ern anguckt, wo House, Funk und HipHop noch nicht klar getrennt waren, und dann auf den heutigen, auch euren Output schaut, denkt ihr, man kann vielleicht auch davon sprechen, dass sich der Kreis schließt?
Julien: Es ist richtig, dass die Leute am Anfang Techno entdeckt haben, der ja zunächst nicht offensichtlich viele andere Dinge mit sich brachte. Und jetzt ändert sich das eben. In der Anfangsepoche waren es vor allem Musiker, die die Maschinen entdeckt haben. Jetzt wird alles wieder “nach Hause“ zurückgebracht. Heute hört ja auch jeder alles, früher musste man sich entscheiden für “seinen“ Style.
JB: Schließlich gab es auch eine starke Macht des Pop Anfang der 80er, die wirklich unglaublich war. Davor gab es Platten, die so essentiell waren, dass man sich gesagt hat, “Ah, das ist ne neue HipHop-Scheibe“ oder “Ah, das ist die neue Disco-Scheibe“, die spielen wir jetzt auf allen Stationen. Danach hat man die Welt des Pop kennen gelernt, hat alles gedreht, um anders zu arbeiten, und es folgten 20 Jahre klar abgegrenzter Stile.
Loic: Es wurde richtig organisiert und jede kleine Gruppe war dann für einen Musikstil verantwortlich. Man hat sich schon vor der Musik auf den zu vermarktenden Stil festgelegt, heute ist es umgekehrt.

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Elektronische Lebensaspekte.