Trotz der gegenwärtigen Digitalitäts-Abstinenz schreckt Max Wendling nicht davor zurück, mit seinem Album eine Liebeserklärung auf alte Computerspielsounds abzuliefern. Ein Techno-Spät--Bekehrter, der, wenn die Musik rockt, lieber mal ein Bier trinken geht.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 92

Der Loop im Funk
Paradroid

Ursprünglich als Album für Mille Plateaux geplant, startet Paradroids “Romanticism in Robotic Systems” nun das Anfang des Jahres aktivierte Nachfolge-Label “Plateaux Resistance” und legt die Messlatte für weitere Releases auch schon einmal richtig hoch. Grund genug, sich mit Paradroids alter Ego Max Wendling über digitale Soundwelten und Computer-Funk zu unterhalten.

Wer oder was steckt hinter Paradroid?

Der Name Paradroid ist an ein altes C64-Computerspiel angelehnt. Man steuert einen Roboter über verschiedene Plattformen und versucht, die gegnerischen Schurkenroboter entweder abzuschießen oder in einem “Tic Tac Toe”-ähnlichen Spielchen zu bezwingen, um den Feind danach selbst zu steuern. Als ich angefangen habe Musik zu produzieren, habe ich mich wie wild durch die Welt der Computerspielsounds gesampelt. Ich mag diese Naivität und den ganzen knisternden digitalen Dreck niedriger Bitraten.

Welche Art von Musik hat dich denn am meisten in deiner Arbeit beeinflußt?

Es sind eigentlich weniger bestimmte Releases oder einzelne Platten, die mich da beeinflusst hätten. In letzter Zeit habe ich viel elektroakustische Musik und musique concrète gehört, z.B. Bernard Parmegiani, Francis Dhomont oder Tod Dockstader. Diese Musik strotzt nur so von futuristischem Sounddesign! Oft geht es nur um den Klang einzelner freigestellter Geräusche oder Sounds, aber diese Musik erzeugt eine unglaubliche Spannung und hat stellenweise Hörspielcharakter. In meine Musik fließt hoffentlich so ziemlich alles mit ein, was ich an Musik in mich aufgesogen und lieb gewonnen habe. Bevor ich angefangen habe selbst Musik zu produzieren, habe ich schon einige Jahre Techno und Elektro aufgelegt. Das kam erst über Umwege, denn anfangs habe ich Techno verachtet. Das euphorische Gedudele von Trance, was hier im Rhein-Main Gebiet Anfang der 90er ganz groß war, habe ich nicht gemocht und in meiner kategorischen Ablehnung Techno gegenüber erst später gemerkt, dass es da ganz tolle Musik zu entdecken gibt. Nach den frühen Warp-Platten von LFO, Polygon Window oder Black Dog Productions bin ich erst Mitte der 90er von Detroit oder Chicago erfasst worden. Soundästhetisch am nachhaltigsten geprägt und geschädigt bin ich von meiner Jugendliebe zu Spielautomaten und dem guten alten C 64, die früher meiner Vorstellung von Außerirdischen, der Unendlichkeit des Weltraums und all diesen unerklärbaren Dingen auch akustisch Nahrung gegeben haben. In dieser unbeholfen knisternden Digitalität des MOS6581 oder anderen 8-Bit-Maschinen steckt für mich heute noch jede Menge nostalgische Sehnsucht danach, mehr über Dinge zu erfahren, die man nie begreifen oder sehen wird !

Paradroid – ein digitaler Nostalgiker?

Digitalität ist ja heute in Musik oft unerwünscht oder gilt als Makel. Für mich ist diese 8-Bit-Melancholie ein Stück gelebte Vergangenheit, die viele Erinnerungen zurückbringt und Emotionen auslöst. In gewisser Weise ist das für mich fast schon ein Stück Romantik innerhalb einer komplett artifiziellen Welt aus Einsen und Nullen. Der Titel des Albums erklärt sich aus diesem Zusammenhang, auch wenn mein Enthusiasmus diesbezüglich genauso viel Selbstironie und Lächerlichkeit beinhaltet. Denn mir ist klar, dass diese Art verklärender Liebeserklärung an die Technik auch gleichzeitig absurd und widersprüchlich ist. Dieser Widerspruch taucht ebenfalls in meiner Musik auf. Ich denke schon, dass meine Musik neben kühler Digitalität und Futurismus auch viel Wärme beinhaltet. Auf der einen Seite ist alles komplett durchprogrammiert und basiert teilweise auf Loopstrukturen, allerdings entsteht trotzdem der Eindruck, dass nichts bleibt wie es vorher war und sich alles kaleidoskopartig verschiebt, ähnlich wie z.B. beim Jazz, wenn Musiker improvisieren und ein Thema variieren. Improvisation zu programmieren ist eigentlich komplett widersinnig und unmöglich. Trotzdem gefällt mir der Gedanke etwas so zu programmieren und durchzuplanen, dass es spontan und lebendig klingt.

Beim ersten Hören habe ich sofort an Akufen gedacht, diese Art von Micro-Sampling und die verrrückte Art des Cut-and-Paste-Prozesses.

Parallelen sehe ich in erster Linie im Micro-Sampling selbst. Ich benutze auch eine Unmenge an kleinen Soundschnipseln, allerdings greife ich auf andere Samplequellen zurück. Bei mir sind es weniger Radiosamples oder Zitate aus der Popmusik, sondern eher künstliche und fast ausschließlich computergenerierte Soundquellen. Deswegen klingt die Musik trotz einiger technischer Parallelen auch ganz anders.

Eine andere Assoziation bei manchen Soundmustern führte mich in Richtung der Brighton-Schule, frühe Platten von Berkovi, Landstrumm, Vogel, die auch immer so eine Tendenz hatten, mit ihren Effekten und Tönen komplett aus dem Ruder zu laufen, und dabei trotzdem immer schön den Groove hielten. Liege ich da falsch?

Nein, da liegst du überhaupt nicht falsch. Neben Detroit, alten Warp-Platten und Rephlex waren Cristian Vogel, Neil Landstrumm oder Subhead meine absoluten Lieblinge! Dieser Funk, gepaart mit bleepiger Soundästhetik haben mich früher total begeistert. Auch die Unberechenbarkeit der Arrangements fand ich immer faszinierend. Das war damals auch beim Auflegen immer sehr lustig, teilweise habe ich fast nur Brighton, rohe Chicagotracks und alte “Like a Tim”-Platten aufgelegt. Das war schon ziemlicher Irrsinn, hat aber unglaublichen Spaß gemacht.

Deine Musik klingt durch und durch digital, robotisch und futuristisch. Und dennoch behält sie eine ganz eigene Art von Wärme und Funk. Versuchst du bewusst, diese Balance zu halten?

Wärme und Funk sind für mich sehr wichtig. Ich habe eine melancholische Grundstimmung, die auch in meine Musik einfließt. Ohne diese Melancholie würde meine Musik wahrscheinlich sehr kühl und emotionslos klingen und hätte mit mir als Mensch sehr wenig zu tun. Ohne Funk habe ich keine Lust zu tanzen. Ich war eigentlich nie der Rocktyp. Wenn Musik rockt, dann trinke ich lieber ein Bier! Funk fand ich schon immer gut und hat in mir seit ich denken kann starken Bewegungsdrang ausgelöst! Irgendwie hat mich Funkyness seit der Breakdance-Zeit Mitte der 80er begleitet. Später habe ich dann P-Funk entdeckt. Ich liebe diesen Humor und die unglaublich coolen Basslines! Manche Funk- oder Jazzplatten haben mich regelrecht weggeblasen, z.B. “On the Corner” von Miles Davis. Wie man einen derartig geilen Funk erzeugen kann, ist mir ein Rätsel!

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Elektronische Lebensaspekte.