Anonyme Musiker machen den vertraulichsten Techno-Pop in Covern von anonymen Grafikern. Mit Singles gestartet, kommt das Hamburger Label "Parfüm" jetzt im Maxi-Format zurück. The Beloved müssten es lieben.
Text: Michael Siegle aus De:Bug 106

House

Immer schön mitsummen
Parfüm

Bei Dial äußerten Lawrence und Carsten Jost zum Start des Labels, dass die Gründung von Parfüm sie ermutigt hätte, selbst ein Label zu betreiben. Doch während Dial mit regelmäßigem Output zu einer einflussreichen Konstante in der Techno-Welt wurde, blieben die Parfüm-Veröffentlichungen spärlich. In sieben Jahren kommt Parfüm auf lediglich sechs Releases. Christian Flamm von Parfüm reklamiert dennoch eine eigene Regelmäßigkeit und Dynamik für das Label, die sich eben von konventionellen Releaseplänen unterscheidet. Als Ausdruck von Kritik an den Veröffentlichungszyklen der Musikindustrie will er dies zwar nicht verstanden wissen. Trotzdem spielte eine Anti-Haltung gegenüber dem Musikmarkt bei der Gründung des Labels eine Rolle: “Wir fanden die Preise für Maxis im Plattenladen zu hoch. Wir wollten günstige Musik anbieten, die sich Leute für den Preis einer Schachtel Zigaretten leisten können”, erinnert sich Markus Tomsche. “Deswegen entschieden wir uns für ein Singles-Label.” Den Parfüm-Betreibern kam zugute, dass sie mit Kompakt einen Vertrieb gefunden hatten, der mit der Kreisel-Serie gerade selber auf 7″s setzte und so einem gewissen Käuferkreis das Format erschloss, der sich sonst eher nicht für Singles interessiert hätte. In der Folge erschienen fünf Veröffentlichungen, die von Disco-House bis Reggae-Shuffel-Techno reichten, gerne mit plakativem Einsatz von Pop-Samples.

Anonymität spielt dabei eine wichtige Rolle bei allem, was unter dem Signet “Parfüm” erscheint. Die Namen der Musiker, die sich hinter Projekten wie Diamantenräuber, Group Of People oder Petöfi verbergen, werden zwar nicht verheimlicht, aber man will diese auch nicht forciert an die Öffentlichkeit bringen. Auch legt man keinen Wert darauf, die Namen der Künstler zu nennen, die für die bemerkenswerten Cover-Artworks verantwortlich sind. Im Gegensatz zu anderen Labels vertraut Parfüm nicht auf ein einheitliches Cover-Design, sondern lässt für jede Veröffentlichung einen anderen Künstler die Gestaltung der Hülle übernehmen. Gemeinsam ist den Covern lediglich eine Absage an die Fotografie und ein figürlicher Illustrationsstil. Das Spektrum reicht dabei von Figuren, die aus verpixel-gecrashten Kaleidoskop-Collagen errichtet werden, bis zu zarten Wasserfarb-Zeichnungen. Das Cover des aktuellen Parfüm-Releases von Group Of People begeistert nun mit streng geometrisch gezeichneten Outlines von Figuren und ruft Assoziationen an russischen Konstruktivismus oder altägyptische Darstellungen wach. “Wir verfolgen eine ganz klassische Vorstellung von Illustration: ein erfundenes Bild zur Musik zu zeigen, das irgendwie die Idee der Musik außermusikalisch umsetzt”, erläutert Christian Flamm.

Jetzt auch groß
Die aktuelle Parfüm-Veröffentlichung von Group Of People vollzieht dabei erstmals den Wechsel zum 12″-Format und setzt ganz auf Pop-Strukturen im elektronischen Kleid. “Theme from a Group of People” ist mehr Song als Track und wirkt wie ein zu Ende gedachtes Tonka-Stück, während “The Limit” wie eine elektronische Version eines Songs von Belle & Sebastian klingt. Vorbilder für dieses Format können The Beloved oder Electronic sein. “Wir transportieren andere Informationen als Leute, die Tracks machen”, sagt Christian Flamm. “Unsere Musik ist viel narrativer. Es ist Musik, die auf mehreren Ebenen funktioniert, zum Beispiel im Radio und im Club, ohne Crossover zu sein. Es ist schade, dass dieser Ansatz so selten weiterverfolgt wird.” Thematisch widmen sich Group Of People dem Eingebundensein in offene, freundschaftliche Zusammenhänge. “Uns geht es um ein Versprechen von Zusammenhang, um freie, soziale Verknüpfungen”, so Flamm. Über den genauen Produktionsprozess der aktuellen Platte möchte er sich nicht äußern: “Es ist ein obskurer Entstehungsprozess. Man fängt irgendwann an, und irgendwann ist die Musik fertig.” Näheres dazu, welcher der Beteiligten die Texte schreibt oder wer die Beats macht, ist ihm nicht zu entlocken. Diese Unklarheit und Undeutlichkeit ist bei Parfüm eine bewusste Entscheidung, um Raum zu lassen für Romantik und Phantasie. Und mit ihrem Sinn für überschwängliche Popmomente werden uns Parfüm sicher noch in zehn Jahren begeistern – wer auch immer dann die Platten machen wird.

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Elektronische Lebensaspekte.

Unter dem Signet "Parfüm" schließt sich ein loser Haufen House-begeisterter Diskurstheoretiker im 7"-Format zusammen, um mit tanztauglichem Witz zu vertonen, warum sie viel lieber Bildbände blättern als breitbeinig Mustangs zu reiten. Beltz & Gelberg-Verlag ja, Marlboro-Rodeos nein. Abfeiern immer.
Text: Anett Frank aus De:Bug 61

Wider den Moschusduft des Marlboro-Manns

Parfüm

Dufte Stil-Pop-Singlemania
Ich bin glücklich. Zu wissen, dass Christian Flamm gerade da war und mir die neue Parfüm (die macht glücklich), auch schon wieder die fünfte, ins Fach gelegt hat, ist einfach unglaublich riesig. Ganz zu schweigen von der Vorfreude, die ich nun schon einige Monate mit mir herumtrage und die sich darin äußert, dass ich das Promotape ganz oldschool in den Kassettenrecorder stecke, auf “4” drücke und mich freue wie ein kleines Kind, dass nun endlich sein lang ersehntes Spielzeug geschenkt bekommt.

Review: Pop-Perlen in Sub~
Seit der ersten Begegnung mit diesem wundervollen Label-Output bin ich hin und weg (ein bisschen Pathos muss sein), aber das ist ja auch kein Wunder. Vor etwa drei Jahren präsentierte sich Parfüm #1 mit Christian Flamm und Markus Selg aka (Parttime-) Diamantenräuber. Da begeisterte sich am House die richtige Portion Song mit dem Effekt, dass die holprig gesprengselte Pop-Attitüde mit melodieverliebter Eingängigkeit absichtlich zurückzwinkert, um sich gegenseitig gut zu finden. Und Jan Cazarra war derzeit die zweite Neuentdeckung. Gerade sein neues Album “I’ve come to see you once again” auf Ladomat veräußert, interpretiert er auf der ersten Parfüm-Flipsite den legendären Prince-Hit “Poplife” einen Tick rotziger als in den 80ern. “… everybody needs a thrill – poplife …” – mit Punk-Flavour geht eben einiges. Das rockt den alten Schinken reichlich und kommt heißer als das Original. Eins noch kurz zur Klarstellung: Außer dieser einen Cover-Geschichte hat Jan nichts mit dem Label zu tun, wie das eventuell fälschlicherweise an anderer Stelle den Eindruck erweckte. Aber auch ohne diese Verortung – gut der Mann.
Mit der zweiten gesellt sich Peace zum Diamantenräuber. Eine gelungene Kombination aus Disco-Lounge-Vocal-Pop in geloopter Sample-Atmosphäre, die nach Egoexpress schreit. Und effektiv ausstaffiertem Wohnzimmer-House, wenn der Diamantenräuber sein “Diadem” und “Collier” auspackt.

Die Humanisierung der –ismen
Auf einem Folgerelease veröffentlicht auch das Berliner Duo Jusko Trust (Judith Hopf und Jesko Fezer) ihre Mischung aus Anti-Kapital-Polit-Song im Happy-House-Mäntelchen. Demonstrativ kann ich nur sagen: Weiter so! Spitze! Für euren Einsatz zum Wohle und der Hygiene des gesunden Menschenverstandes und der Umgangsformen liebe ich euch! Und all die anderen, die mit dem Label auch hinter dieser Grundeinstellung stehen. Ich denke nur an “Nightshift” zurück, wie die beiden (Marcel Hüppauff vs. Markus Selg) vor zwei Jahren zur Popkomm, an den Orten der “Spiralen der Erinnerung”, im Kölner Studio 672 eine obskure Bühnenshow hinlegten. Und mit ihren Rasselstäben mit uns waren sie. Variationen inklusiv. So sah man sie dann auch schon in der Panoramabar mumifiziert und mit einem halben Meter hohen Plateauschuhen Aktion machen. Eben ihre Art, sich via diverser Avantgarde-Ideen mit dem ausbeuterischen Konzept von Kapital und Eigentum auseinanderzusetzen.

Das Netzwerk virtuell untergründen
Kaum mehr als zwei Label-“Mitarbeiter” leben in einer Stadt. Anne und Marcel kommen bspw. aus Hamburg, Christian und Markus leben in Berlin. Von Köln aus ist Marcus Tomsche (Petöfi/ Fa) aktiv und Roccness (Markus Rossknecht) geht in Barcelona an den Start. Ist wieder eine Idee ausgereift, verständigt man sich übers Netz der technischen Möglichkeiten. So auch, wenn man sich über die Covergestaltung Gedanken macht. Hier scheint es keinen einheitlichen Ansatz zu geben, das würde auch nicht zu Parfüm passen, dafür heißt Parfüm bis dato immer: Format 7″. Das ruft gleich mehrere Assoziationen in die Gedankenkette. Bei Parfüm geht es am allerwenigsten ums Profitmachen, Erfolg haben oder ums Auftrumpfen, sondern um Gleichberechtigung, um Selbstverwirklichung und Leidenschaft. Man hat das Gefühl, sich in einen einzigen großen Freundeskreis reinzuhören, der vornehmlich virtuell gepflegt wird.

Ta daa! Durchbrechen nicht ausgeschlossen
Der Reiz des Wohnzimmerflairs als reduzierte Variante einer ausufernd-aufgedrehten House-Nacht ist keineswegs verflogen, und doch wünschte man sich manchmal ein Parfüm-Stück mehr in den Clubs zu hören. Dass das funktioniert, stelle ich hier mal außer Frage.
Ein neues kleines Scheibchen von Christian (d) und Roccness darf ich abschließend hiermit präsentieren. Das macht mir schon die ganze Zeit ein easy going Gefühl. Poppig, fluffig und very charming: dafür liebe ich sie – die kleinen süßen 7″es von Parfüm. Waren sie doch immer schon was gaaanz Besonderes!

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