Wie ein 20-Jähriger R&S aufhorchen lässt
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 147

Pariah ist blutjung. Doch, wie viele seiner britischen Kollegen, fädelt er seine ersten musikalischen Experimente überwältigend abgeklärt zu seiner eigenen Perlenkette aus klassischem Detroit-Techno à la Model 500, gedämpftem Ambient à la Gas und verschroben-bleepigem HipHop-Variationen à la Dabrye. Eine amtliche Ladung Burial verordnet er sich jede Woche einmal.

Schöner kann man es sich kaum ausdenken. Da liegt ein 20-Jähriger nach einer langen Nacht verkatert auf seinem Bett und sampelt mit seinem neuen MacBook eine alte Motown-Nummer. Er cuttet, loopt und bastelt ein drahtig-klapperndes Beat-Gerüst. Zum Schluss flechtet er zwischen all die Sample-Stunts noch ein flimmerndes Synthie-Arpeggio, der den grobkörnig-knisternden Soul der 60er mit einem digitalen Schimmer verziert. Nach drei Stunden ist der Track fertig. Ein sowohl an den Swing mancher Dubstep-Platten als auch an die Cut-Up-Ästhetik des vor einigen Jahren verstorbenen HipHop-Großmeister Jaydee erinnerndes Energiebündel, dem er den passenden Namen “Detroit Falls” gibt. Wie die Band, deren Sample die Initialzündung, den Flash der Inspiration gegeben hat, stammte auch Jaydee aus der Motor City. 

“Detroit Falls” ist erst der zweite Track, den der Jungproduzent überhaupt gemacht hat. Er lädt ihn auf seiner MySpace-Seite hoch, was man halt so macht, und wird davon überrascht, dass er Thema in einigen kleineren Blogs ist. Kurz darauf erscheint eine begeisterte Review bei Pitchfork. Dort fragt man sich, ob es sich bei “Detroit Falls” wohl um einen “happy accident” handelt, oder ob noch mehr ungehörte Killer-Tracks bei diesem bisher unbekannten Produzenten, der sich den Namen Pariah gegeben hat, auf der Festplatte schlummern. Die Review erregt die Aufmerksamkeit bei R&S Records, dem legendären belgischen Label, das die Evolution von Techno und dem, was daraus folgte, in den 90er Jahren wie kaum ein anderes geprägt hat und nach dem Relaunch vor ein paar Jahren noch auf der Suche nach alter Stärke ist. Eine E-Mail geht raus und lässt Arthur Cayzer, wie Pariah mit bürgerlichen Namen heißt, in seinem Zimmer in London einen Jubel-Salto vollführen. Das Traditionslabel R&S Records will ihn haben.

Orpheus
“Als ich das Pferdelogo von R&S in meiner Inbox sah, dachte ich erst, das muss ein Witz sein”, erinnert sich Arthur. “Ich bin mit den Platten, die dort erschienen sind, all diesen Klassikern, groß geworden. Es ist unglaublich.” Dass der A&R-Riecher des Labels zu recht angeschlagen hat, beweist auch der zweite Track, den er zu der Zeit des Erstkontaktes fertig hat und der gemeinsam mit “Detroit Falls” als B-Seite im April letzten Jahres auf seiner Debüt-Maxi erschien. Statt an Jaydees Sample-Rekontextualisierung erinnert “Orpheus” mit seinen schwebenden Pads, den dubbigen Chords und den sehnsüchtigen Vocals an bitter-süße Garage-Tracks von Burial oder Synkro. Aber auch hier merkt man sofort, dass er sich nicht nur an bekannten Motiven abarbeitet. Die Maxi wird mehr als wohlwollend besprochen. Die beiden Tracks, so großartig sie sind, klingen wie ein Versprechen. Ein Versprechen, das keine sechs Monate später schon eingelöst wird. “Safehouses”, Pariahs zweite Platte auf R&S Records bestätigt, was “Detroit Falls” schon andeutete.

Hier ist ein Produzent, der bei seinen ersten Gehversuchen und Experimenten schon mit einer beeindruckenden Leichtigkeit klassischen Detroit-Techno à la Model 500, gedämpften Ambient à la Gas und verschroben-bleepige HipHop-Variationen à la Jaydee oder Dabrye mit einer offensichtlichen Liebe zu Garage und vor allem zu Burial und der Art, wie das gefeierte Garage-Enigma Vocals einsetzt, verschmelzen kann. Beide Maxis klingen in ihrer eigenen Handschrift unglaublich ausgewogen und, nun ja, reif. Etwas, das er mit diversen anderen jungen britischen Himmelstürmern seiner Generation wie Floating Points oder Space Dimension Controller gemein hat. 

“Seitdem ich acht oder neun bin, bin ich quasi obsessiv, was Musik angeht. Ich verbringe viel zu viel Zeit damit, Musik zu hören und neue zu finden, über sie zu reden oder zu recherchieren”, erzählt Arthur, der auch schon früh anfängt, Klavier und Gitarre zu spielen. Wenn man ihn fragt, welche Platten für ihn bisher wichtig waren, bekommt man dann auch eine lange Liste, die so gegensätzliche Sachen wie My Bloody Valentine, Sun 0))), Mark Pritchard, Godspeed! You Black Emperor, Cursed, Brian Eno, Aphex Twin, Source Direct und Embrace beinhaltet.

Ein Produzent hat allerdings einen besonderen Platz in Arthurs Herzen: Burial. “Untrue”, das 2007 erschienene zweite Album des öffentlichkeitsscheuen Londoner Produzenten, ist letztlich der Grund, warum Arthur überhaupt Musik macht. “Als das Album herauskam habe ich vor allem Hardcore-Bands wie Minor Threat oder Youth Of Today gehört, deren Musik vor allem von Wut und Aggression geprägt ist. “Untrue” hat mich auf bis dahin unbekannte Weise berührt. Burial hat dieselbe Intensität für mich, auch wenn sie sich bei ihm nicht aus Wut speist, sondern aus dem Gefühl des Verlusts. Ich höre “Untrue” kategorisch jede Woche. Für mich ist es eines der besten Alben elektronischer Musik überhaupt und ich warte bis heute darauf, etwas aus dieser Szene zu hören, das ähnlich gut ist. Aber ich glaube, das wird dauern, bis ich ein neues Burial-Album höre.” 

Literatur als Trackmacher
Zwischen seinem Aha-Erlebnis mit Burial und dem Entstehen von “Detroit Falls” lagen zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen er sich all diese Ideen für eigene Tracks im Kopf zurechtlegte. Als er dann letztes Jahr endlich ein mit Logic ausgestattetes MacBook sein eigen nennen konnte, machte er sich sofort daran, diese Ideen umzusetzen. Was nicht ohne Tücken war. “Ich habe nervigerweise das Problem, dass immer wenn ich mich mit einer klaren Idee, wie ein Track klingen soll, hinsetze, nichts Vernünftiges dabei herauskommt. Das führt dann immer ins Nirgendwo. Wenn ich dagegen einfach anfange, an einer Melodie zu arbeiten und vielleicht ein Vocal dazu werfe, dann geht es besser. Mich hat das am Anfang wirklich genervt und tut es teilweise noch immer, weil es bedeutet, dass ich nie weiß, wie meine Tracks klingen werden.”

Überhaupt übernimmt das Produzieren bei Arthur vor allem die Funktion, ihn zu entspannen. Je mehr Bücher er für sein Literatur-Studium lesen muss, desto produktiver wird er. “Je mehr Dinge ich habe, die ich erledigen muss, je mehr Arbeit auf dem Schreibtisch wartet, desto mehr Musik mache ich. Es ist dann einfach eine sehr angenehme Abwechslung. Ich belohne mich damit. Dagegen habe ich in den letzten Semesterferien abgesehen von zwei Remixen gar keine Musik gemacht. Songs schreiben als Selbstzweck ist nicht mein Ding. Wenn das Semester in Fahrt kommt, komme auch ich langsam im Studio in Fahrt und schreibe mehr Tracks in weniger Zeit.” 

Mit R&S Records, dessen A&R ihn mittlerweile auch managt und deren Büro direkt bei ihm um die Ecke ist, pflegt Arthur einen regen Austausch. Neues Material für weitere Maxis steht bereit. Ein paar Maxis auf anderen Labeln sind auch geplant. R&S sieht er aber als seinen Heimathafen. Die Juke-inspirierten Tracks von Ramadanman und Addison Groove haben ihn in letzter Zeit stark beeinflusst. Es ist das neueste Feld, auf dem er zur Zeit herumexperimentiert. Nächstes Jahr wird er die Uni abschließen. Was dann kommt, weiß er noch nicht. Musik zu seinem einzigen Lebensinhalt zu machen, kommt für ihn nicht in Frage. Als A&R bei einem Label zu arbeiten, könnte er sich vorstellen. Irgendetwas, das ihn beschäftigt, damit er sich weiter mit kreativen Auszeiten im Studio belohnen kann. “Ich denke, ich brauche einen Fulltime-Job, um dafür zu sorgen, dass ich weiter produziere. I just need to be kept busy all the time.”

http://www.myspace.com/pariahbeats
http://www.rsrecords.com

4 Responses

  1. höm-höm

    Bin angefixt, aber noch nicht durch…

    Es heißt aber jedenfalls immer noch “er flicht” und nicht “er flechtet”!

  2. Max

    Klingt ja schon richtig gut. Bin ja mal gespannt, wann man ihn das erste mal in einer Disko hier in der Nähe oder im Techno Radio hört. Freue mich auf jeden Fall schon drauf.

  3. Moritz Re

    der junge is der knüller 😀
    prism klingt irgendwie so unglaublich frisch obwohl es alles bekannte und momentan auch beliebte “zutaten” sind — der wird uns sicherlich noch mit vielen tollen platten erfreuen