Wer etwas mitzuteilen hat, darf nicht an technischen Schwierigkeiten scheitern. Deshalb stellt die "Participatory Culture Foundation" die nötige Software zum Videobloggen für Nicht-Nerds zur Verfügung.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 99

Agit Pod
Die Participatory Culture Foundation im Interview

Bloggen und Podcasting waren erst der Anfang. Richtig rund geht es in Sachen Mikromedien-Demokratie erst, wenn wir alle unsere eigenen Fernsehsender sind, glauben die Jungs und Mädels der Participatory Culture Foundation. Möglich machen soll dies ihr neuer Video-Aggregator mit integriertem Bittorrent-Client.

US-amerikanischer Netzaktivismus hatte lange Zeit einen faden Beigeschmack. Im Zentrum der Aufmerksamkeit standen traditionsgemäß Gruppen wie die Electronic Frontier Foundation. Definitiv auf der richtigen Seite, aber immer auch ein bisschen bieder, finanzlibertär und nur selten wirklich politisch. Was auch an der Herkunft liegt: Würde die EFF Fragen der Verteilungsgerechtigkeit ernst nehmen, dann wäre man ganz schnell die Unterstützung zahlreicher Dotcom-Millionäre los.

Im Sommer 2003 tauchte dann plötzlich eine neue Gruppe am Netzhorizont auf: Downhill Battle kombinierte eine radikale Kritik der großen Musikkonzerne mit Witz, Stil und einem sicheren Gefühl für plakative Kampagnen. Die Gruppe sammelte Spenden für von der Musikindustrie verklagte Tauschbörsen-Nutzer, gründete Studentengruppen für Copyright-Reformen und sorgte mit dem Grey Tuesday für den bisher größten und dank Dangermouse auch am besten klingenden Akt des organisierten zivilen Ungehorsams gegen restriktive Urheberrechte.

Überraschend an Downhill Battle war immer auch, wie wenig die Gruppe benötigte, um viel zu erreichen. Kern des Teams sind drei Freunde aus Worcester, Massachusetts – einer kleinen Stadt außerhalb Bostons, die von San Francisco und seinen Netz-Intellektuellen mehr als nur ein paar Flugstunden entfernt ist. Nicholas Reville, Holmes Wilson und Tiffiny Cheng sind allesamt Mitte zwanzig und besitzen “eine kombinierte Berufserfahrung von etwa null Jahren“, wie das Wirtschaftsmagazin Red Herring kürzlich so schön bemerkte. Ihr politisches Bewusstsein entdeckten sie denn auch nicht nach ihrer ersten Dotcom-Pleite, sondern beim Unterstützen studentischer Anti-Sweatshop-Initiativen.

In letzter Zeit ist es ein bisschen ruhiger geworden um Downhill Battle. Grund dafür ist ein neues Projekt der Gruppe: Die Participatory Culture Foundation will Mikromedien massentauglich machen. Als erstes Tool dafür veröffentlichte man im Sommer 2005 die “Broadcast Machine” – einen einfach zu installierenden Bittorrent-Tracker, der Nutzer ohne P2P-Erfahrung gleich auch mit der nötigen Software versorgt.

Im Januar soll sich der Vorhang für ein noch viel ambitionierteres Projekt heben: einen Video-Aggregator, der mit einer Kombination von RSS und Bittorrent Internet-Fernsehen für jedermann verspricht. Die Mac-OS-Betaversion gibt’s bereits seit einigen Monaten unter dem Namen DTV im Netz – und sie war für uns Grund genug, mal genauer nachzufragen.

Debug: Wie wird man vom Musik-Aktivisten zum Software-Entwickler?

Holmes Wilson: Durch unsere Arbeit mit Downhill Battle ist uns klar geworden, wie bestimmte Programme die Landschaft für gesamte Industrien komplett verändern können. Wir beschäftigten uns viel mit P2P – und uns wurde klar, dass die Kombination von Bittorrent und RSS jedem Internet-Nutzer ermöglicht, einen eigenen TV-Kanal zu betreiben.

Wir sahen dieses Potential, aber es wurde nicht umgesetzt. Bittorrent wird immer noch fast ausschließlich dafür genutzt, Hollywood-Filme oder Fernsehshows zu verbreiten. Das ist vollkommen verständlich, denn diese Sachen sind sehr kompliziert zu benutzen. Sie sind nicht so aufbereitet, dass der durchschnittliche Filmemacher oder Medienaktivist sie im Alltag nutzen kann. Etwas mit Bittorrent herunterzuladen, ist sehr einfach, aber der Prozess des Publizierens ist sehr undurchsichtig und besteht aus viel zu vielen Schritten.

Wegen unseres politischen Hintergrunds sind wir sehr an der Demokratisierung der Medienlandschaft interessiert. Also überlegten wir uns, eine Plattform zu schaffen, die es jedem Videoschaffenden ermöglichen würde, mit diesen Technologien einen eigenen Fernsehkanal ins Leben zu rufen. Verglichen mit allen anderen potentiellen Projekten hat dies die besten Chancen, wirklich etwas zu verändern.

Debug: Wenn es euch um die Demokratisierung der Medien geht – warum widmet ihr euch dann Video? Ist es nicht viel schwieriger, ein Fernsehformat zu produzieren als beispielsweise einen Podcast?

Wilson: Video ist das dominante Massenmedium. Weblogs beginnen, die Printmedien zu demokratisieren, und Podcasts das Radio. Wenn dieser Trend Video erreicht, dann werden wir Veränderungen beobachten dürfen, die alle betreffen und nicht nur Randbereiche. Es wird einfach politisch und sozial viel signifikanter sein als Veränderungen in anderen Gebieten.

Videobloggen für Dummys
Debug: Was wird eure Software im Detail bieten?

Wilson: Es ist ein Internet-Fernsehprogramm. Es ermöglicht dir, Fernsehkanäle zu abonnieren, die andere Leute in Form von RSS-Feeds mit Videos im Netz veröffentlichen. Das ist so ziemlich das Gleiche wie Podcasting, nur eben mit Videos. Neu und spannend an unserer Software ist, dass sie nicht für technisch vorgebildete Nutzer geschaffen wurde. Sie ist extrem einfach nutzbar. Und es gibt eine Bittorrent-Integration. Was ermöglicht, praktisch für umsonst qualitativ sehr hochwertige Videos für eine große Menge von Menschen zu publizieren.

Wenn du unsere Software das erste Mal startest, bekommst du unseren Programmführer zu sehen. Ein offenes Verzeichnis von Video-Feeds. Derzeit haben wir 200, aber das ist erst der Anfang. Außerdem kannst du RSS-Feeds von jeder Webseite abonnieren.

Debug: Das sind Funktionen, die iTunes ja mittlerweile auch bietet.

Wilson: Uns ist sehr wichtig, dass die Software Open Source ist, keiner einzelnen Firma gehört und auf kein Format festgelegt ist. iTunes kann zwar Video-Podcasts abspielen, aber nur in von Quicktime unterstützten Formaten. Ich glaube, wir werden in vielen Punkten mit iTunes konkurrieren. Gleichzeitig profitieren wir davon, dass iTunes viele Leute zum Publizieren von Video-RSS-Feeds bringt. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass es für iTunes schwer sein wird, eine ansprechende Videounterstützung in einem so auf Musik ausgerichteten Programm zu realisieren.

Debug: Ich habe gehört, ihr habt für dieses Projekt auch Venture-Kapital bekommen …

Wilson: Das stimmt so nicht ganz. Wir sind ein Verein, so wie die Mozilla Foundation oder die Python Foundation. Wir haben zwei finanzielle Unterstützer, die unsere Vision demokratischerer Medien teilen.

Debug: Wer sind die beiden?

Wilson: Einerseits die Rappaport Familienstiftung von Andrew und Debra Rappaport. Andy Rappaport ist ein erfolgreicher Venture-Kapitalist, der eine Reihe von politischen Zielen in den USA finanziell unterstützt. Der andere ist Mitch Kapor, der in den Achtzigern Lotus gegründet hat. Er ist sehr in die Mozilla-Stiftung involviert und hat auch die EFF mitgegründet. Wir haben damit Geld von zwei sehr coolen Unterstützern bekommen, die sich wirklich in diesen beiden Welten bewegen. Auf der einen Seite kennen sie sich sehr gut mit Software-Entwicklung aus, und auf der anderen Seite haben sie politische Ziele und halten Projekte wie unseres für wertvoll.

Debug: Ihr habt außerdem verschiedene Content-Partner, darunter auch die US-Dienstleistungsgewerkschaft SEIU. Wie kam es dazu?

Wilson: Wir wollen sicherstellen, dass diese Tools in die Hände von Leuten kommen, die das meiste daraus machen können. Deshalb haben wir uns an viele verschiedene Organisationen gewandt. Andere Non-Profits und einige politische Organisationen, von denen wir denken, dass ihnen das wirklich nützen kann. Und die wiederum anderen Organisationen in ihren verschiedenen Bereichen vorführen können, wie nützlich es ist.

Debug: Verstehen Gewerkschaftsfunktionäre denn sofort, was ihr da vorhabt?

Wilson: Ich glaube, viele Leute verstehen das Konzept, weil sie sich von den Massenmedien entfremdet fühlen. Sie wünschen sich, dass so etwas wie Blogs auch im Video-Bereich passiert.

Außerdem hilft uns die Tatsache, dass diese Tools sehr einfach zu benutzen sind. Die meisten Organisationen machen eh Videos für ihre Mitglieder oder zu bestimmten Themen. Es gibt nicht so viele Wege, diese Videos massenhaft zu verbreiten. Wenn sie so etwas erst mal nur als ein Seitenprojekt begreifen, ist das auch okay. Es erfordert sehr wenig Einsatz ihrerseits. Und wenn all diese Sachen populär werden, wird es den Leuten auffallen. Sie werden sich sagen: Verdammt, jede Menge Leute schauen sich unseren Videokanal an. Lasst uns damit etwas anfangen.

Debug: Was dürfen wir konkret in nächster Zeit von euch erwarten?

Wilson: Für Januar planen wir den Launch einer neuen Website. Die Software wird dann auch einen neuen Namen bekommen.

Debug: Den kannst du mir noch nicht verraten?

Wilson: Nein, das ist ein Geheimnis. Wir werden es im Januar lüften. Dazu werden wir ein bisschen mehr wie Downhill Battle werden. Einfach und direkt, lustig und mit Klasse, hoffentlich. Es wird auf jeden Fall lustiger.

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Elektronische Lebensaspekte.