Text: aram lintzel aus De:Bug 28

Abstürzen gegen das System 1997 erschien zum 10-jährigen Acid House-Jubiläum der Kurzgeschichten-Reader “Disco Biscuits”. Im Vorwort schrieb Herausgeberin Sarah Champion über die britische Rave- und Clubkultur: “The true history is not about obscure white labels or DJ techniques or pop stars. It’s about personal stories of messiness, absurdity and excess – best captured in fiction.” In der nun erschienenen gekürzten Übersetzung unterrichtet Sarah Champion zunächst einmal die deutschen Leser darüber, wogegen sich Exzess und Absurdität richten: Gegen die britische Criminal Justice Bill – das Anti-Rave-Gesetz, welches “das Tanzen von mehr als zehn Menschen unter freiem Himmel zu ‘hämmernden Rhythmen’ verbietet.” Da hierzulande im Sinne des Rainald Goetzschen Dogmas des “Ausschlusses des Ausschlusses” selbst die Junge Union mitraven darf, dürften aber den deutschen Lesern die in “Partyuniversum” zur Schau getragenen Staatsanfeindungen und Outlaw-Gesten reichlich fremd sein. ”Die Ketten deiner Unterdrückung sind dir so vertraut wie die Zähne in deinem Gesicht. Seit der Geburt trägst du sie”, behauptet ein weiser Techno-Slacker in Steve Ayletts Geschichte “Dogger”, und das einzige Mittel zur Kettensprengung heisst da natürlich Ecstasy. Obgleich die verschiedenen, meist anekdotenhaften Geschichten höchst unterschiedliche Perspektiven auf das Ravegeschehen werfen, werden sie doch von der alle Erfahrungen determinierenden Pille zusammengehalten. “E-Literature” ist denn auch in Grossbritannien inzwischen zu einer eigenständigen Genrebezeichnung geworden. Das Unangenehme an der chemisch induzierten Überschreitung staatlicher und anderer Repressalien ist allerdings, dass die ausschliesslich männlichen Autoren sich auch gleich vom Feminismus mitbefreien: Viele von ihnen (darunter auch “Trainspotting”-Autor Irvine Welsh) behandeln Frauen als Penetrations-Beiwerk ihrer nächtlichen Saurauslasserei. Die notorische Rave-Saga, derzufolge gerade Bassdrum und Ecstasy Machismus und Sexismus gekillt haben, wird hier aufs Eindringlichste falsifiziert. Und auch sonst steht der Spass permanent auf der Kippe: Aggressionsgeladene und zerrüttete soziale Beziehungen, surreale Horrorerscheinungen und in Todessehnsüchten endende Partyverheissungen scheinen in Manchester, Glasgow und London an der Tages- und Nachtordnung zu sein. Fast alle Geschichten bewegen sich an der Grenze zwischen zwei gegensätzlichen Modellen des Feierns: dem Modell Hipness/Bescheidwissen und dem Modell Exzess/Saurauslassen. Die entsprechenden Dramaturgien bewegen sich meist weg von der ritualisierten Befolgung von Gesetzen (Hipness) und hin zu ihrer Überschreitung (Exzess). Es ist diese eindimensionale Logik der Negation von Codes, die hier literarisch aufbereitet und repräsentiert wird, wobei der Nervfaktor der daraus resultierenden ecriture automatique bis auf wenige Ausnahmen nicht gerade gering ist. Dafür entschädigen ein paar wirklich gute Plots – etwa wenn in “Dogger” bei einem Wald-und-Wiesen-Rave die Megaphon-Befehle der Polizei geloopt durch die Anlage gejagt werden. Insgesamt mangelt es aber an derartigen Brechungen und Sinnverschiebungen. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die in “Partyuniversum” gezeigte “dunkle Seite” der sogenannten ravenden Gesellschaft nach wie vor kursierende Glücksversprechnungen zu entlarven vermag. Sarah Champion (Hg.): Partyuniversum, Reinbek bei Hamburg 1999, DM 14,90.

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Elektronische Lebensaspekte.