Der französische Banlieue-Rapper Passi geht auf Schallplatte mit seinem erwachsenen Vorstadtrealismus regelmäßig Gold in Frankreich. Ehrlich verdient von jemandem, der mit Rote Armee-Chor den Rondo Veneziano nachsingt.
Text: Joachim Landesvatter aus De:Bug 42

Der rote Finger in den Wunden der Vorstadt
Passi

Rap aus Frankreich findet spätestens seit MC Solaar den Weg in deutsche Plattenregale nicht nur spezialisierter Läden. Mit Alliance Ethnik-, Soon E MC- oder IAM-T-Shirt provoziert man längst kein ratloses Schulterzucken mehr. Das ist aber nur die Spitze eines Berges an französischem Hip Hop, der in Frankreich längst für Furore sorgt.
Die familiäre Situation – und damit auch die Texte der Rap-Crews – ist oft vom Aufwachsen in den Banlieues französischer Großstädte geprägt, in die es ihre Eltern oder Großeltern nach der Emigration aus den ehemaligen französischen Kolonien verschlagen hat. Im ‘verlan’ und ‘argot’, dem Slang der Vorstädte, erzählen die Einwandererkinder von ihren Problemen und Erfahrungen, die oft von Rassismus, Arbeitslosigkeit und Kriminalität geprägt sind.
Passi kam mit 7 Jahren aus dem Kongo nach Frankreich und verbrachte seine Kindheit in dem Pariser Banlieue Sarcelles. Er war Urmitglied von Ministére A.M.E.R., einer Hardcore Rap-Gruppe mit Co-Rapper Stomy Bugsy, bekannt für Medien-Provokationen und beißende Texte. Die Hardcore-Zeiten sind mittlerweile vorbei für “Le Double S”, wie Passi in Frankreich genannt wird. Inzwischen wird er für seinen “erwachsenen” Rapstil gepriesen, der kommerziell sehr erfolgreich ist. Sein erstes Solo-Album “Les Tentations” hatte nach 20 Tagen Gold-Status, und für die aktuelle Platte “Genèse” hat er nach 10 Tagen eine goldene Schallplatte bekommen, wie er stolz erzählt. “Ich spreche über das Leben in den Vorstädten. Ich will die Menschen dazu bewegen, etwas zu tun und nicht alles so zu belassen, wie es ist. Wir alle wissen, dass die Welt rassistisch ist. In dem Track ‘Emeutes’, geht es darum aufzustehen und nicht alles hinzunehmen. Ich rufe jedoch nicht die großen Revolution ins Leere, sondern beschreibe die Situation. In den Medien sind bestimmte Missstände 2 Tage lang ein Thema und dann ist es wieder vorbei mit der Berichterstattung. Die Probleme gibt es aber natürlich weiter. Vielleicht helfen uns eher kleine Revolutionen, ein Sichtbarmachen, das Leben besser zu gestalten.”
“C’est à toi de te battre pour obtenir ce que tu désires” lautet dabei sein Motto, die Musik hört sich allerdings nicht wirklich streitbar und aggressiv an, eher glatt poliert und für ein möglichst großes Publikum gemacht. Die “Emeutes”-Streicher erinnern eher an Rondo Veneziano als an deepe, dark-verzerrte Wu Tang-Strings. Für den Track hat Passi mit “Les Choeurs De L´Armee Rouge” zusammengearbeitet und Bolschewisten-Stimmen der russischen Revolution verwendet, um ein “red feeling” in den Track zu kriegen, wie er sagt.
Trotz der großen Verkaufserfolge besteht Passi natürlich darauf, genau das zu tun, worauf er am meisten Lust hat. [Gibt es eigentlich auch Musikschaffende, die das nicht behaupten?] Mit seinem Sound ist er dennoch nicht unumstritten, denn generell haben es auch französische, chartende Acts in ihrem Heimatland nicht einfach. “In Frankreich gibt es einen Rap-Krieg, darüber spreche ich in dem Track ‘Rap Bizness’. Über Rap in Verbindung mit Geschäft zu reden, ist bei uns ein Tabu. Kommerzielle Acts mit schlechten Texten sind sehr erfolgreich und werden vom Underground gehasst. Wenn jemand Geld mit Rap-Musik verdient, nimmt man ihm die Texte nicht mehr ab und er gilt sofort als schlechter Rapper. In meinen Texten geht es um die Gesellschaft und das neue Jahrhundert. Wenn ich von den aktuellen Problemen rede, die die Familie, Polizei und Gesetze betreffen, dann vergleiche ich die Gegenwart mit früheren Dekaden und sage: Gott hat den Menschen erschaffen und der Mensch erschuf Hiroshima. Ich versuche zu erkennen, was besser und was schlechter ist.” Da hat er sich ganz schön viel vorgenommen. Mit großen Posen hat Passi kein Problem, wie auf den Portraits seines CD-Booklets und seiner umfangreichen Website gesehen werden kann.
Gelungen scheint der Passi-Sound auf jeden Fall dann, wenn afrikanische Klänge auftauchen, wie im Track “Le reve africain” mit der Gruppe Bisso Ma Bisso, die von Passi produziert werden oder mit Rita Marley bei “Africa Jamaica”. Abseits von fraglichen Paul Simon- oder Freundeskreis-Pfaden gibt es hier in Afrika verwurzelten HipPop ohne schlechten Fake-Nachgeschmack.

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Elektronische Lebensaspekte.