Jetzt geht's ans Grundlegende. Wer Dinge nach Und/oder-Kriterien sortierbar machen will, muss Patentgebühren zahlen.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 96

Blicken wir doch einfach mal ein paar lange Jahrtausende zurück. Irgendein Urtier steht vor etwas Essbarem. Mjam. Das Urtier sollte im Zweifelsfall zumindest folgende Entscheidungen treffen. Ist das Ding vor mir tatsächlich essbar und ist es möglicherweise auch gefährlich? Das Ding an sich gehört also zu zwei Kategorien. Essbar und gefährlich. Gefährliche Dinge müssen nicht essbar sein, können aber, essbare Dinge sind möglicherweise gefährlich, manchmal aber auch einfach nur lecker. Soweit so gut. Klar, denkt ihr jetzt alle, so ist das, so war das. Was aber passiert, wenn man diese ziemlich fundamentale Logik auf einem MP3-Player abbilden will? Richtig, dann entsteht ein Patent.

In unserem speziellen Fall gehört das Patent Creative und darin steht folgender Satz: “One aspect of the invention includes an overlapping hierarchy of categories. Categories include items that can also be included in other categories so that the categories ‘overlap’ with each other.” Essbare gefährliche Dinge, ihr erinnert euch. Das ist kein Aspekt einer Erfindung, das ist so, seitdem Lebensformen etwas unterscheiden können, Fakt. Aber, so die Zen-Lehre, wir müssen das Alltägliche, das Ich, die Position des Betrachters vergessen, wenn wir erkennen wollen, deshalb ist der Name (ugs.) des Patents zumindest wohlfeil. Anders als aus einer Zen-Position heraus ist nämlich überhaupt nicht zu verstehen, wie so etwas zum Patent werden kann.

Doch worum geht es genau? Das Patent beschreibt ein Menu auf MP3-Playern, das Tracks nach verschiedenen Metadaten (Genre, Künstler, etc.) sortieren kann und diese Sortierfunktionen als Menuzeilen anzeigt. Genres, Künstler etc. eben. Das ist so banal wie die Tatsache, dass man Daten eigentlich dafür erfunden hat, dass man sie auch auswerten kann, und eine der Grundfunktionen des Auswertens von Daten ist nun mal das Sortieren nach bestimmten Kriterien.

Und was heißt das jetzt für das Urtier in uns? Klar, wir dürfen zwar immer noch entscheiden, ob etwas essbar und/oder gefährlich ist, müssen aber dafür – zumindest falls zu unserem gefährlichen Überleben im Kapitalismus gehört, dass wir gerne MP3-Player herstellen – Patentgebühren dafür zahlen. An wen? An Creative. Wer? Vermutlich nahezu jeder, der einen einigermaßen bedienbaren Player mit Screen bauen will. Apple steht schon unter Patentbruchverdacht. Und wenn wir keine Patentgebühren zahlen oder etwa etwas zu lang drüber nachdenken, ob das nun überhaupt noch appetitlich ist oder einfach nur fies, dann, schwupps, sind wir gefressen worden. Glücklicherweise aber ist laut Zen das kapitalistische Ich eh nur eine Illusion. Und das Klatschen einer Hand noch immer kein MP3.

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Elektronische Lebensaspekte.