Nicht alle guten Ideen setzen sich durch. Auch diese hier nicht. Schade.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 98

Digitales Vinyl Version 1997

Wochenlang habe ich für diese Ausgabe in den Archiven der Patentämter weltweit gesucht, um irgendein vernünftiges Patent zu finden, das zum mir vorgegebenen Rahmen der kontextuellen Seiten (oben Games, rechts Games) passen könnte. Nach Durchsicht mehrerer tausend PDFs kann ich euch hiermit beruhigen, in der Gamewelt wird nur Blödsinn patentiert. Tolle Kontroller für Handyspiele z.B., deren herausragendstes Feature mehr Knöpfe sind, oder prima Pistolen, mit denen man besser ballern kann, weil man, wenn man die Pistole nach rechts bewegt, man auch im Spiel nach rechts geht (wohin sonst?). Wie auch immer, da ist nix los, oder wenn, wird es nicht patentiert, oder wenn doch, kann ich einfach nichts Sinnvolles finden. Und kommt mir nicht mit diesem SonyPatent (die ja grade aufgrund ihrer RootKit-CD die DRM-Prügelknaben der Onlinerüpel sind), dass endlich mal die Lücke der Ausleihspiele schließen will.
Wir erfinden lieber selber ein Spiel. Und zwar: Suche dir ein möglichst altmodisches Medium und versuche ein möglichst absurdes altes Patent dafür zu finden, das leider nie realisiert wurde, weil es kein Mensch braucht. So richtig miefige Karteileichen können manchmal echt erfrischend sein und Tiefe Einblicke in den medialen Wandel und Zeitgeist geben. Z.B. das hier, mit dem lapidaren Titel: “Kombination aus Schallplatte und CD” (DE 29700286 U1) von 1997. Ein grandios visionäres Konzept, das – obwohl sie damals schon wussten, dass immer mehr DJs CDs auflegen – doch den Mangel beklagte, dass manche DJs gerne auch einen Track Scratchen oder Pitchen und dafür halt Vinyl brauchen. Was war damals die Killer-Lösung von IDE (International Design & Entertainment), die von mir aus das iPod als Massenmedium hätte ersetzen können? Äh, eine Kombination aus Schallplatte und CD, die daraus besteht, dass die CD mit der gleichen Musik wie auf der Schallplatte einfach in der Mitte des Vinyls rauslösbar festgepappt wird, so wie der rausnehmbare Plastikpuck bei einer 7″. Ist das nicht sensationell, und vor allem unschlagbar süß? Und das war damals ebenso lyrisch wie praktisch: “Durch die räumliche Zuordnung von Schallplatte und CD besteht jeweils die Auswahlmöglichkeit, einen Titel von der Schallplatte oder von der CD zu spielen. Der Discjockey muss daher nicht in unterschiedlichen Stapeln oder Schränken suchen, jenachdem, ob er einen Titel als Schallplatte oder CD spielen will.” Das ganze Patent dreht sich auf – zugegeben mageren – acht Seiten immer wieder um dieses Thema mit den gleichen Worten, einfach nur um herauszufinden, wie die Schallplatte mit der CD verbunden werden kann. Lyrik kommt von Leidenschaft. Leider sollte alles anders kommen. Dafür kann man die Zeichnung gut als Opart-Vorlage benutzen.

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Gib mir 'ne Pause
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 93

PATENT DES MONATS
GIB MIR ‘NE PAUSE

Wieder mal kurz ausholen. TIVO, kennt ihr das? Nein? Was glaubt ihr denn, wo all die US-Serien-Torrents herkommen, mit denen ihr eure Freizeit verplempert? Richtig. TIVO. TIVO ist ein so genannter PVR. Personal Video Recorder, die heißen auch DVR (für digital). Grundprinzip bei solchen Harddisk-TV-Recordern: Timeshifting. Serie läuft, du bist nicht auf deinem dir angestammten Couchpotato-Platz, TIVO nimmt auf. Bist du da und du gehst – mal ausnahmsweise nicht während der Werbung – aufs Klo, TIVO lässt dich da weitergucken, wo du diesen Drang zur Mobilität verspürtest. Das ist toll, das ist praktisch, das wundert einen Tag für Tag, warum es sich in Deutschland nicht ebenso durchgesetzt hat.
Wo ist das Problem? Richtig, Patente. Die Multimediawelt ist ja so verdammt erfindungsreich. Vor einiger Zeit hatte TIVO mal EchoStar (Mitbewerber auf dem PVR-Markt) verklagt, weil sie u.a. letzten Mai in den USA (wo sonst) ein tolles Patent zugesichert bekommen hatten, das sich, ganz Enterprise-Scifistyle, “Multimedia Time Warping System” nennt. Diese heilige Erfindung ist allerdings nicht, wie der Name eigentlich vermuten ließe, eine Zeitmaschine in den Innereien des TIVO, was ja ein Durchbruch wäre, auch wissenschaftlich. Denn selbst wenn immer alle behaupten, dass sie nah dran sind … Photonen so Quark-Style durch die Zeit schießen zu können, oder zumindest zu beamen, so ist doch zumindest noch keine Homeentertainment-Produktreife der Zeitmaschine erreicht. Es geht schlicht und einfach um den schon seit Betamax-Zeiten allerbanalsten Tatbestand, dass man, während man eine Sendung guckt, eine andere aufzeichnet. Frech, aber wahr … richtig frisch frisierte Richter müssen sich mit sowas auseinander setzen (die Klage läuft immer noch). EchoStar aber hat auch was im Patentgiftschrank und das ist mindestens ebenso Scifi, auch wenn der Name etwas (aber das war auch schon 1998, nicht wie das Tivo Patent im Wonnemai 2001) mehr Porn klingt als Hyperhyper. “Interruption Tolerant Video Program Viewing” heißt das Ding und beschreibt in den schönen Eingangsworten: “Allows a video broadcast viewer to pause at anytime while viewing a program, and upon returning to be able to view the intervening segment.” Ziemlich genau die Funktion einer digitalen Pausetaste, die gleichzeitig weiteraufnehmen lässt. Banalst, aber zumindest mit einem VHS-Kistchen nicht machbar. Und damit verklagen sie jetzt (hier Applaus einblenden, Patent des Monats gefunden, sogar ein alttestamentarisches) TIVO. Selbst schuld. Wir jedenfalls sind gespannt, wann jemand auf den Gedanken kommt, den totalen Ausschalter zu patentieren (Entertainment Minimisation Pacificationshortcut, kurz EMP) und dann TV-Begone verklagt. Tja, wie die Company hinter Echostar sagen würde: “It’s all in the dish.”

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Klingelton die Dritte
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 91

Patent des Monats
Klingelton die Dritte

Werden wir heute mal etwas grundsätzlicher und fragen uns, ob Patente wirklich verkauft werden sollten. Ich stelle mir Patentämter ja so vor: Da sitzen Typen rum, ähnlich wie Richter, lassen sich ein paar Ideen vortragen, und wenn sie was gut finden, dann hauen sie mit dem Hammer auf den Tisch und rufen laut “verkauft!”, manchmal auch nur, um eine Fliege zu erschlagen, die sich auf dem Patentblock niedergelassen hat. Das alles entspricht natürlich nicht der Wahrheit, kommt aber der Präzision, mit der unsinnige Patente verteilt werden, sehr nahe. Nun gut, zur Frage: Sollten Patente verkauft werden, die einen allseits bekannten Prozess einfach nur umdrehen? Als Beispiel die Nr. 20050031106, ein Patent von Microsoft. Darin hatten die Thinktanks in Redmond die gute Idee der Caller IDs – also wenn ihr z.B. auf eurem Telefon einem bestimmten Freund ein bestimmtes Photo und einen Klingelton zuweist – umzudrehen. Wenn ihr jemanden anruft, könnt ihr gleich ein Photo und einen Klingelton vorab mitschicken. Tolle Idee, oder? Microsoft hatte ja schon immer, wir erinnern uns an Windows, solche Ideen: “Hey, unser Betriebssystem sieht ja fast so aus wie die Windows bei Apple, lass uns doch einfach ein Trademark auf Windows geben, aber damit es was neues ist, machen wir das Menu eben mal an die umgedrehte Stelle”. Und nun? Wozu soll das gut sein? Klingelt nicht? Ihr kennt doch bestimmt diese lustigen Klingeltöne (Schnappi!). Genau die kann man dann nämlich nicht nur an die Leute verkaufen, die ihr Telefon “besonders” klingeln lassen wollen, oder an die, die wollen, dass ein “Ringback”-Klingelton anstelle des Besetzt-“Tuut-Tuut” kommt. Nein, jetzt hat man noch eine dritte Möglichkeit. Und Microsoft verdient jedes Mal, wenn ihr von einem Deppen, der bereit war, sein Taschengeld dafür hinzublättern, angerufen werdet, mit – vorausgesetzt mal, man macht ihnen das Patent nicht noch streitig. Schön oder? Uns würden da auch noch viele Möglichkeiten einfallen. Zum Beispielt das Ring-o-Rama-Mashup®. Immer wenn euch so ein Depp anruft, wird der ankommende Klingelton mit einem anderen mittels (einstellbar) Bootlegdoppler (billig) oder Granularsynthese (für DSP-Freaks) zu einem neuen “Hit” verwurschtet. Der Vorteil? Ihr müsst keinen bekannten Scheiß hören, und endlich sind wir so weit, dass für Klingeltöne bezahlt wird, obwohl man sie nicht mehr hört. Ein Traumzustand. Auch für die darbende Musikindustrie.
Was um alles in der Welt wäre eigentlich passiert, wenn jemand ein Patent auf das Recyclen bekommen hätte. Wir wären zumindest vor solchen Patenten sicher.

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Der zweite Teil unserer Serie Patent des Monats beschäftigt sich diesmal mit dem Hash im Rechner. Rauchen kann nämlich tödlich sein.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 90

HASH

Au. Jetzt wird’s kompliziert. Wie erklären wir das. Die heile Filesharing-Welt ist ja schon längst nicht mehr so heil. Brilliant Digital Entertainment und Altnet (Spywareprovider Nr.1), mit denen Kazaa verbandelt ist, entwickeln ja seit einiger Zeit eine eigene DRM-Version Namens “TrueNames”, damit sie endlich mal die RIAA befriedigen können. Nun haben sie via Anwalt an andere P2P-Systeme wie BearShare, Limewire, Pixpo (Image Sharing Software), MashBoxx und Shareaza ein Schreiben rausgeschickt, das diese freundlich darauf hinweist, doch ihre beiden Patente zu beachten und gefälligst diese tollen Techniken zu lizenzieren, sonst gäbe es einen ordentlichen Rechtsstreit.

Es geht um zwei feine US-Patente, die die stolzen, nahezu königlichen Namen tragen: “Data Processing System Using Substantially Unique Identifiers to Identify Data Items, Whereby Identical Data Items Have the Same Identifiers” (5,978,791) und “Identifying and Requesting Data In Network Using Identifiers Which Are Based On Contents of Data” (6,415,280 B1). Lange Rede kurzer Sinn: Letztendlich handelt es sich bei den beiden Patenten, nicht nur nach Meinung von Freenets Ian Clarke, um “lahme Enten”, weil sie patentieren, was schon seit Ewigkeiten eine gängige Technik bei Computerprogrammierung ist: Hashing. Hashing wurde dazu entwickelt, um eben solche Unique Identifiers (auf die das Patent aus ist) zu haben, und wird gelegentlich in P2P-Systemen, aber generell in Kryptographie, in Datenbanken und was weiß ich wo sonst noch verwendet. Es tut Folgendes: die bleibende Identität von Dateien mit einer relativ kurzen Abfolge von Zahlen zu sichern. MD5 (ein Hashing-Algorithmus unter vielen) dürfte P2P-Usern schon mal untergekommen sein.

Wie man so etwas patentieren kann, sei dahingestellt. Viel amüsanter ist, wer diese Abmahnungen bekommen hat. MashBoxx von Wayne Russo (Grokster) z.B., das noch nicht mal Beta-Stadium erreicht hat, also eigentlich noch gar nicht existiert und außerdem eine Technologie von SnoCap/Phillips zur Identifizierung von Dateien benutzt. Oder Limewire, die explizit keine Hashes für die Identifizierung von Files benutzt. In der P2P-Welt jedenfalls kratzt man sich den Kopf, was für einen Wahnsinn die Bande rings um Sherman, BDE und Altnet da wieder verzapft hat und ob sie sich wirklich einbilden, die extrem gut vernetzte P2P-Community so schröpfen zu können.

Gern hätten wir diesen Monat auch das farbige Highlighten der Suchanfragen in Searchengine-Ergebnissen genommen, Googles Blingbling-Patent (6,839,702), das ist auch ein Brüller.

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It's not a mans world, sondern eine der Patente und Marken und damit das keine Behauptung bleibt, stellen wir euch an dieser Stelle ab nu jeden Monat ausgesuchte Krönchen der Patent & Markenschöpfung vor, die die Welt aus den Aktenschränken heraus regieren.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 89

M&M oder das kleinste Patent der Welt

Ok, wenn man mit 15 (oops, 9) Zeilen Code schon ein Filesharing-Programm schreiben kann, dann ist es vielleicht nicht wirklich überraschend, dass 16 Buchstaben schon eine Patentverletzung sein können. Bevor wir ab dem nächsten Monat also jedes Mal an dieser Stelle unser Patent des Monats vorstellen wollen, geht es hier erstmal darum festzustellen, wie winzig die sein können, die Patente, die kleinen Schlawiner, denn wie wollen wir die sonst finden? Da uns die EU ja jetzt doch noch dieser Tage Softwarepatente beschert, an denen nur komisch ist, dass sie von unseren Landwirtschafts- und Fischzuchtministern beschlossen werden, ist wohl auch kaum zu erwarten, dass Patente in absehbarer Zeit wieder größer werden. Der wahre Namespace des Patents jedenfalls ist diesen Monat von M&Ms abgesteckt worden. Ja richtig, diese beiden lästig witzigen Kinobesucher mit Schokoladenüberzug. Die haben sich nämlich – lecker – gedacht, eine lustige Aktion mit dem Internet zu machen, denn schließlich will man mit der Marke ja ganz persönlich sein und muss irgendwie in die Kommunikationskanäle zwischen Leckermäulchen und heimlichem Genießer gelangen. Auftritt: Customized M&Ms. Man kann sie sich mit 2 mal 8 Zeichen Text bedrucken lassen. Die Marktlücke zwischen T-Shirts und SMS eben – und die ist nicht gerade klein. Aber damit in der Marktlücke nicht etwa der wilde Westen tobt, haben die klugen Anwälte von M&M gleich einen Riegel vor den bedruckten Pillenwahn geschoben. Patentrechtsverletzungen auf M&Ms sind nämlich tabu, schon das Logo sieht ja aus wie eine römische Galeerengarage. Trademarks, Schweinereien, Sexkram usw … das könnten wir ja alles gut verstehen. Wieso sollte man M&M auf M&Ms drucken lassen, gibt’s doch schon, aber dass man auf einem M&M nicht nur Privatrechte beeinträchtigen, sondern auch Geschäftsgeheimnisse ausplaudern, vor allem aber Patente verletzen kann, das ist ein neuer Tiefpunkt in der Menschheitsgeschichte, der uns der Vorstellung nahe bringt, dass in nicht allzu ferner Zeit überall durch die Welt kleine M&M-Polizei-Pastillen schwirren, die bei jeder Patentverletzung zu einem Haufen Scheiße explodieren. Dabei hätten wir die so gerne als intestinale Filesharingpillen gekapert. 16 Buchstaben können schon eine Patentrechtsverletzung sen. Tja, es wird eng werden. (Am besten gefällt uns übrigens in der langen Liste von Dingen, die man auf M&Ms nicht drucken darf, der Punkt V: Fakten missrepräsentieren.)

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