Der Video- und Installationskünstler Arnold Dreyblatt, Schüler von La Monte Young, untersucht den Prozess des Erinnerns und der Geschichtskonstruktion. Zwischen der minimalistischen Musiktradition, von der er kommt, und seinen visuellen Arbeiten liegt eine Gemeinsamkeit: das Wiedererkennen von Mustern - Pattern Recognition.
Text: Andreas Krüger aus De:Bug 37

/kunst Computerkunst mal anders Pattern Recognition – Strukturen des Erinnerns mit Mr. Dreyblatt In einem Zimmer der Galerie Dreher in Berlin-Charlottenburg liegt auf einem Tisch ein “Wunderblock”, jenes Kinderspielzeug, bei dem man Sätze und Figuren schreiben und durch das Schieben der Schreibfläche durch den Rahmen wieder auslöschen kann, um anschliessend neu zu beginnen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass dieser Wunderblock noch wunderbarer ist als seine kleinen Verwandten im Spielzeugladen. Die graue Matrize ist durch einen Bildschirm ersetzt, auf dem sich Sätze automatisch hinschreiben, sich gegenseitig auszulösen und auszulöschen scheinen, um graue Schatten ihrer selbst zu hinterlassen, bevor sie ganz verschwinden. Die Installation ist das neuste Werk von Arnold Dreyblatt, in New York geboren, Komponist (Schüler des Minimalisten La Monte Young), Video-und Installationskünstler, seit 1984 (sic!) in Berlin lebend. Inspiriert durch einen Text von Siegmund Freud verwandelte er die Metapher vom “Wunderblock” in eine magische Studie über Lesen, Gedächtnis und Verschwinden. Memory Zuletzt brachte die ansonsten eher banale Gernegrossschau “Das 20. Jahrhundert – ein Jahrhundert Kunst in Deutschland” in Berlin drei zentrale Werke Dreyblatts unter dem Titel “Memory Arena” zusammen: Seine kontiniuierlich fortgeführte Arbeit am “Who’s Who in East and Central Europe 1933”, “Artificial Memory” und “T-Mail”. Dreyblatt benutzt Computer eher so, wie ein Komponist (der er ja auch ist) sein Orchester. Die handwerkliche Seite, für die er enormen Respekt hat (“building a beautiful structure in terms of logic”), überlässt er Programmierern und Technikern. Ein Gespräch mit Dreyblatt gleicht der Arbeit mit einem Wunderblock. Ein Gedanke wird formuliert, verwischt, neu formuliert, überdacht, in Frage gestellt und wiederum neu präzisiert. So verwundert es nicht, dass er seiner Arbeit am “Who’s Who” ein Zitat von Gertrude Stein vorangestellt hat. ”There will then be a history of every one who ever is or was or will be living, mostly every history will be a long one, some will have a very little one, slowly it comes out of each one”, schrieb Stein in “The Making of Americans”. Was in ihrem Universum als romantische Prophezeihung verstanden werden konnte, wurde zeitgleich von Kafka als moderner Alptraum beschrieben. In den aktuellen Diskussionen um “das Netz” taucht die gleiche Spannung wieder auf – der fröhliche Glauben daran, dass die Welt ein besserer Ort sein wird, wenn jeder seine eigene Webpage hat, ebenso wie die Angst vor dem gläsernen User. Am Anfang stand antiquarische Information Arnold Dreyblatts Arbeiten kreisen unter anderem um genau dieses Dilemma, ohne es in vermeintliche Antworten auflösen zu wollen oder es auf ein Medium oder einen politischen Kontext zu reduzieren. Seine Faszination mit diesem Thema begann, als er 1985 in einem Antiquariat in Istanbul eine Ausgabe des “Who is Who in Central and East Europe 1933” kaufte. Zunächst faszinierte ihn daran die versunkene Welt, die sich ihm offenbarte. Doch war dieses Interesse, so Dreyblatt, “lediglich der Anfang. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr traten abstraktere Fragen in den Vordergrund: der Prozess der Erinnerung und der Genese von Information.” “Ich fand mich inmitten eines komplexen Netzes persönlicher und kollektiver Mythen-Bildung”. Er begann, die Daten aus dem Buch auf Karteikarten zu übertragen, doch bald wechselte er, gleich den Einwohnermeldeämtern, zur elektronischen Datenverabeitung. Die Biographien wurden durch “chunks” (kategorisierte Fragmente) miteinander verbunden und durch Tasten, die Schlüsselwörter repräsentierten, zugänglich gemacht. “So wurden Wege durch einen sonst nicht zu entziffernden Text gelegt, der Tausende von Seiten ergab, auf denen der Originaltext gefiltert und reorganisiert worden war. Nach sechs Jahren des Querlesens, Auswählens, neu Zusammenstellens usw. wurde im “Babylon” (XXX) die Mulitimediaoper “Who’s who in Central and Eastern Europe 1933” aufgeführt. Lebensläufe und Kategorien entstanden und zerfielen vor den Augen und Ohren der Gäste, enstanden neu und zerfielen erneut. In einer Reihe von Installationen hat er die Arbeit am “Who’s who” seitdem weiterentwickelt. ”Was bedeutet es, Daten über 10.000 Lebensläufe zu haben – was ist Information?”, fragt Dreyblatt. “Ist sie neutral, ist sie positiv oder negativ? Woher wissen wir, welche Information zuverlässig ist? Noch bevor sich die Frage nach dem mehr oder weniger guten oder bösen Zweck des Gebrauchs von Informationen stellt, hat diese bereits ihre Unschuld verloren” – schon das erste Speichern von Informationen findet auf der Basis von Kriterien statt, die auch politisch interpretierbar sind. “Auch ich wähle aus, ich öffne den Text und schliesse ihn zugeich. (·) Letzten Endes ist es besser, zuviel aufzuschreiben, als zu wenig. Das meiste geht sowieso verloren”. T-Mail Die Installation “T-Mail” geht in gewisser Weise entgegengesetzt zum “Who’s Who” vor: Während die Eintragungen im letzteren zumeist von den betroffenen Personen selbst stammen, steht bei “T-Mail” die Fremdbeobachtung einer Person im Mittelpunkt. “T” war einer von mehreren Deckname einer 1879 in Ungarn geborenen und 1943 in Shanghai gestorbenen Person, die sich meist “Trebitsch Lincoln” nannte: Internationaler Spion, orthodoxer Jude, christlicher Missionar und buddistischer Mönch, Besitzer rumänischer Ölfelder, britischer Unterhausabgeordneter, Mitverschwörer am “Kapp-Putsch” u.v.m. Über das Leben von “T.” hat Dreyblatt in verschiedenen Archiven an die 3000 (Geheimdienst-) Dokumente zusammengetragen. Aus den zahlreichen Qeurverweisen auf historische Ereignisse, Orte und Persönlichkeiten entsteht ein virtuelles Kommunikationsnetz. Zugleich wird der sich fortschreibende Text auch in akustische Morsesignale übertragen, die Recodierung eröffnet eine weitere historische und ästethische Dimension. Bei Dreyblatts Werken können wir den Prozessen des Erinnerns bei ihren keineswegs unschuldigen Werk zuschauen. Und wir können darüber nachdenken, wie unterschiedlich sich Worte in verschiendenen Medien und Kontexten darstellen und lesen. Dabei scheinen die Arbeiten zugleich über die Bedingungen ihres Entstehens nachzudenken. Viele der Internet-Texte, die in seiner Installation “In the Archives” auf eine Schriftrolle gebannt worden sind, sind im Internet und auf den Festplatten der ursprünglichen Autoren längst verschwunden, so wie die “Konservenlacher” in amerikanichen Sit-Coms zumeist aus Radioshows der fünfziger Jahre stammen: “All the people that laugh are those who are dead.” Geschichte schreibt sich, vermeintlich automatisch, permament neu. Auch diesen Prozess macht Dreyblatt erfahrbar. Als er mit dem “Who’s who” Anfing, waren die Orte, von denen er las, den meisten Deutschen noch völlig unbekannt: Orte wie Lemberg, Ruthenien, Kosovo. Ironischerweise wird zeitgleich die Tradition des musikalischen Minimalismus, in der Dreyblatt als Musiker steht, als “Vorgeschichte” der Postrock- und Posttechnoszene neu erfunden. Als ich Dreyblatt nach seiner Definition von “Minimalismus” frage, lacht er: “Zum Glück hat mich bislang noch nie jemand gezwungen, diese Frage zu beantworten, wohl auch, weil ich diese Kategorie nicht erfunden habe, selbst wenn insbesondere meine Kompositionen klar in dieser Tradition stehen. Als ich aber am Anfang meiner Beschäftigung mit dem “Who’s who” Tony (Conrad, einer der bekanntesten amerikanischen Musikminimalisten) davon erzählte, sagte dieser nach einer Weile: “Doch, ich sehe eine Verbindung zwischen deiner Musik und dieser neuen Arbeit: Pattern Recognition.”

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Elektronische Lebensaspekte.