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Text: sascha kösch aus De:Bug 32

/techno Musik machen, irgendwie im klassischen Sinn Paul Brtschitsch Retro, man kann es schon nicht mehr hören. Alle, die Brtschitschs Album auf Frisbee gehört haben, konnten nicht anders als “damals” zu sagen. Was für ein Damals? Detroit. Irgendwie. In dem Masse, in dem eine Stadt ein Genre sein kann, so wie Retro ein Genre ist, und die Unzufriedenheit mit den Genres im allgemeinen. Eine Erinnerung, die in ihrer Unentschiedenheit sagt, dass etwas nicht OK ist. Im Land, in der Szene, in den Clubs. Egal wo, vielleicht mit einem selber. Techno hat sich nicht nur in Deutschland in eine schwierige Situation manövriert. Man weiss eigentlich gar nicht mehr, was für einen Sound man nun wirklich damit verbinden soll. Denn nicht nur ein Act nach dem anderen ist immer mehr in Richtung minimale Housemusik oder Electro abgewandert, bzw. gleich dort gelandet. (Ganz Köln zum Beispiel könnte man, vielleicht absurder Weise trotz Bassdrumkönig Voigt, fast als technofreie Zone bezeichnen. Fast ganz Köln, nur…) Nein, der Begriff scheint, nachdem er Platz für endlos viele Genres hatte, kaum noch wirklich auf etwas passen zu wollen, ausser den sehr formalisierten Genres “Looptechno” oder “Schwedentechno” (wie man gerne ziemlich lax und abfällig sagt). Dafür mischt man einfach irgendwie eine Prise Surgeon, Bayer, Mills, und fertig ist der nächste Act. Mal hiervon mehr, mal davon, ein Genre im Grunde wie Acid Mitte der 90er. Endlos viele extrem ähnliche Produktionen, mit einer unglaublichen Funktionalität in der Konzentration auf einen Sound und irgendwo immer kurz davor zu verschwinden. Ohne dass sich jemand drum sorgen würde. Mit Rebirth war Acid endgültig tot, und falls jemand ein Tool für Looptechno erfinden müsste, damit es dort ebenso wird, her damit. Was also tun, wenn man dennoch Techno produzieren will, sich aber eben nirgendwo mehr zuhause fühlt? Was also tun, wenn kein Club den Sound vertreten könnte, den man macht (Looptechno hier, minimale Housetracks dort, oder gleich ganz woanders: Disco, Drum and Bass, Big Beat, usw.) und kaum ein DJ noch gezielt wirklich so auflegt? Es scheint neben einigen Ausnahmeproduzenten zur Zeit eigentlich nur zwei Wege zu geben: Der eine, den die Clickertechno und auch die Brighton Posse zum grossen Teil begeht, heisst: Neue Sounds suchen, neue Technologien testen. Powerbooks rausholen, alles neu zerbröckeln und wie nebenher auch ein paar Technotracks produzieren, oder aber zweite Möglichkeit: Zurück gehen. Irgendwo einen Strang der Geschichte suchen, an dem es schief gelaufen sein könnte, diese Zeit wieder einfangen in den eigenen Tracks und sich selber so eine Basis schaffen, von der aus man eine Parallelwelt entwickeln kann, die mehr umfasst, als ein Tempo, ein Sound, ein Ziel. Zurück zum Ausgang So dürfte man auch Brtschitschs neues Album, Live-Set, MixCD “Surftronic” verstehen. Angelegt wie eins seiner Live-Sets, die konzipiert sind wie seine Lieblings-DJ-Sets: Ruhiger zuerst, dann aufbauend und gegen Ende immer härter, bricht sich die CD irgendwann mit einem Listening Track “Memories”, in dem alles noch einmal wie in einem Potpurri kurz angerissen wird, um dann etwas ganz Neues zu testen. Viele haben Brtschitsch schon gesagt, dass seine neue Platte sehr nach Detroit klingt. Sehr nach den Zeiten, in denen Technotracks noch arrangiert wurden oder jedenfalls den Effekt eines meist unergründlichen Arrangements hatten. Nach Zeiten, in denen Vielseitigkeit und Funktionalität noch kein Widerspruch zu sein hatten, sondern definitiv zusammen gehörten und eine Energie freisetzen konnten, die man gerne in so Worte packt wie “damals”, blabla usw. Vor drei Jahren, als er – durch den Job bei Neuton im Vertrieb und weil er damals noch DJ war – noch jede neue Platte verfolgt hat, waren es nun einfach mal die amerikanischen Tracks, die ihn immer inspiriert haben. Und seitdem wenig. Er geht immer seltener aus. Immer seltener gibt es Partys, die ihn in Frankfurt mitreissen können, immer mehr ist Musik für ihn nicht etwas geworden, dass sich aus der ständigen Kommunikation zwischen Parties, Platten, DJ’s und allem Drumherum ergibt, sondern etwas, das er produziert. Musik machen. Irgendwie im klassischen Sinn, aber auch – denn Zeit vergisst man einfach nicht – irgendwie anders. Seine Tracks haben viel mehr von den späteren Platten von Atkins, Red Planet usw. als von dem, was man auf Partys so hören würde. Sie sind viel mehr konzipiert, durcharrangiert, halten sich allerdings, da ewige Male getestet bei LiveÐSets, auch viel mehr an den Dancefloor, so wie er ihn will, als z.B. die Tracks auf seinem und Andrée Galluzzis Label Taksi (leider im Moment etwas eingeschlafen, aber es lebt noch), die einiges experimenteller, noch arrangierter sind, und gerne auch mal verdreht wirken. Nicht so ordentlich klassisch wie “Surftronic”. Wenn es die eigenen Vorstellungen nicht gibt, dann muss man sie sich eben selber machen, den Platz und die Infrastruktur dafür am besten gleich mit, egal ob man damit anfängt, erst mal wieder an Techno als Musik zu denken, oder einfach eine Basis zu suchen, von der aus man wieder klar sieht.

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Elektronische Lebensaspekte.