Text: Jesper Schäfers aus De:Bug 29

House/Chicago — 50% Chicago, 100% Charts Paul Johnson Mehr als 100 Schallplatten sind bereits unter seinem Namen auf berühmt berüchtigten Chicagoer Labels wie z.B. Trax, Dance Mania oder Relief veröffentlicht worden. Für diverse europäische Labels, allen voran Djax Up Beats und Peacefrog, gilt ähnliches. Insbesondere seine derbe Kickdrum und der kompromisslose Umgang mit dem EQ verraten sofort seine typische Handschrift: Paul Johnsons Umgang mit den Instrumenten ist mehr als nur stilprägend, denn sein multiphrener Output oszilliert zwischen Booty-Tracks und glitzernden Disco-Perlen. Und mit “Get Get Down” hat es der Altmeister endlich geschafft, einen regelrechten Sommerhit zu produzieren, der von San Francisco bis Manila, von Stockholm bis Athen von sämtlichen Spatzen auf allen Dächern mitgesungen wurde. De:Bug traf den an seinen Rollstuhl gefesselten (bildlich gesprochen) Musiker und DJ während der PopKomm. Beinahe wäre aus dem versprochenen Interview nichts geworden, denn offenbar hatte die Plattenfirma nicht daran gedacht, ein behindertengerechtes Hotelzimmer zu organisieren. Auf den letzten Drücker musste folgerichtig eine adäquate Herberge aufgetrieben werden. Nach einer schier endlosen Odyssee sassen wir uns im Konferenzraum eines der Hotels am Köln/Bonner-Flughafen bei einem Glas Orangensaft gegenüber. De:Bug: Nachdem du fast eine Dekade lang wie ein Irrer für diverse Underground-Label dies- und jenseits des Atlantiks produziert hast, bist du mit deiner aktuellen Single bei Fuel, einem Sublabel von East West, gelandet… Paul Johnson: Das Lustige an “Get Get Down” war, dass ich die Nummer eigentlich gar nicht auf das Album draufpacken wollte. Vielmehr handelte es sich um einen Track, den ich sozusagen als Filler einfach noch mit dazugenommen hatte. Letztenendes war es wohl die richtige Entscheidung, denn wie sich herausgestellt hat, ist es mein bislang erfolgreichstes Stück. Tatsächlich wurde es schon fünf oder sechsmal lizensiert, und jetzt kommen noch die Remixe! Aber wirklich überraschen tut mich nichts mehr. Ich mache schon so lange Musik, es war irgendwie klar, dass meine grosse Stunde irgendwann mal schlagen musste. Und jetzt geht’s eben los. Geduld ist das Zauberwort! Man muss abwarten können; wie gesagt, “Get Get Down” habe ich auf die Schnelle eingespielt, eine halbe Stunde habe ich dafür gebraucht, und als es fertig war, habe ich mir nichts weiter gedacht. Umso schöner, wenn der Track ein Hit wird. Aber niemanden hat das mehr überrascht als mich. Jemand hat mir erzählt, die Nummer ist gegenwärtig Nummer 1 in den deutschen Charts… De:Bug: Es ist ein richtiger Gassenhauer… Paul Johnson: Na klar! Die einfachsten Sachen sind eben doch die besten. Ich war vor ein paar Wochen auf Ibiza und bin in der Stadt spazieren gewesen, und ständig sind mir Leute entgegengekommen, die die Melodie von “Get Get Down” gesungen haben: De-De-De-Dedem-De-De-De-Dedemm… Manomann! Es ist einfach catchy. Aber dennoch lehne ich mich nicht zurück. Vielmehr sehe ich diesen Erfolg erst als den Anfang. ich habe noch soviele Sounds und Styles in meinen Schubladen… Mal sehen… De:Bug: Soweit ich weiss, bist du einer der wenigen DJs und Produzenten, der im Rollstuhl sitzt. Dass das nicht so einfach ist, haben wir ja gesehen, als der Durchgang zur Toilette im vorherigen Hotel viel zu schmal war. Wie kommst du damit zurecht? Vor allem der Umstand, das du Tanzmusik machst, wundert nicht wenige Leute… Paul Johnson: Nun, ich sitze nicht schon immer im Rollstuhl. Bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr war bei mir alles normal, ich habe Sport betrieben und so weiter: Football, Basketball, Schwimmen, Ringen, alles mögliche. Tja, und dann hatte ich diesen blöden Unfall. De:Bug: Ein Autounfall? Paul Johnson: Nein. Ich war bei einem Kumpel zuhause. Der hatte eine Knarre. Naja, er wollte die Pistole wohl saubermachen, hatte aber noch eine Kugel im Magazin vergessen. Jedenfalls löste sich ein Schuss, und der traf mich. Bang! Mann, ich hatte verdammtes Glück, dass sich die Kugel an meiner Wirbelsäule verfangen hatte und nicht mein Herz oder die Lunge zerfetzt hat. Glück im Unglück nennt man das wohl. Das ist die ganze Geschichte, kein Drive-By-Shooting, kein Überfall auf einen Schnapsladen, kein Drogendeal: Einfach ein bescheuerter Unfall daheim. De:Bug: Es heisst, du bist vor allem mit Robert Armani besonders gut befreundet?!? Paul Johnson: Das stimmt. Wir kennen uns seit 15 Jahren. Wir haben zusammen angefangen aufzulegen. Tatsächlich bin ich mit allen DJs und Produzenten aus Chicago bestens bekannt. Das ist einfach ein Kreis von Leuten, die seit Ewigkeiten zusammen abhängen. Marshall Jefferson, Armando (RIP), Mike Dunn, Derrick Carter, Steve Silk Hurley, Fairley Jackmaster Funk, Tyree Cooper – wir werden alle als Legenden betrachtet, aber von uns ausgesehen sind wir einfach Freunde, die dieselbe Art von Musik lieben. Es ist schon cool, denn wir haben als Kidz angefangen, und jetzt reisen wir plötzlich alle um die Welt um aufzulegen. De:Bug: Geht denn in Chicago überhaupt noch was ab? Ich weiss, dass z.B. in Detroit praktisch nichts mehr los ist… Paul Johnson: Was Detroit angeht, hast du recht: Vor ein paar Monaten war ich dort und es war verdammt traurig. Wo sind die Leute? Niemand bringt’s: Kaum Clubs, Plattenläden usw. In Chicago ist das über Jahre ähnlich gewesen, aber im Augenblick passiert wieder was: neue Clubs machen auf und das alles klingt recht vielversprechend. Dennoch: New York ist deshalb einfach immer noch an der Spitze, weil die Leute dort permanent ihre Clubs betrieben haben und jeder mit jedem so gut es geht zusammengearbeitet hat ohne Rücksicht auf Verluste. Ich meine, dass in Detroit aber auch in Chicago eine zeitlang die Acts ein wenig durchgedreht sind und unbedingt die dicken DJ-Gagen oder Lizensierungs-Honorare abkassieren wollten. Was mich betrifft, habe ich zwischen 96 und 98 hauptsächlich Platten aus UK gekauft, weil die Produktionen aus den Staaten einfach zu verwässert waren. Inzwischen hat sich da ein umgekehrter Trend durchgesetzt. Zum Glück, denn es lohnt sich wieder, Platten aus Chicago zu kaufen. Ehrlich. Aber ich habe auch mit meinen Leuten darüber geredet und meinen Standpunkt deutlich gemacht: Wenn du eine Platte machst, dann musst du damit rechnen, dass die von der ganzen Welt gehört wird. Demzufolge musst du dir echt Mühe geben. Dein Name, und mag er noch so viel Ruhm aus den Gründertagen bedeuten, kann durch schlechte Produktionen nur an Marktwert verlieren. De:Bug: Du hast nur eine schmale Plattenkiste dabei… Paul Johnson: Ja, da sind etwa einhundert 12″ers drin. Damit kann ich locker 7 Stunden auflegen ohne mich zu wiederholen. Ich lege seit 15 Jahren auf, da weiss man eben, was man mitnehmen muss und was nicht. Ich glaube sogar, das ich genauso gut auflegen könnte, wenn meine Kiste plötzlich verschwände und ich mit der Kiste von jemand anders auflegen müsste. Ich weiss, manche DJs kommen mit drei, vier Flightcases an. Warum? Ich suche mir daheim die richtige Scheiben aus und komme damit immer zurecht. Die einzigen Probleme, die ich habe, sind eher logistischer Natur, will sagen, ich bin schon öfters in Clubs gekommen, wo alles extra umgebaut werden musste, weil ich sonst nicht in die DJ Booth gekommen wäre. Aber ich bin schliesslich der einzige DJ auf der Welt, der im Rollstuhl ankommt. Es ist wohl klar, das darauf bei der Konzeption kaum Rücksicht genommen werden kann. Dennoch lege ich lieber auf als z.B. Live-PA zu machen. Ich bin in den letzten Jahren vielleicht fünfmal live aufgetreten und das hat enorme Vorbereitungen gekostet. Schau dir mal Daft Punk live an, die kommen mit 25 Geräten an, das ist mir viel zu aufwendig. Ich reduziere da bis zum Maximum, d.h. ich komme mit einem Sequenzer und ein, zwei Synthies und ein, zwei Effektgeräten und erziele denselben Effekt. Aber auflegen macht mehr Spass. Schliesslich lege ich ja nicht nur meine eigenen Tracks auf, sondern lege Wert auf Tracks anderer Leute, die ich mit meinen Stücken in Zusammenhang bringe. De:Bug: Es gibt Gerüchte, die behaupten, Paul Johnson wäre nicht nur für seine eigenen, sondern für viele Platten anderer Produzenten federführend verantwortlich… Paul Johnson: (lacht) Naja, um ehrlich zu sein, etwa 50% des Chicago-Outputs stammt von mir! Und wenn du es hinbekommst, 20 Chicagoer Produzenten betrunken zu machen – und ich meine wirklich betrunken! – werden sie es kaum abstreiten können: Paul hat das gemacht und Paul hat mir dabei geholfen… Mir ist das eigentlich egal, aber so ist es nunmal! Paul Johnson: “Get Get Down” ist auf Fuel/Eastwest erschienen, seit dem 4.Oktober um die Vinylsammlung von zehn Remixen ergänzt. Dabei: Michael Mayer, Sounds of Life, Patrick Lindsey, Harry ‘Choo Choo’ Romero, Paul Johnson selbst und DJ Gordon vs. Goliath.

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Elektronische Lebensaspekte.