Du oder wir? Paul Kalkbrenner, Berliner Techno-Produzent, fokussiert auf seinem neuen Album auf sich selbst. Für "Self" lässt er die Ideen sprudeln und kümmert sich nicht mehr darum, in welche Schublade das nun passen könnte.
Text: Joachim Landesvatter aus De:Bug 80

Icke halt
Paul Kalkbrenner

Untrennbar mit der Berliner Label-Institution Bpitch Control verbunden ist der Name des Techno-Produzenten Paul Kalkbrenner. In der Vergangheit auch schon mal gern als “Techno-Romantiker” bezeichnet, war die Schublade “Neo-Trance” oft zur Hand, wenn es um die typischen, flächig-pumpenden Kalkbrenner-Tracks ging. Jetzt macht er mit seiner neuen LP ”Self” die Lade auf und befreit sich deutlich von dieser Stilzuordnung. Auch wenn es auf “Self” immer noch Tracks gibt, die sehr stimmungsgeladen und Pad-lastig vor sich hin grooven, fehlen die ganz großen Dancefloor-Stomper diesmal fast ganz. Die Tracks sind subtiler und die Platte als Ganzes kommt erheblich abwechslungsreicher als die Vorgänger-LP daher. Da kann es auch schon mal wie in Köln schaffeln oder das Tempo für zwei Tracks gehörig gedrosselt werden.

“Ich habe nicht bewusst eine musikalische Richtung verfolgt, sondern das gemacht, was in mir ist. Ich bin ja sowieso musikalischer Autist und habe gar keine große Ahnung, was andere Musik angeht. Ich bin kein DJ, aber ich bin viel unterwegs und weiß, was ich mag und was nicht. Aber wer gerade welche Platte wo rausbringt, da bin ich nicht so bewandert. Ich habe schon überlegt, den Titel-Track mit einem Sänger zu machen, aber es ist ja auch interessant zu zeigen, dass man ein sehr musikalisches Album ohne Vocals machen kann. Vocals nehmen sich immer so wichtig.“

Drei kurze Akkordeonstücke teilen die Platte in zwei Hälften. “Die erste Assoziation ist Frankreich, aber es klingt auch total osteuropäisch. Ich wollte einen Aufhänger haben, vorne, in der Mitte und hinten. Das ist eine alte Volksweise aus irgendeinem Film. Die habe ich rangeholt, geschnitten und das hat aber erstmal nicht funktioniert. Dann habe ich einen Akkordeonspieler, der immer am U-Bahnhof Samariter Straße saß, mal gefragt, ob er sich einen Fuffi verdienen will. Der kannte das Stück und hat es dann gespielt.” Der Track in der Mitte der Platte heißt ”Marbles“ und erinnert fast an Downbeat-Helden wie Nightmares On Wax. Von klassischem Kalkbrenner-Techno bleibt dabei nicht mehr viel übrig. Muss ja aber auch nicht. ”Ich denke nicht, dass meine Stücke einem bestimmten Aufbau folgen müssen. Jetzt sind auch kürzere Stücke dabei, das habe ich früher nie gemacht. Die LP ist weniger Rave und mehr Musik, aber immer noch Techno vom Herzen her.“

Mit der neuen LP ist Paul Kalkbrenner viel zufriedener als mit dem Vorgänger “Zeit” – weil er sich gerade davon für ”Self“ einfach mehr genommen hat. ”Damals hatte ich nicht die Möglichkeit, mir über Total Recall einen Monat später nochmal alles vorzunehmen und weiterzuarbeiten. Der Titel lag auf dem Analogpult und musste fertig werden, damit Platz wurde für einen neuen.”
Ein Grund für die knappe Zeit war auch, dass Kalkbrenner bis vor zwei Jahren ohne Computer gearbeitet hat – alles wurde live aufgenommen und analog geschnitten, alles passierte am Mischpult. Bei Fehlern hieß es dann ”Alles zurück auf Anfang”, was auch seine Vorteile hatte: ”Bis zu 20 mal konnte das sein! Deswegen kann ich gut live spielen, weil ich das mit dem Mischpult jetzt noch live genauso mache.”
Doch dann kam der zeitoptimierende Sinneswandel. ”Wenn Leute heute sagen, dass man diesen ‘warmen Sound’ nur mit analoger Röhrentechnik hinkriegt, dann ist das totaler Unsinn. Man kann den kältesten und unangenehmsten Sound auf alten Analogsynths machen und man kann einen wahnsinnig warmen Sound mit dem Computer generieren.“
Mit Hilfe eines Wörterbuches werden die Tracks dann betitelt. Paul ist etwas erstaunt, als er erfährt, dass die geläufige Bedeutung des Wortes ”queer“ im Titel des Tracks ”Queer Fellow“ schwul ist. Aber besonders stören kann ihn das nicht: ”Namen sind Schall und Rauch. Mir fiel irgendwann auf, dass es das Wort ‘Self’ so im Englischen gar nicht gibt. Das gibt es ja eigentlich nur mit ‘myself’ und ‘yourself’. Der Plattentitel ist somit eine komplette Neuschöpfung und bedeutet schlichtweg: Icke halt!“

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Elektronische Lebensaspekte.

Der Berlin-Friedrichshainer E-Werk-Romantiker Paul Kalkbrenner veröffentlicht auf BPitch Control sein neues Album und entwirft darauf einen ganz eigenen "Sound der Zeit". Modernität als die Suche nach der perfekten Produktion: Musik, die klar und deutlich klingt, so technisch und künstlich wie möglich. Dazu eine tief-kickende Bassdrum und jede Menge Herz. Trance erwähne nur, wer diskussionsgewappnet ist.
Text: katja hanke aus De:Bug 52

Techno

Am Stuhl der Abstraktheit wackeln
Paul Kalkbrenner

Es war einmal in Köln
Jedes Ende kann auch immer ein Anfang sein. Mitte der 90er Jahre, als die so und sovielte Party-Euphorie abgeklungen war und Techno mal wieder für tot erklärt wurde (Bild am Sonntag, 15.2.1996), machten sich einige Musiker daran, Techno zu sezieren und auf seine konstruktiven Elemente zu reduzieren. Weg von der Überladenheit und Schwülstigkeit des um sich greifenden (Hard-)Trance, hin zur Einfachheit. Mit minimalen Mitteln den maximalen Groove erzeugen. Und es klappte. Minimalismus steht seitdem synonym für Innovation. Irgendwann ging das Reduzieren langsam in Experimentieren über, Stücke wurden abstrakter, unzugänglicher und entfernten sich immer weiter von der Tanzfläche. Die Musik stagnierte, man zitierte nur noch sich selbst und drehte sich im Kreis. Erst die jüngste Retrowelle mit ihren Pop-Aspekten wackelt am Stuhl von Abstraktheit und Funktionalität. Melodie und Eingängigkeit werden wieder größer geschrieben, und selbst einige Herren (und Damen) des Minimalismus haben dazu Essentielles beizutragen.

Es war einmal in Friedrichshain
Diese neue Freiheit macht sich auch der bekennende Friedrichshainer Paul Kalkbrenner zu nutze. Ende August hat er auf BPitch Control sein zweites Album veröffentlicht, das, wie schon die vorabgehende EP “Chrono” aufzeigte, einen dritten Weg zwischen Retrotechno oder Reduktion beschreitet: bei allem inneren Verständnis für Minimalismus erscheint seine Art von Techno sehr breitflächig angelegt, melodiös und geschliffen. Manche würden es ‘Neo-Trance’ labeln, Rave-Techno mit Kitsch-Faktor. Mit Trance als per se negativem Begriff hantieren hier aber nur noch Ignoranten, die damit weiterhin nichts anderes als Frankfurt 1995 verbinden. “Jetzt kann man sich einfach mehr trauen als vor fünf Jahren, als alles nur Minimal Techno war und der Rest als Goa/Psy-Trance verschrien galt.”

Der Sound der Zeit
Paul Kalkbrenner steht auf BPitch für einen eigenen Sound, den er nicht grundlegend ändert, der sich aber dennoch in neue Richtungen entwickelt. In seinen aktuellen Stücken tauscht er die minimalistisch-dunkel angelegten Klänge früherer Produktionen gegen leuchtendere, synthetische Sounds. “Im Vergleich zu den neuen Sachen klingen die alten dumpfer, sie sind einfach nur funktional. Ich mag es aber offener. Und so zu produzieren, dass es offen und breit klingt, ist das Schwierige.” Seine Weiterentwicklung, eine musikalische und produktionstechnische Reife, die ihn seinem Ziel – “der Perfektion beim Produzieren” – näher bringt. “Die Musik muss so glatt und künstlich wie möglich klingen. So technisch wie möglich. Das verstehe ich unter modern. Das Album klingt einfach neu. So klar und deutlich, wie ich es noch nie gehört habe.” Das ist sein “Sound der Zeit”. Und da Flächen und Streicher diesen Sound am besten repräsentieren können, da sie am synthetischsten klingen können, füllt er mit ihnen das volle Frequenzspektrum. Sie umschreiben ein Gefühl, das so nur in Musik formulierbar ist, das “schwierig ist zu sagen, zu filmen oder zu schreiben.” Nicht umsonst bezeichnet Ellen Allien ihn als den “gefühlvollsten Künstler” ihres Labels. Melancholie, Nachdenklichkeit, Traurigkeit sind auf “Zeit” aber eher einer fröhlichen Ausgelassenheit gewichen. “Es klingt durchweg nach Vogelgezwitscher, Frühling, kleiner Wind. Es ist alles sehr gut gelaunt.” Manchmal, wenn die Streicher sich häufen und die Flächen besinnlich durch den Raum ziehen, kann sein expressiver Drang bis an den Rand des Kitschigen rücken, ohne jedoch völlig darin aufzugehen. “Das ist gerade das Tolle dabei: auf einem ganz dünnen Seil über den Abgrund des Kitsches hinweg zu wandern und nicht reinzufallen.” Besucher seiner Live-Sets wissen diese Fähigkeit zu schätzen. Paul Kalkbrenner kann mitreißen, ohne sich dabei billiger Effekthascherei zu bedienen: keine sich hochschraubenden Schleifen, keine rasselnde Hit-Hat-Stimmungsmache. Raven auf höchstem Niveau.

Es lebt
“Ich produziere in erster Linie für Vinyl, da das die Musik für den Club ist. So genommen, produziere ich ausschließlich für den Club.” Daher kann bei allem Sentiment und Synths eine ordentliche Bassdrum nicht fehlen. Paul Kalkbrenner stattet nahezu jedes seiner Stücke mit einem Bass aus, der selbst bei minimalster Regler-Stellung die Wände vibrieren lässt: “Eine fette Bassdrum ist die halbe Miete. Das habe ich im E-Werk gelernt. Das Sound-System dort war, als ob etwas hinter dir steht, als ob es lebt und durch dich durchgeht. Genauso ist es mit meiner Musik. Die muss man laut hören, und dann denkt man: Es lebt! Die Bassdrum darf nicht klopfen. Hört man sie laut, muss man das Gefühl haben, dass sie auf einer Tonhöhe steht, dass man einen speziellen Ton der Tonleiter hören kann. Wenn dieser dann noch von der Harmonie zum Rest des Titels passt, ist es perfekt.”

Der Drang nach dem Unverwechselbaren
Und trotz produktionstechnischem Schliff und Weite klingt noch immer die romantische Bindung an Berlin knapp nach Mauerfall durch: Technische Perfektion und Keller-Techno-Gefühl vereint. Unverwechselbar soll es sein: “Wenn Leute meine Musik hören und sagen: Ja, das ist er, das ist Paul Kalkbrenner. Das ist das Größte für mich.” Doch am allerwichtigsten ist es, anderen Menschen etwas zu geben. “Das ganze elitäre Gequatsche ist mir völlig egal. Mich interessiert nur, ob die Musik jemandem etwas bringt, jemanden aufbaut, ob sie jemanden glücklich macht. Dann ist es gute Musik.” Man muss sich eben nur trauen.

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Elektronische Lebensaspekte.