10 Jahre De:Bug: Entfernte Verwandschaft
Text: Sven von Thülen, Anton Waldt aus De:Bug 115


Wenn es nach Plattenverkäufen, Publikumsmassen und DJ-Gagen geht, ist Paul van Dyk definitiv der erfolgreichste deutsche DJ. Aber der Berliner will mehr: Respekt und Anerkennung “der elektronischen Szene” für sich und seine Arbeit.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Paul van Dyk und De:Bug? Ja, sagt der Popstar-DJ, der auch “PieWiDie” gerufen wird, und von sich als “der kleine Paul” spricht. Denn für PvD ist die Welt groß und elektronische Musik immer noch ein Nischenphänomen. Ja, sagt auch ein Teil der De:Bug-Redaktion, van Dyk hat in den 90ern im E-Werk und im Tresor aufgelegt, und diese Clubs gehören auch zur Geschichte dieses Magazins.

Berliner Techno-Ursuppe

Der DJ kommt demnach aus der Berliner Techno-Ursuppe, in der sich Mitte der 90er Menschen und Stile gemeinsam tummelten, die heute auf verschiedenen Planeten leben. Etwa vor einer Dekade trennten sich die Wege: Sein Track “For An Angel” landete in den britischen Charts, und van Dyk wurde zum Superstar-DJ, dessen reguläre Gage heute kolportierte 30.000 Euro beträgt.

Aber was für eine globale Masse der gefeierte Trance-Gott ist, kommt im De:Bug-Universum nicht oder nur als abfällige Randnotiz vor: Schließlich haben wir es uns ´97 in der subkulturellen Nische gemütlich gemacht, um Techno jenseits der Großraves zu verhandeln. Altersmilde, ein bisschen sentimental und sehr neugierig haben wir uns neulich aber doch gefragt: Wie war dieser Weg vom E-Werk zum 30.000-Euro-Jetset?

Getrennte Wege

De:Bug: Du kommst ja aus der selben Berliner Techno-Ursuppe wie Teile der De:Bug. Aber während wir es uns ´97 mehr oder weniger bewusst in der Nische gemütlich gemacht haben, hast du damals den Weg zum Superstar-DJ, zum Popstar angetreten …

Paul van Dyk: Die Musik, die ich auflege, ist immer noch ein Nischen-Produkt. 99 Prozent der Sachen, die ich produziere, werden weder im Radio gespielt, noch außerhalb der Clubgrenzen wahrgenommen. Und dass Musik, die auch vor 10.000 Leuten funktioniert, automatisch kommerzieller sein muss, als Musik, die nur vor 200 funktioniert, ist ein Vorurteil.

De:Bug: Die Kommerzfrage mal dahingestellt. Von der Initialzündung in den 90ern ausgehend, ging es offensichtlich auf gänzlich verschiedenen Pfaden weiter. Und vor zehn Jahren hattest du auch mit “For An Angel” deinen ersten großen Charterfolg.

Paul van Dyk: Aber ich habe es nie darauf angelegt, so zu sein. Letztendlich ist meine Herangehensweise nicht anders, als die von vielen Künstlern oder auch von euch, nämlich kompromisslos das zu machen, wo man dahinter steht. Irgendwann stehe ich nämlich vor ein paar tausend Leuten und muss die davon überzeugen, dass das, was sie in dem Moment hören, die beste Musik ist, die sie in diesem Moment hören können. Ich weiß als DJ genau, wo ich musikalisch hin will.

De:Bug: Aber die Interaktion verändert sich ja ab einer gewissen Größe: Wenn du im E-Werk hinter den Decks winkst und durch den Nebel winkt es zurück, ist das doch was anderes, als wenn du vor 10.000 Leuten stehst?

Ein kleiner begeisterter Raver

Paul van Dyk: Da gibt es für mich gar keinen Unterschied. Mit Interaktion meine ich nicht, dass ich winke oder mit den Augen zwinkere, sondern dass eine Atmosphäre wahrnehme. Ich bin bis heute ein kleiner begeisterter Raver.

De:Bug: Du und die Veranstaltungen, auf denen du spielst, stehen für Techno als Spektakel, eine Spielart, die sich eher auf dem Rückzug befindet. Gleichzeitig sind die Clubs immer noch voll, aber der Sound hat sich stark verändert. Alles ist minimaler geworden, die Afterhour als Endlosverlängerung der Peaktime hat eine Renaissance erfahren.

Paul van Dyk: Das ist ja eine sehr deutsche Sicht auf die Dinge. Unser Land spielt aber kaum noch eine Rolle spielt, seit sehr langer Zeit ist nichts wirklich Inspirierendes mehr aus Deutschland gekommen. Und der Berliner Klick-Klack-Minimal-Sound ist absolut nichts Neues. Das habe ich schon vor fünfzehn Jahren auf Warp-Platten gehört. Ich weiß nicht, wieso da Schultern geklopft werden. Das klingt wie Trance Anfang der Neunziger. Für viele Kids ist dieser Sound ja auch neu – Die Frage ist nur, wie lange noch? Wo es dagagen gerade wieder total abgeht mit Rumsprudeln ist New York. Barcelona ist der Hammer. London geht gerade wieder richtig ab. Miami ist der Hammer. Seattle sprudelt, Los Angeles ist fett. Singapur …

De:Bug: 1997 hatte es sich in Berlin ein wenig ausgekribbelt. Du kannst natürlich sagen, dass du immer nur deine Idee von deiner Musik verfolgt hast, und ob das nun Pop war oder nicht, war dir eben Wurscht. Aber wenn es jahrelang wirklich gut läuft, schaffen doch die Zuschreibungen von außen Fakten. Das ändert dann doch das Bild von dir?

Paul van Dyk: Ja, aber doch nicht mein eigenes.

De:Bug: Okay, aber wie die Leute auf dich zugehen oder mit dir umgehen. Was sie in dir sehen. Wie du gebucht wirst. Wo du gebucht wirst. Wie du behandelt wirst.

Suppenkasperscheiße

Paul van Dyk: Ich lege ja nicht in irgendwelchen Großraumdizzen auf, sondern in den wichtigsten Clubs dieser Welt. Resident im Twilo in New York war eben nicht einer meiner großen Kollegen, sondern ich. Ich lege nicht in irgendwelchen cheesy Discotheken auf, sondern in den relevanten Clubs, wo sich viele meiner Kollegen die Finger lecken würden, wenn sie nur zur Tür rein dürften. Es geht mir jetzt nicht darum, irgendwen schlecht zu machen, aber elektronische Musik ist ein globales Phänomen. Und da gibt es internationale Tendenzen und lokale. Ich stehe halt eher für die internationalen. Ich wage zu behaupten, dass ich mehr Musik höre, als die meisten Berliner DJs zusammen. Elektronische Musik wird aber nach wie vor meistens als Suppenkasperscheiße wahrgenommen. Und wenn sich Protagonisten der elektronischen Musik dadurch auszeichnen, dass sie total besoffen ins Mikrofon brüllen, und das dann noch ganz lustig finden – dann ist das leider die Wahrnehmung, die da draußen stattfindet.

De:Bug: Aber viel bekannter als du kann man als DJ wohl nicht werden. Trotzdem scheint der Boulevard kein Interesse an dir und deinem Privatleben zu haben. Oder doch? Würdest du sagen, dass du Popstar zu Techno-Bedingungen bist?

Paul van Dyk: Das hat auf jeden Fall etwas mit unserer Szene zu tun. Da gibt es, was das angeht viel mehr Respekt. Und zum Boulevard: Die Frage ist doch immer, was macht man mit denen? Ich würde mich jetzt nicht für eine Homestory mit meinem Kuscheltier aufs Bett setzen. Aber warum nicht mal der Gala erzählen, dass elektronische Musik ein Kultur-Exportschlager aus Deutschland ist, wie es ihn seit der Klassik vor zweihundert Jahren nicht mehr gegeben hat.
http://www.paulvandyk.de/low/start.asp

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Elektronische Lebensaspekte.