Eigentlich hätte 2002 das Jahr des Abos werden sollen. Das Jahr, in dem aus Websurfern endlich Konsumenten werden, aus Bandbreiten-Verschwendern zahlende Kunden. Janko Roettgers hat sich im pleiten Internet die verschiedenen Versuche des Aboangebots unter dem Diktum der Überlebensdrohung einmal näher angeguckt. Zahl mich oder ich fress mich?
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 67

2002 war das Jahr, in dem wir alle zu Mördern wurden. Kaltherzig ließen wir unsere Kreditkarte in der Tasche stecken und gefährdeten damit all die Jobs in Agenturen und Redaktionen, die nicht schon vorher Opfer der Rezession geworden waren. Statt dessen nutzen wir lieber munter Tauschbörsen und vertrieben uns die Zeit mit dem Lesen von garantiert Geschäftsmodell-untauglichen Weblogs. Keine Frage: Wir sind Schmarotzer. Content-Mörder. Allesamt.
Eigentlich hätte 2002 nämlich das Jahr des Abos werden sollen. Das Jahr, in dem aus Websurfern endlich Konsumenten werden, aus Bandbreiten-Verschwendern zahlende Kunden. Rechtzeitig zum Fest starteten deshalb Ende 2001 gleich drei Online-Musik-Abonnements. In Deutschland begann Spiegel.de im Frühjahr damit, Texte aus der Printausgabe für 40 Cent pro Artikel zu verkaufen. CNN gewährt nur noch Real Networks-Abonnenten Zugriff auf seine Videostreams.
Hotmail und Yahoo haben kostenpflichtige Premium-Mail-Services eingeführt – und es gleichzeitig noch unbequemer gemacht, die freien Angebote zu nutzen. Die britische Times hat angekündigt, alle Netznutzer aus dem Ausland zu Online-Abonnenten machen – IP-Nummern-Tracking macht’s möglich. Apple hat im Sommer damit begonnen, für seine bisher kostenlosen Online-iTools 100 Dollar pro Jahr zu verlangen. Hollywood versucht sich mit Movielink.com als Online-Videothek und “vermietet” DRM-geschützte Film-Downloads.
Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen. Parallel zu jeder Ankündigung gab es jede Menge Pressestimmen mit der ein bisschen zu verzweifelt-überdreht daherkommenden Message: Jetzt geht es endlich los! Gut, das Ende des kostenlosen Internets ist uns schon früher prophezeit worden. Doch während Abonnements in den Jahren zuvor eher als Geschäftsmodell gehandelt wurden, so war der Griff zur Kreditkarte 2002 schon fast eine Art Bürgerpflicht. In bester taz-Manier hielten sich immer mehr Websites die Pistole an die Schläfe und fordern uns auf: Zahl – oder sieh mich sterben!

COVERENDE

Zu den penetrantesten Überzeugungstätern im Dienste des Abo-Gedankens gehören Journalisten und Consultants – zwei Berufszweige, die online sowieso gerne merkwürdige Verbandelungen pflegen. Wie etwa bei Theendoffree.com, das fleißig das Bezahl-Web feiert. Autoren dieses Weblogs sind unter anderem der bei Real Networks für das Abo-Angebot zuständige David Eckhoff und Tara Calishain, die selbst mit einer Suchmaschinen-Newssseite im Abo-Business ist.
Gemeinsam dokumentieren sie emsig jedes Grußkarten-, Kleinanzeigen- und Email-Angebots. Der Tenor der vielen kleinen News-Schnipsel ist klar: Wer im Netz Geld verdienen will, kommt an Abonnements nicht vorbei. Natürlich, auch nach Meinung der Endoffree.com-Blogger wird es in Zukunft noch kostenlose Angebote im Netz geben. Weblogs zum Beispiel, deren Betreiber dann aber bitte Blogger Pro für 35 Dollar pro Jahr benutzen. Evan Williams, Blogger-Gründer und ebenfalls Endoffree-Autor, wird es ihnen danken. Nebenbei werden über Theendoffree.com dann auch noch Studien verkauft, die erklären, warum in Zukunft im Netz mit Abos ganz viel Geld zu machen ist – womit sich die Katze sozusagen selbst den Schwanz vergoldet.

Jetzt neu: Das werbefinanzierte Abo

Noch besorgniserregender als derart eigennützige Propaganda ist jedoch die Arbeit der jouralistischen Meinungsmaschine. Egal, ob in klassischen Tageszeitungen, Onlinemagazinen oder journalistischen Weblogs wie den Tidbits des Poynter Instituts – überall schreibt man sich sehnsüchtig den Beginn des Abo-Zeitalters herbei. Dabei mischt sich in die Artikel immer häufiger Verzweiflung und nackte Existenzangst. Nachdem der Werbemarkt eingebrochen ist, gelten Abos als letzte Chance. Der Leser wird dabei stillschweigend zum Komplizen gemacht. Wir alle wollen doch schließlich, dass Netzkultur und unabhängiger Online-Journalismus überleben, oder? Dann lasst uns doch einfach kollektiv auf den Subscribe-Button klicken …
Als Paradebeispiel für ein funktionierendes Abonnement galt lange Zeit Salon.com. Das Online-Magazin führte im April letzten Jahres einen Premium-Service ein, der Lesern für 30 Dollar pro Jahr einen werbefreien Zugriff auf exklusive Inhalte gibt. Seitdem hat die Site rund 50 000 Abonnenten für sich gewonnen – und weiter fleißig Geld verbrannt. Ende des Jahres sah es mal wieder so aus, als ob Salon nach sieben Jahren seine Pforten schließen müsste. Um seine Investoren noch einmal bei Laune zu halten, ließ sich das Magazin deshalb etwas besonderes einfallen: Wer sich durch eine Reihe von Anzeigen klickt, bekommt die Premium-Inhalte umsonst – “gesponsort von Mercedes Benz”. Früher hätte man so etwas wohl werbefinanziert genannt, heute gilt es als innovativer Abo-Ansatz.
Natürlich gibt es auch Netzangebote, die tatsächlich mit Abos Geld verdienen. Entgegen der Hoffnung verzweifelter Online-Journalisten gehören News-Websites aber nicht dazu. In die Top 10 der umsatzstärksten amerikanischen Abo-Websites hat allein das Wall Street Journal als journalistisches Angebot geschafft. Der Rest liest sich wie ein bunter Lifestyle-Supermarkt: Abnehmen mit den Weight Watchers, Grußkarten versenden mit Hallmark, Dates finden mit Match.com.

Popfile verschenkt sich reich

Auf Platz zwölf liegt übrigens das im Netz per Bannerwerbung omnipräsente Classmates.com. Nach Angaben ihres Chefs Randy Conrads hat die Site heute 1.7 Millionen zahlende Mitglieder und arbeitet seit Oktober 2001 profitabel. Grund genug für viele Journalisten, die Classmates.com als Kronzeugen für das Ende der Umsonstkultur zu zitieren. Weniger häufig wird berichtet, dass die Belegschaft trotzdem kräftig bluten muss. Im November 2001 wurden diese in einer E-Mail von der Geschäftsleitung dazu aufgefordert, in Zukunft doch auch Samstags zu arbeiten. Der Lohn dafür: Ein kostenloses Mittagessen. Bezahlten Urlaub gibt es dann, sobald das Geschäftsziel erreicht ist. Lang leben die Mythen der New Economy!
Zu diesen Mythen gehört dann auch, dass die Nutzer von Kazaa und Co. sich mit ein bisschen gutem Zureden davon überzeugen lassen werden, ihre Downloads in Zukunft nur noch kopiergeschützt und gegen Bares zu erwerben. Die Bilanz der Online-Musikindustrie sieht bisher jedoch recht dürftig aus. Die mit Investitionen von mehreren Millionen Dollar gestarteten Angebote Musicnet und Pressplay haben nach Brancheninformationen bisher jeweils nicht mehr als 40 000 Kunden für ihre Angebote gewinnen können.
In Deutschland gibt es zwar weder Pressplay noch Musicnet, dafür aber Popfile.de aus dem Hause Universal. Für rund einen Euro lassen sich dort einzelne Songs kopiergeschützt herunterladen. Glaubt man der Plattenfirma, ist das Portal eine einzige Erfolgsgeschichte. Bereits nach einem Monat vermeldete Universal stolz 30 000 Downloads. Was nicht dazugesagt wurde: Zur Eröffnung spendierte Popfile seinen Nutzern eine fünfstellige Anzahl von Songs zum halben Preis. Auch in den Folgemonaten bemühte sich Popfile stets, die Anzahl der Dowloads schön hoch zu halten. So wurden allein im Dezember mehr als 7200 Tracks verschenkt.

Escape from the Subscription Empire

Beliebtester aller Kronzeugen ist für Bezahlweb-Freunde immer noch die Sex-Industrie. Das Problem: Verlässliche Zahlen gibt es dazu kaum. In vielen seriösen Studien taucht der Sex-Markt gar nicht erst auf, weil er Organisationen wie der Online Publishers Association als zu unanständig gilt. Lässt man die Rotlicht-Industrie jedoch über ihr eigenes Geschäft reden, dann geht es um Milliarden von Abo-Beiträgen.
Die Wahrheit dürfte anders aussehen. Die meisten Anbieter sind nicht profitabel, selbst Playboy.com machte in den letzten zwei Jahren 50 Millionen Dollar Verlust. Die Gewinner der Branche lassen sich an einer Hand abzählen. Zur Demonstration der untergründigen Monopolstrukturen der Sex-Industrie lässt man sich am besten auf ein von unserem Herrn Bleed entwickeltes Spiel ein: Escape from the Porn Empire. Beginnend auf einer beliebigen Porno-Website versucht man, allein durch das Klicken von Links auf eine nicht-pornografische Website zu kommen. Die Chancen stehen gut, dass man eine Stunde und unzählige Popups später wieder am Ausgangspunkt angekommen ist.
Wenn die Abo-Begeisterung weiter so anhält, droht uns bald für seriöse Websites ähnliches. Schon jetzt ist Real Networks mit seinem Superpass-Angebot größter Spieler im Abo-Markt. Das Konzept: Für zehn Dollar gibt es exklusive Audio- und Videoinhalte anderer Sites. Real will damit zum Zugangstor für das Bezahlweb werden. Schon denken Zeitungen über ähnliche Partnerschaften nach. Ohne Superpass soll es in Zukunft keine Videoinhalte mehr im Netz gebe, ohne News-Abo keinen Zugang mehr zu Content-Websites.
Neu ist allerdings auch diese Idee nicht. Früher hieß sie mal AOL, in Deutschland auch T-Online. Was bleibt also zu tun, um die AOLisierung des Netzes zu verhindern? Eigentlich ist das Rezept ganz einfach: Kaltherzigkeit. Wer seine Lieblings-Website vor dem Konkurs und dem Abo-Wahnsinn gleichermaßem retten will, sollte einfach nicht bezahlen. Das hat bei der taz bisher ja auch immer geklappt.

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Elektronische Lebensaspekte.