Nirgends katapultieren sich juristische Gängelung und technischer Gegenschlag so atemlos voran wie beim amerikanischen Streaming-Radio. Ein weiterer Internet-Krimi, bei dem der Radiohörer bis jetzt der lachende Dritte ist.
Text: sascha kösch aus De:Bug 63

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Webradio radikalisiert McLuhan
Peer 2 Peer Streaming

Es war Ende Juni, da erfand der US-amerikanische Staat, der bislang in seinen Regelungen bezüglich Netzradio relativ liberal war, vermutlich aufgrund seiner guten Collegeradio Erfahrungen, ein neues System und neue Tarife für Online-Streaming von Musik, die das Ende für hunderte unabhängige Radiostationen im Netz bedeutete. CARP hieß es, Copyright Arbitration Royalty Panel, viele hätten es lieber als Copyright Royalty Arbitration Panel, CRAP, gesehen.

Und es bedeutete, dass es schlichtweg zu teuer wurde, wenn man einen Stream aufsetzen wollte, denn man muss seitdem nicht nur (neben Studio, Traffic, Platten etc.) eine Art zusätzlicher GEMA-Gebühr für jeden einzelnen Hörer zahlen, unabhängig von den eigenen Einnahmen, sondern obendrein auch noch für die Zwischenkopien, die man macht, um überhaupt streamen zu können, und das alles natürlich rückwirkend für die letzten drei Jahre, fällig diesen September. Schon am gleichen Tag meldeten einige der renommiertesten Webradios ihr Ende, und mittlerweile sind es schon weit über hundert Stationen, die nicht mehr streamen.

Kein Wunder, dass sich das grade die ganz Kleinen nicht gefallen lassen wollten, die vor allem obskure (gerne auch elektronische Musik) streamen, die eh sonst nirgendwo läuft. So dauerte es genau eine Woche, da war das erste Peer 2 Peer Radiosystem draußen, das es einem selbst bei einer Modemverbindung erlaubt, einen Radiostream von User zu User weiterzuleiten und so nicht nur das Traffic-Debakel zu umgehen, sondern auch die Auffindbarkeit des Orginalstreams, die Möglichkeit herauszufinden, wie viele Leute ein Radioprogramm hören, extrem zu erschweren, und vor allem das Angriffsziel der RIAA komplett zu verwischen, weil es unterhalb der Fair Use Grenze in einer Grauzone operiert. “Streamer” heißt das Programm und der Entwickler machte innerhalb weniger Wochen schon die ersten bitteren Erfahrungen mit dem, was er als Verlängerung von Free Speech sah, denn es sammelten sich auch Rechtsradikale in seinem System (wieder weg, puh). Natürlich steht Streamer vorsorglich unter der GPL und ist ein Windowsprogramm.

Während die indirekte Antwort der RIAA war, dass sie nun auch noch die letzte analoge Lücke zwischen Äther-Radiostationen und Recievern in einer großen Allianz der Hardwarehersteller und Broadcaster schließen wollen, um somit die Möglichkeit, Radioprogamme mitzuschneiden, endlich zu verhindern (das Ende der Ära des Tapes), entstand knapp zwei Wochen später schon das nächste Peer 2 Peer Radiosystem, diesmal auf der Basis des Gnutella Protokolls. Auch “Peercast”, obwohl schon im April angedacht, ist eine direkte Reaktion auf CARP und zeigt, dass die medialen Contentkriege rings um das Copyright immer öfter (und schneller) einfach mit einem neuen Medium erwidert werden. The Medium is the Message bekommt ganz ungeahnt kämpferische Aspekte in letzter Zeit. Peercast funktioniert im Allgemeinen ähnlich wie Streamer, hat die Möglichkeit, mehrere Streams gleichzeitig zu senden, was seine Struktur eher baumartig machen kann und bei guter Leitung die Erreichbarkeit des Radios und mögliche Deadends verringert, arbeitet auch mit höheren Bitraten, kündigt gleich eine Linux- und Mac-Version mit an und besitzt einen eigenen Webserver, so dass man die Streams auch mit einem Browser hören kann.

In der Zwischenzeit machen sich einige Senatoren dran, CARP wieder dahin zurückzubefördern, wo es hingehört, in die Schublade eines Überwachungsstaates. Aber auch der Kampf gegen das DMCA hat ja bislang nicht zu sehr viel geführt. Ach, wenn es die P2P Funktionen jetzt doch auch für den neuen Quicktimebroadcaster gäbe, der grade bei Apple rausgekommen ist im Zuge ihrer kompletten Jaguarisierung und im MPEG-4 Hype …

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Elektronische Lebensaspekte.