Filesharing ist kein gleichberechtiger Austausch von digitalen Gütern, sondern reproduziert aufs brutalste den Schulhof, den wir nie wieder betreten wollten. Kleinen, handelnden Peergroups folgt die passive Trottelmehrheit. Gute Nacht, Community-Utopie.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 40

Streber, Schläger und Slacker

Jetzt offiziell: Fielsharing doch uncool

Filesharing aka Napster, Gnutella und Scour verdankt sein Image als cooles Ding nicht zuletzt der Illusion, dass alle User irre gleichberechtigt geben und nehmen und dadurch eine super-egalitäre Gemeinschaft bilden. Alles Käse, sagen die Klugen vom PARC (das IBM-Research-Labor, das nicht nur die Maus und den PC erfunden hat) in ihrer Untersuchung “Free Riding on Gnutella”. Die rauhe digitale Wirklichkeit scheint eher den Schulhof nachzubilden, den wir alle nie wieder betreten wollten. Auf diesem tummeln sich Streber, Slacker, Helden und auch jede Menge Arschlöcher. Da wir uns auf einem Schulhof befinden, auf dem die Nerds ein gewichtiges Wörtchen mitzusprechen haben, anstatt nur die Wasserbomben auf den Kopf gaballert, die Pausenbrote in den Matsch getreten und die bleichen Köpfe in die Mülltonne gesteckt zu kriegen, ist die Orientierung natürlich etwas verdreht. Ein bisschen späte Rache und immer noch kein Erbarmen kombinieren sich im Netz zu neuen Gründen, Angst zu kriegen.

Ganz normale Langweiler
Die Parc-Wissenschaftler haben beim Scannen der Filetransfers via Gnutella herausgefunden, dass 70 Prozent der Nutzer keine Musik-Files zur Verfügung stellen, sondern diese nur herunterladen – die Trottelmehrheit! Desweiteren stellt nur ein Prozent der Gnutella-Nutzer rund 50 Prozent aller angeforderten Files zur Verfügung und etwa ein Viertel der Nutzer 98 Prozent. Die Ergebnisse lassen sich zwar nicht direkt auf Napster umlegen, da dort Anreize für das Anbieten von MP3s integriert sind, aber in der Tendenz ist auch dort ein ähnlich zentralisiertes System zu erwarten. Der Befund gefährdet zunächst das reibungslose Funktionieren der File-Tauschsysteme, da einzelne Rechner immer mehr Anfragen bearbeiten müssen. Darüber hinaus machen die geringe Zahl der Nutzer, die Files anbieten, die Systeme aber auch angreifbar für Sabotage oder die Anwälte der Kulturindustrie. Während bislang davon ausgegangen wurde, dass gerade Programme wie Gnutella, die keinen zentralen Server benötigen [wie Napster] gegen Klagen der Musik-Lobby völlig immun sind, da niemand als Betreiber des Systems benannt werden kann, sieht die Situation in den tatsächlich hierarchisch und nicht netzförmigen Systemen ganz anders aus. Vor allem, wenn sich die Tendenz fortsetzt, dürften die Anwälte der Kulturindustrie sich für das aktivste Prozent der Nutzer zu interessieren beginnen, was unter anderem das File-Angebot wesenlich unattraktiver machen könnte.

Unsafer Sex hinterm Getränkeautomaten

Als wäre das nicht alles deprimierend genug, hängen hinter dem Getränkeautomaten im Keller auch noch die fiesen Typen rum, die zwar nicht stark genug sind, dir in die Fresse zu hauen, aber garantiert immer die neuste Stinkbomben- und Juckpulver-Mode dabei haben. John Fix und sein Bruder verbreiten zum Beispiel jede Nacht aus ihrem Schrauberladen in NYC mit einer Batterie von 12 PCs MP3s via Napster. Die beiden wollen allerdings nicht die Welt mit beliebten Rhythmen beglücken, sondern Napster-User nerven und auf das Böse ihres Handelns hinweisen. Dazu bieten sie beliebte Titel an, die allerdings nur einige Sekunden zu hören sind, danach folgen Kuckucksrufe [daher “Cuckoegg-Files”] und weißes Rauschen. Als Motiv für die MP3-Subversion gibt Fix seine Empörung über die illegale Verbreitung von geschützten Songs an: seine Frau ist Sängerin und erfolglos und dementsprechend unbezahlt. Das grenz-geniale Prinzip der “MP3-Kuckuckseier” wird auch auf der Site Stopnapster.com der Band Tabloids propagiert, die die entsprechenden Files super-fachkundig “Trojaner” nennt. Michael Robinson, Sänger der Tabloids und ein echter Rocker, bezeichnet Filesharing als “unsafe Sex” und empfiehlt genau wie John Fix als einzigen Schutz vor dem ungewolltem Download von sinnlosem Rauschen den Kauf von CDs. Der sicherste Ort in der Schulpause war immer schon das Auto mit dem Bong auf dem Parkplatz.

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Elektronische Lebensaspekte.