Als vor gut zwei Jahren Gnutella veröffentlicht wurde, revolutionierte es die Tauschbörsen-Welt. Nun sorgt Peercast mit der gleichen Technologie für eine Renaissance der Piratenradios im Netz. Wir sprachen mit Peercast-Programmierer Giles Goddard.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 65

Seitdem in den USA die neue Gebührenordnung für Internetradios verabschiedet wurde, haben mehrere tausend Streams ihren Betrieb eingestellt. Zu den bekanntesten gehörte der San Franciscoer Sender SomaFM. Doch Soma-Freunde mussten nicht lange auf ihre gewohnte Dosis Downtempo verzichten. Seit Mitte Juli gibt es einen SomaFM-Tribute-Sender, betrieben von anonymen Fans. Für die richtige Musikmischung sorgen die Playlists des Senders, die der SomaFM-Betreiber Rusty Hodge praktischer Weise auf seiner Website veröffentlicht hat. Für die RIAA-immune Verbreitung ist Peercast zuständig, ein neues Broadcasting-Netzwerk auf Peer to Peer-Basis.
Peercast wurde von dem britischen Computerspiele-Entwickler Giles Goddard programmiert. Goddard arbeitet in Japan unter anderem für Nintendo, bastelt nebenher an PDA-Software und widmet sich in seiner Freizeit der Idee, die Internetradio-Szene mit Gnutella-Technologie vor dem Gebührentod zu retten. Herausgekommen ist dabei eines der interessantesten Programme des Jahres, das Gnutella endlich mal zu etwas anderem nutzt als zur Verbreitung schlechter Musik und Pornografie. Und ganz nebenbei dafür sorgen könnte, dass die längst vergessen geglaubte Bewegung der Piratenradios im Netz eine großartige Renaissance erfahren könnte.

DeBug: Wie sehen bisher die Reaktionen auf Peercast aus?

Giles Goddard: Sehr vielversprechend. Ich mag es, dass Leute die Software herunterladen und ihre eigene Station starten, ohne mehr zu haben als eine einfache Dialup-Verbindung. Die meisten Mainstream-Radiohörer verstehen nicht wirklich, warum es einen Bedarf für Peercast gibt. Aber Leute, die Independent-Musik hören, lieben es, weil es ihnen Kontrolle über das gibt, was sie hören und senden.

DeBug: Wie viele Broadcaster und wie viele Hörer gibt es denn zur Zeit?

Goddard: Es gibt eine Stammbesetzung von etwa 20 Broadcastern, die immer dabei sind. Eine Reihe von neuen Channels taucht jeden Tag auf und verschwindet dann wieder. Offensichtlich haben viele Leute nicht die Ressourcen, um rund um die Uhr zu broadcasten, also senden sie am Wochenende oder abends. Die Gesamtzahl der Hörer ist schwer zu messen. Zu Spitzenzeiten hat jeder Channel 5-15 Hörer, und zu anderen Zeiten kann es sehr ruhig sein. Aber es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die das Programm im Hintergrund laufen lassen, ohne zuzuhören. Was großartig ist, da wir damit langsam aber sicher ein konstantes Netzwerk bilden.

DeBug: Hast du mit einem derart großen Zuspruch für Peercast gerechnet?

Goddard: Ehrlich gesagt nein. Ich habe nicht geglaubt, dass Leute verstehen würden, wozu Peercast nützlich ist. Aber es gab sehr viele positive Reaktionen. Insbesondere von Europäern, ein paar französische Linux-Magazine haben darüber berichtet, und es gibt viele deutsche Websites, die Peercast verlinken. Einige Leute haben dadurch geholfen, dass sie Peercast-Wikis gestartet und Seiten mit Anleitungen zum Broadcasten ins Netz gestellt haben. Außerdem haben wir nun eine großartige Gruppe von Betatestern, so dass wir uns darauf konzentrieren können, Bugs zu fixen, anstatt sie zu finden.

DeBug: Wie viele Hörer verkraftet Peercast insgesamt?

Goddard: Gnutella-basiertes P2P ist sehr robust und skaliert recht gut, weshalb ich nicht erwarte, dass das Netzwerk zu groß wird.

DeBug: Kannst du uns ein bisschen mehr über die Peercast-Technologie erzählen?

Goddard: Das Hören eines Streams funktioniert genauso wie das Herunterladen einer Datei mit Gnutella. Senden ebenso. Dabei kannst du theoretisch so vielen Streams zuhören, wie du Bandbreite hast, aber jeder Stream wird nur von genau einem anderen Nutzer übertragen. Wenn das Netzwerk erst einmal stabil läuft und Peercast gut funktioniert, werden wir daran arbeiten, Leuten den Download von mehreren Quellen zu erlauben. So können auch Nutzer mit langsameren Verbindungen noch etwas zum Netzwerk beitragen, auch wenn es nur ein Viertel eines Channels ist. Das ist vergleichbar mit Gnutella-Clients wie BearShare, die Nutzern den Download von mehreren Quellen ermöglichen.

DeBug: Wie geht es denn insgesamt voran mit der Peercast-Entwicklung?

Goddard: Das größte Upgrade, was wir kürzlich hatten, war der Vorbis-Support. Damit ist Peercast soweit ich weiß die erste Ogg-Broadcasting-Lösung – abgesehen natürlich von Icecast2, das bald veröffentlicht wird. Davor gab es die Linux-Version und deutliche Verbesserungen des Windows-Interfaces. Peercast ist unter Windows jetzt im Grunde nicht mehr als ein Taskbar-Icon, es gibt keine komplizierten GUIs mehr. Außerdem haben wir Peercast-URLs eingeführt. Das erlaubt dir, einen Link auf deiner Website zu platzieren, auf den Leute klicken können, um sich in deinen Peercast-Channel einzuklinken.
Als nächstes großes Feature planen wir Video-Streaming. Und natürlich wollen wir den Hörern mehr Anreize geben, Peercast zu nutzen. Derzeit ist es sehr Broadcaster-orientiert – wie mehr verschiedene Channels, Musik, die du auf kommerziellen Stationen nicht zu hören bekommst und so weiter.

DeBug: Ein Argument für Peercast sind ja die neuen US-Gebührensätze für Online-Radios. Was aber, wenn die RIAA irgendwann doch auf die Idee kommen sollte, Peercast-Broadcaster zur Kasse zu bitten?

Goddard: Das ist natürlich die wichtigste Frage. Sollte die RIAA etwa jeden Teilnehmer des Netzes als Broadcaster ansehen, weil er Daten aussendet? Dann hätten sie mit dem Eintreiben der Gebühren ganz schön viel zu tun. Und als was würde die RIAA Peercast überhaupt einstufen? Es ist nur ein weiteres Netzwerkprotokoll, das zufälligerweise zum Übertragen von Audiodaten genutzt werden kann.
Es ist einfach an der Zeit, dass die gesamte Musikindustrie sich reformiert und aufhört, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich bin sicher nicht der einzige, der sich wegen Stationen wie SomaFM viele neue CDs gekauft hat. Wenn die RIAA sich also ins Verderben stürzen will, soll sie es tun. Ich werde in der Zwischenzeit PeerCast hören.

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Elektronische Lebensaspekte.