New-Rave-Klamotten passen bestens ins Web2.0. Aber elegante Designergarderobe muss sich andere Präsentationsplattformen suchen. Zum Beispiel das Moet & Chandon Fashion Debut.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 108

Modebusiness ohne Web2.0
Bernadett Penkov

Designermode ist teuer. Das gilt nicht nur für die Käufer, sondern ebenso für die Produzenten. Eine Designerin wie Bernadett Penkov muss sich zweimal überlegen, ob sie sich einen ihrer eigenen Entwürfe leisten kann. Nachdem sie 2003 noch im Team als Maison Anti schon einmal den 1. Preis des Moet & Chandon Fashion Debuts gewonnen hatte, ist sie auch wieder die Siegerin 2006 mit ihrem Label “Penkov“. Das einmal jährlich in Berlin vor geladenen Gästen stattfindende Fashion Debut ist eine der wenigen Möglichkeiten für junge Label in Deutschland, sich professionell zu präsentieren. Modeförderung ist hierzulande immer noch ein absolut stiefmütterlich behandeltes Thema. Aber um sich im Luxussektor der Mode zu etablieren, braucht es weiterhin mindestens so viel Geld wie gute Ideen – und Anpassung an eherne Traditionen.
Das Web2.0 ist für Designermode kein Versprechen. Alles, was an Attributen dem Web2.0 so euphorisch gutgeschrieben wird, verhindert genau das Interesse elitärer Mode: Mitmachen für jedermann, keine Einstiegs-Barrieren, unterschiedsloses Nebeneinander der Angebote, das ist viel zu schmuddeldemokratisch. Auf der anderen Seite erzeugt keine Publikation so viel Aufmerksamkeit für Designerlabel wie die “Bunte“. Paradox oder schlicht Ignoranz und Vorurteil der Designerwelt gegenüber dem Netz?
Also: Wie läuft’s Business in einem der konservativsten Businesses? Wir stellen Kommentare von Alexa Agnelli, Pressebeauftragte von Moet & Chandon, und Bernadett Penkov nebeneinander.

Agnelli: Die deutschen Modeschulen treffen eine Vorauswahl bei den Jungdesignern. Eine Jury, die Moet & Chandon beruft, wählt daraus die vier Finalisten für das Fashion Debut aus und prämiert die Sieger. In der Jury sitzt seit Beginn Patricia Riekel, Chefredakteurin von Amica, Instyle, Bunte. Auch der Fotograf Kristian Schuller, sonst mal jemand von der Glamour, der Vogue, Michael Michalski, der jetzt MCM macht, oder Annabelle Mandeng, weil ich gerne einen Promi dabei habe, der selber auch sehr modisch ist, der für Mode steht.

Penkov: Nachdem ich ein halbes Jahr bei Gil Roisier in Paris gearbeitet hatte, habe ich mich in Berlin mit meiner Partnerin beim Moet Fashion Debut beworben mit Entwürfen und zwei Teilen, die wir nachts am Wochenende genäht hatten, weil wir während der Woche noch Jobs hatten. Das hat gleich geklappt. So entstand Maison Anti. Für die Kollektion wurden uns viele Stoffe gesponsort. Wir haben viel Zeit investiert, um Sponsoren zu finden, von Karstadt bis zu italienischen Stoffherstellern. Weil es um einen großen Event ging, waren alle ganz gerne dabei. Die haben Credits auf dem Programmzettel bekommen.
Wir haben gewonnen und bekamen viel Presse, bestimmt 20, 30 Veröffentlichungen, Glamour, Amica, Elle, viel Burda, die Medienpartner des Fashion Debuts sind. Bunte ist super. Die ganze Boulevardpresse, alles, was unter Modeleuten nicht ernst genommen wird, steigert den Bekanntheitsgrad enorm. Jeder, der mal beim Arzt im Wartezimmer gesessen hat, sagt später: Du warst doch in der Bunten. Shoppingguides helfen auch.
Für Internet-Verkauf sind meine Sachen zu teuer, das ist nicht der richtige Rahmen. Außerdem haben wir kein Lager. Logistisch wären Internet-Bestellungen ohne Vorproduktion nicht zu stemmen. Man muss die Sachen auch anprobieren, anfassen. Bestellen macht man bei Quelle.

Agnelli: In Deutschland muss man immer ein bisschen kleinere Brötchen backen. Hier haben wir nicht die Modeszene wie in Paris, Mailand, New York, London. Deshalb haben wir unser Thema beim Nachwuchs gefunden.
Das Moet & Chandon Fashion Debut ist schon ein Karrieresprungbrett. Ich sage nicht, dass es das ultimative ist. Aber die Jungdesigner sind zum ersten Mal mit einer riesen Modenschau mit solch einem wahnsinnigen Aufgebot an Presse und Fernsehen vertreten. Das finde ich wichtiger, als wenn man ihnen 5.000 oder 10.000 Euro gibt, die sie in Stoffe stecken.

Penkov: Nachdem “Maison Anti“ 2003 gewonnen hatte, gab es viel Aufmerksamkeit. Aber wir hatten gar kein Geld übrig, um damit was anfangen zu können. Uns gab es eigentlich nur auf dem Papier. Wir haben ein paar selbst genähte Sachen im Apartment in Berlin verkauft, völlig dilettantisch.

Agnelli: Sisi Wsabi ist das beste Beispiel für erfolgreiche Fashion-Debut-Teilnehmer. Sie haben vorletztes Jahr gewonnen. Ich will nicht sagen, dass wir der ausschlaggebende Punkt waren, die beiden Mädchen sind natürlich auch sehr talentiert. Aber sie sind richtig groß rausgekommen, hängen in vielen Läden in München, in Berlin, sind nach Los Angeles gegangen. Für ein kleines deutsches Label haben sie gut reüssiert.

Penkov: Promis auszustatten, darüber habe ich gerade nachgedacht. Es fällt mir sehr schwer, jemanden zu finden, den ich darin gerne sehen würde. Marion Gerster vom Berliner Q-Hotel hat sich mal ein Kleid geliehen. Sie ist eine junge, toughe Businessfrau, damenhaft. Das finde ich gut. Aber Soup-Sternchen? Wenn die anfragen, sage ich immer, wir haben gerade nichts da. Wenn die meine Sachen vertragsmäßig mit einem Label wie Sisi Wasabi kombinieren müssten, nicht auszudenken.

Agnelli: Für Berlin haben wir uns aus ganz pragmatischen Gründen entschieden. Dort gibt es Locations, die ihresgleichen in Deutschland suchen: groß, unbekannt, witzig, ungewöhnlich.
Wir haben zwischen 900 und 700 Gästen. Für die brauchen wir zwei Räume. Den lang gestreckten Raum für den Catwalk und einen für die Aftershowparty. Denn beim Fashion Debut geht es nicht nur um die Mode, wir wollen auch zeigen, Moet & Chandon feiert die tollsten, glamourösesten Parties. Das ist genauso wichtig wie die Fashion Show.
Das Fashion Debut fand jetzt zum sechsten Mal in Berlin statt, ich kann noch keine Prognose abgeben, aber ich denke schon, wir bleiben in Berlin. Aber ganz ehrlich, ich halte Berlin auch nicht für eine Modestadt, wenn sie nach München kommen, sehen sie hier modisch besser gekleidete Menschen. Allerdings leben immer alle Finalisten in Berlin. Das ist nicht gemauschelt, die Jury kennt nicht die Lebensläufe der Bewerber. Und die Gäste aus Berlin sind mal andere Leute als die üblichen Verdächtigen bei allen anderen Parties in Deutschland. Es ist eine junge, witzige Mischung. Aber als DIE deutsche Modestadt würde ich Berlin nicht bezeichnen.

Penkov: Berlin ist Provinz, das darf man nicht vergessen. Hier fehlt jegliche Infrastruktur. Einen Stoff, den ich nicht auf einer Messe vorgeordert habe, bekomme ich von Berlin aus nicht mehr nach.
Deutschland braucht als Modemesse-Standorte nicht Berlin, Düsseldorf und München. Das ist übertrieben. Ich freue mich, dass die Premium nach dem Abmarsch der Bread & Butter in Berlin weitermacht, aber ob es eine Zukunft hat …

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Elektronische Lebensaspekte.