Mit Saxophon und Elektronik spielen sich Roger Döring und Oliver Doerell gegen den Strich in ihre ganz persönliche Freiheit. Durch Brüche schimmert Licht so weich ...
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 102

Es ist der erste warme Tag des Jahres, der Winter zeigt Brüche. Endlich. Auch abends ist die Luft noch mild. Ein Regenschauer überzieht die Straßen mit einem glitzernden, feuchten Film. Später, nach dem Regen und obwohl es schon spät ist, füllen sich die Plätze vor den Cafés. Aus den Fenstern fallen warme, gelbe Lichtschatten auf die grob gepflasterten Ostberliner Straßen. Ein Abend, wie er in dem Dictaphone-Track “Night Rain” erzählt werden könnte. Verwischte Saxophon-Schleifen breiten sich vorsichtig aus, vermischen sich mit stolpernden Knacksern, die Schlagzeugsamples spielen rhythmisierte, subtile Harmonien. Kurz vor Ende des Stücks fügt sich ein Filmsample zusammen, das zuvor in unartikulierte Laute zerschnitten war. Es stammt aus Godards Film “Passion”. Michel Piccoli sagt darin zu Isabelle Huppert: “Ein neuer Lampenschirm, das macht das Licht so weich.” Es klingt über den kreisenden Saxophon-Schleifen wie ein sanftes Glühen.

Dictaphone ist das Projekt von Oliver Doerell und Roger Döring. Ihr neues Album trägt den Titel “Vertigo II” und ist neben einer EP und verschiedenen Samplerbeiträgen ihr zweites. Die gemeinsame Arbeit als Dictaphone begann, als Oliver sein Album “M.=Addiction” aufnahm. Er war auf der Suche nach einem neuen Saxophonisten und spielte Roger die unfertigen Versionen der Tracks vor. “Oliver hat es damals geschafft, mich zu irritieren, und das passiert nicht allzu oft, zumal ich von der experimentellen Musik komme, aber die rhythmischen Brüche und Irritationen, mit denen Oliver arbeitete, hatte ich vorher so noch nicht gehört”, sagt Roger bestimmt und anerkennend.
Auch in der Musik auf “Vertigo II” überlagern und verhaken sich Brüche und Schichten. Viele Tracks erschließen sich erst bei mehrmaligem Hören in ihrer ganzen Tiefe. Oliver: “Die oberflächliche Ebene unserer Musik ist ihre Schönheit und Wärme, aber es gibt auch etwas Unklares in ihr und es kann sein, dass du da hängen bleibst. Auf einer Ebene, die gar nicht mehr schön ist, fast bedrückend wirkt.”

Andeutungen
Die Tracks auf “Vertigo II” sind Geschichten, die eine Handlung andeuten, statt sie zu Ende zu erzählen. Sie klingen wie offene Räume, die durchlässig, fragmentarisch und unfertig bleiben. Darin liegt ihre Melancholie.
Vielleicht ist der melancholische Grundzustand auch das entscheidende Bindeglied zwischen Oliver und Roger. Beide zählen den trist düsteren Sound der europäischen Post-Punk-Szene um Tuxedomoon und Minimal Compact und das belgische Crammed-Label zu ihren Haupteinflüssen. In beiden Lebensläufen findet sich ein Leiden an der Lebensrealität ihrer Jugend, das sie entscheidend geprägt hat. Für Oliver – aufgewachsen in Brüssel – war es das ehrgeizige Milieu einer arrivierten Mittelstandsfamilie, für Roger die depressiv grauen achtziger Jahre im Berliner Stadtteil Neukölln. Roger und Oliver sind beide Autodidakten und sagen von sich, dass sie ihre Instrumente immer “nach Gefühl und gegen den Strich gespielt haben. Notenlesen und punktgenaues Timing haben uns nie interessiert.”
Aktuell gibt es vor allem eine Gemeinsamkeit: Beide haben das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein, dass die innere Ruhelosigkeit sich nach und nach in Gelassenheit verwandelt. So langsam lohnt sich auch der mühselige Weg, den Lebensunterhalt ausschließlich als Musiker zu bestreiten. Neben Dictaphone arbeiten sie mittlerweile mit steter Regelmäßigkeit an Filmmusik und Theaterprojekten. Für Roger und Oliver ist das jedoch hauptsächlich Arbeit. In der Musik von Dictaphone sind sie ganz bei sich selbst. Sie ist ihre konsequente, eigenwillige musikalische Vision. Ihre Perfektion des Brüchigen. Wie textete Leonard Cohen, der dunkle Großmeister des melancholischen Kitschs, in einem Moment pointierter Klarheit: “There is a crack in everything, that’s where the light gets in.” Genau.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.