Du bist ein Superstar. Markus Nikolai hebt die Moral in der House-Musik.
Text: Kerstin Schäfer aus De:Bug 38

In keiner anderen Stadt kann man die Verschiebung zwischen Techno und House so mikro-biotopisch ablesen wie in Frankfurt. Der Mythos, eine der wichtigsten deutschen Technohochburgen zu sein, scheint immer noch wie ein Nebel über der Stadt zu schweben. Der Blick von aussen fällt schwer. Die Wolken werden von innen aufgerissen: die Frankfurter Houseszene hat sich eingeloggt und lässt Sonne bis dahin vordringen, wo sonst immer nur das Strobo den Weg wies. Aus und vorbei mit den alten Mythen. Hier wird eigene Geschichte gemacht, vor allem programmiert. Polarisiert: Playhouse steht plötzlich mehr im Vordergrund als Klang, Stir15 bekommt soviel Beachtung wie nie zuvor und, zack, Perlon ist da. Das Trio der Frankfurter Houseszene, das musikalisch so diskurssetzend ist wie die Frankfurter Schule in der Nachkriegszeit. Herbert Marcuse grüsst Markus Nikolai, den Perlonmitbegründer, Houselover Nr. 2 nach Armand van Helden und Serge Gainsbourg-Stimmenimitator über Kopfhörer. Da kommt Stringenz in den Laden. Markus Nikolais Album ‘Back’ ist gerade auf Perlon erschienen, da toben auch schon die Lande. Denn, ‘Back’ ist einfach super frisch. Da zischt und blubbert es förmlich im Ohr. Markus Nikolai wirft alle Formatfixierungen über den Haufen und kombiniert die besten Häppchen seiner Alltime-Favorites. Aber nicht, um in die Eklektizismus-Falle zu tapsen. Bloss nicht. ‘Back’ schreibt vor allem House in Frankfurter Bezügen neu. Allerdings im nicht ganz so ernst gemeinten Songformat, das auf vespielte Harmonien und Melodien trifft. Hier findet man eindeutig den poppigen Anteil von Frankfurt, dem man andernorts den Stempel der Unmachbarkeit aufdrücken würde. Die Vocals kommen von Clair Dietrich und dem Master himself, das Ein-Mann-Orchester Theo Krieger illustriert analog. So klingt eben Perlonpop. Weiter auf Seite É COVERENDE Behind the Wheels. Die musikalischen Einflüsse sind bei ‘Back’ nicht wirklich festzulegen. Das liegt vielleicht an der Vielzahl von Markus Nicolais Projekten. Die erste Dosis Musiktheorie bekam er schon von seinem Opa verpasst. Der war Dirigent und trichterte die Harmonielehre mit Hilfe eines Akkordeons in ihn hinein. Der Rest war autodidaktisch. Der Beginn der elektronischen Musik zum Massenphänomen ˆ la Synthiepop wurde von ihm in Form des ersten eigenen Synthies authentisch miterlebt, den er sich 1981 zulegte – als andere noch zwischen ihren Punk-Platten wühlten und sich Sicherheitsnadeln durchs Ohr zogen. Den ersten synthie-inspirierten Auftritt mit Band gab es dann 1986 im ‘Technoclub’ in Frankfurt. Der Link zu diesen Anfängen ist auf ‘Back’ mit dem Stück ‘Pause’ gezogen. ‘Pause’ war das erste eigene elektronische Stück, das 1982 entstanden ist. Fünf Jahre später werkelte Nicolai an seinen ersten EBM- und Acidplatten. Ein Stück vom damaligen Acidprojekt ’20’ kann man heute noch vereinzelt auf den Dancefloors hören: ‘What Acid’ auf Music Research. Als Reminder sozusagen. 1988 startete er dann mit Zip/Dimbiman (dem späteren Perlon-Mitbegründer) das in den USA extrem erfolgreiche Industrial/EBM-Projekt ‘Bigod 20’. Das Projekt wurde 1994 gestoppt. Nikolai: “Wir hatten keine Lust mehr auf EBM, weil wir mittlerweile eine andere Art von Musik mochten. Das hätte sich einfach nicht vereinbaren lassen. Unseren amerikanischen Hörern, bei denen das mit Industrial und EBM gut lief, konnten wir nicht einfach sagen: So, wir machen jetzt House. Das hätten die damals einfach nicht verstanden. Im Prinzip war es eine musikalische Entscheidung von uns.” Das Nachfolgeprojekt von Markus Nikolai und Zip – Pile, das um Chris Rehberger – einen Grafiker – erweitert wurde, war dann schliesslich als neuer Weg zum Einklang zwischen Grafik und Musik angedacht. “Chris machte Grafiken für ein Buch wie auch später bei unseren Auftritten die Projektionen. Wir haben eigentlich zu dem Buch die Musik komponiert. Das war als Spass und zum Verschenken gedacht, in einer kleinen Auflage um die 100 Stück, zu jedem Buch gehört eine CD – bis dann anderthalb Jahre später Sony auf uns zukam und 97 ein Album von Pile rausbrachte.” Der nächste Schritt auf dem Weg zur Umsetzung eigenener musikalischen Vorlieben war die Gründung von Perlon 1997 zusammen mit Zip. Dazu Nikolai: “Wir waren gerade mit Sony auf Tour, machten unsere ersten Erfahrungen mit der Company und haben dann direkt beschlossen, ein eigenes Label zu gründen. Von anderen Leuten abhängig zu sein, darauf hatten wir einfach keine Lust mehr. Es dauerte danach Monate, bis irgendwas in den Releaseplan passte. Wir wollten zwar viel schneller sein als die Majors, die Frage war nur: Bleiben wir jetzt dabei, ausschliesslich unsere Sachen zu veröffentlichen, oder wollen wir ein Label, das allgemein gute Musik rausbringt. Wir haben uns dann ziemlich schnell entschieden, offen zu sein für alles und auch anderen die Möglichkeit zu geben. Das erste ‘fremde’ Release war die Perlon 08 von Ricardo Villalobos. Der ist natürlich nicht wirklich fremd, sondern ein guter Freund. Das Spektrum von Perlon reicht von minimaleren Sachen wie Pantytec bis zu poppigeren mit Gesang wie Bushes. Im Vergleich zum Kölner Sound sind wir aber verspielter.” So releasen auf Perlon unter anderem auch Narcotic Syntax (Zip und James Dean Brown), Stephan Laubner und Ric Y Martin. Was ist noch von Pile zu erwarten? ”Das Projekt ist auf jeden Fall noch existent und macht jede Menge Spass. Im nächsten Jahr erscheint ein Album auf Perlon, das relativ poppig wird. Es ist um Enflüsse von Nicht-Musiker Chris Rehberger erweitert.” so Nikolai. Daneben gibt es noch das Pseudonym Hombre Ojo “..da sing ich immer spanisch..”, hinter dem sich Chile- und Lateinamerika-inspierierte Tracks von Nikolai verbergen. Der Grund? Ist ganz einfach – Markus Nikolai verbringt den kalten Winter im sonnigen Chile. Listen carefully Wie funktioniert das Album? Dazu Nikolai: “Back ist ein Sammelbecken meiner Stücke, die ich im Laufe der Jahre angehäuft habe und die teilweise bis dahin nicht veröffentlicht wurden wie ‘Stars’, ‘Vintage Fantasies For Lovers’, ‘Feel Warm’ oder auch ‘Pause’. Ich habe die schönsten Stücke gesammelt, von clubbigeren Sachen bis zu Liebesliedern ist alles drauf. Einige gab es schon vorher auf Vinyl, aber die mussten einfach nochmal veröffentlicht werden.” Das Album insgesamt ist songorientierter, hat mehr Strukturen und wirkt dadurch auch persönlicher. Zum anderen kann man ‘Back’ auch prima live performen. Da wird der Club-Allabend schon dadurch aufgerissen, dass Markus Nicolai live mit einer Sängerin zusammenarbeitet. Beide sind natürlich gleichberechtigte Partner auf der Bühne: “Wir singen beide. Im Prinzip reist auch ein Miniaturstudio mit herum, mit Laptop, Effektgeräten, Mischpult, Keyboard usw. Manchmal ist Theo noch dabei, dann wird es richtig gut. Aber leider nur ganz selten.” Mit dem Multi-Instrumentalisten Theo Krieger hat man schon einen Musiker im Boot, der zudem alle akustischen Instrumente auf dem Album gespielt hat. Die Verspieltheit der Produktion, wo mag die nur herkommen? Nikolai: “Den poppigen Anteil machen die Harmonien und Melodien aus, diese Sachen mag ich total gern. Ich mache das nicht, weil ich jetzt der Popfanatiker bin, ich habe im Vergleich zu anderen aber auch keine Angst vor Pop. Ich sage nicht: Oh Gott, das ist zu melodiös, zu schön, zu weich. Alles kann da beeinflussen, wie der 53er Bus, der hier immer vorm Laden vorbeifährt und brummt.” Netzwerk rules Beim Versuch, den Frankfurter Klang in die weite Welt hinauszutragen, ist besonders eines wichtig: Netzwerke. Die Kontakte zwischen Playhouse, Stir15 oder Lo-Fi Stereographie sind da, alles hängt irgendwie zusammen, Frankfurt ist überschaubar. Nikolai: “Wir haben alle dasselbe Ziel: wir müssen den Sound in der Welt verbreiten. Das ist schon daran erkennbar, das wir alle in MAD (Musik aus Deutschland) zusammengeschlossen sind. Wir arbeiten intensiv zusammen, besonders in Frankfurt.” Die weiteren Projekte von Nikolai zeichnen sich in diesem Kontext denn auch durch Zusammenarbeit aus, wie mit Thomas Brinkmann als Florida, das demnächst auf Perlon erscheint, und QbA mit Clair Dietrich und Theo Krieger, das voraussichtlich nächstes Jahr in England von Fatcat herausgebracht wird. Watch out!

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Elektronische Lebensaspekte.