Text: Felix Denk aus De:Bug 24

Wasserdichte Aussagen, dekonstruierte Repräsentationen Eine der wenigen Dinge, bei denen die mediale Repräsentation langweiliger erscheint als das Original, ist unser aller Lieblingsjahreszeit Sommer. Der steht ja wieder vor der Tür, zugegeben, es ist erst Mai, aber der ist eh ein virtueller Monat, weil er uns immer zuruft, das dies erst der Anfang ist mit schönen Wetter, lauen Nächten und nachts ins Freibad einbrechen. Den Soundtrack für dieses Ereigniss haben dieses Jahr die Aktivisten des Offenbacher Perlon Labels zu verantworten. Deren zehnter Release, die Doppelmaxi Superlongevity, strotzt nur so vor guter Laune, und verbreitet entspannte Euphorie und heitere Gelassenheit. Eine Synchronität des Jahreszeitenzyklus’ und der Releasepolitik Perlons zu proklamieren, ist natürlich grob herbeikonstruiert, aber schliesslich befinden wir uns hier erst in der Einleitung, und ausserdem eignet sich der Vergleich sehr gut, die Bühne für die schönen Dinge des Lebens zu bereiten. Zur Kategorie Schön, und auch hier wird niemand widersprechen wollen, gehört Musik im Allgemeinen, und Platten, die auf Perlon erscheinen, im Speziellen. Let there be… Perlon (Bei aller Vorsicht gegenüber Generalisierungen,) Hoch im Kurs steht derzeit der neue Sound der Rhein-Main Area, der vertreten wird durch Labels wie Klang und Playhouse, Stir15, Gadgets, Hal 9000 und eben Perlon, das im Sommer 1997 von DJ Zip und Markus Nikolai gegründet wurde. Beide spielten in den späten 80ern schon zusammen in einer EBM Band namens Bigger Twenty und gründeten nach einer gemeinsamen musikalischen Exkursion in ambiente Gefilde das Projekt Pile. Ausgangsbasis dafür war die Vertonung eines Buches mit Graphiken des Engländers Chris Rehberger, das als Album auf Sony erschien und durch Remixe von u. a. Hans Nieswandt, Dandy Jack und Atom Heart begleitet wurde. Rehberger, seitdem fester Bestandteil von Pile und für die Gestalltung der Perlon Cover zuständig, begleitete den Sound des als Schnittstelle zwischen Band und elektronischen Produzententum agierenden Projekts bei Live-Auftritten mit Diaprojektoren und Videobeamern. Überhaupt war die visuelle Ebene bei Perlon von Anfang an nicht nur nebenher wichtig. Zu fast allen Perlonreleases gibt es Videos, die meist von Zips Bruder Jörg Franzmann und dessen Produktionsfirma Haedbetties TV erstellt wurden. Mit den Peak Club Parties im Raum Frankfurt schuf man auch gleich im kleinen Rahmen eine Basis, wie man sich Perlons Sound als soziales Event vorstellen darf. COVERENDE ãNicht festlegen können finde ich superÒ Zip Insgesammt aber reichten die im Rahmen des Genres guten Verkaufszahlen der Sony nicht aus, der Vertrag wurde im gegenseitigen Einvernehmen gelöst und somit die Basis für eine Selbstvermarktung geschaffen: ãAus der Pilestory entstand in unseren Köpfen die Perlon-Idee. Unsere Majorerfahrungen bestärkten uns darin, zukünftig unabhängig zu arbeiten,” kommentiert Zip die Labelgründung. Auch wenn man Perlon grob in die House Ecke einordnet, ist das höchstens auf einer suggestiven Ebene sinnvoll. Zu eigensinnig, aber auch voneinander unterschiedlich sind die Erzeugnisse der einzelnen Projekte. Auch wenn Perlon ein sehr persönliches Label ist, und man die Akquirierung neuer Produzenten wenn überhaupt nur im eigenen Umfeld betreibt, kann man nicht von einem Autorenlabel sprechen. Eher schon ein Künstlerkollektiv, wo man mit wechselnden Zusammensetzungen und verschiedenen Musikern und Produzenten in eigenständigen Projekten immer einer speziellen Soundidee nachgeht. Da vor lauter Nischen und Mikrotrends die klassische Stilbegriffszuordnungsmaschine nicht mehr so recht funktionieren will und fest umrissene Genres etwas für Historiker sind, erfindet man einfach eine eigene Sprache, die sich so gar nicht mit dem vorhandenen deckt, und trotzdem mit der Musik korrespondiert. Perlons Musik ist Pantytec aber auch Perlipop. Von Dimbimännern und Hombre Ojos produziert, folgen sie strukturell einer Narcotic Syntax. Irgendwo zwischen kubischen Funk und abstrakter Deepness bleiben auch die klassischen Funktionsdichotomienen wie zuhause – im Club auf der Strecke, weil Tanzmusik auch heimelig sein darf, und man andersherum auch zu Harmonien tanzen kann. Die gerade Bassdrum läßt auch niemanden mehr verschreckt aus dem Ohrensessel kippen. Perlon Platten sind so vielschichtig, dass Housetracks locker auch als Chansons durchgehen und Schubladen höchstens noch als Metasprache sinnvoll sind. Delinquenten 1: DJ Zip im Dimbiland Die Produktionen von Zip und Nikolai bilden die Antipoden des Perlon Sounds. Zips musikalischer Entwurf steht für relativ nervöse Tracks mit viel Bewegung, wo der Funk eher aus den Brüchen als aus der Wiederholung kommt. Oder, wie Pantytec Projektpartner Sammy Dee es formuliert: ãEs klopft dann an, wenn man es nicht erwartetÒ. Mit seinem Alias Dimbiman hat sich DJ Zip eine Persona kreiert: ãDimbiman ist ein Projektname für eine gewisse Sache. da schlüpft man in so eine Rolle, das man manchmal in der 3. Person denkt: Wie könnte es eigentlich in dem Land aussehen in dem der Dimbiman wohnt?Ò Tja, wie sieht es wohl im Dimbiland aus? Schwer zu sagen. Seine Bewohner allerdings sind vermutlich hyperaktive Wesen mit mindestens 5 Armen und 37 Fingern, die die ganze Zeit wild an irgendwelchen Knöpfen drehen. Sie strotzen nur so vor Ideen und verwandeln jede Form von Sinneswahrnehmung mit ihren körpereigenen analog – digital – analog Konvertierern in ein Meer aus Schallwellen. Sie surfen auf einem Sofa in den Klub, der immer auch eine Lounge ist, und tanzen obskure, bauhausianische Ausdruckstänze, wie man sie aus der Borddisko des Raumschiff Orion kennt. Zip praktiziert detailverliebtes Fricklertum mit einem Hang zu komischen Sounds. Seine Tracks haben keinen Sessioncharakter, man hört förmlich die viele Zeit die an den Geräten verbracht wird und all die Spaziergänge durch Offenbach mit dem Mikrophon in der Hand, um die obskure Sampledatenbank zu füttern. Mit dieser Vorgehensweise hat DJ Zip einen Geistesverwandten in England, der auch zu Zips Köppchen einen Remix beisteuerte. ãDie Wärme in Herberts Stücken, verbunden mit diesen komischen Sounds, die man noch nie gehört hatte, und man denkt, wie kann man aus sowas überhaupt irgendeine Wärme herzaubern…so etwas kannte ich noch nicht.Ò Was bei Dimbiman-Produkten immer wieder auffällt, ist, dass sie strukturell relativ nonrepetitiv sind. Reminiszensen aus Zips prä-elektronischer Zeit? ãIch habe schon ein Songdenken in den Tracks. Das kann schon aus dieser Phase stammen. Manchmal wird mir das auch ein bißchen zum Verhängnis. Im Grunde hätte ich eigentlich lieber mal was straighteres gemacht, anstatt drei Ideen in einem Lied zu verbraten aus denen man drei Tracks hätten machen können. Wobei ich mich letzlich immer dafür entschieden habe, es so zu lassen.Ò Lied ist ja auch nicht gerade eine Standartvokabel, wenn es um elektronische Musik geht. ãObwohl ich auch DJ bin, sehe ich meine Musik nicht so streng als Tool an. Es muss für mich auch ausserhalb des Sets funktionieren. Wenn ich zu hause sitze, dann fahre ich schon drauf ab, wenn es innerhalb eines Liedes auch einen Auf- und Abbau gibt, der natürlich dann auch für den DJ angenehm ist.Ò Delinquenten 2: Der Augenmann in Chile Weniger nervös und frikelig sind die Produktionen von Markus Nikolai. Beim ersten Hinhören fällt die klassische Eleganz des Arrangements auf, dass man gleich eine Deephouse Assoziation hat. Kriecht man allerdings weiter in die Box hinein und polt seine Synapsenwindungen vom emotionalen auf den analytischen Modus, stellt man fest, dass Markus Nikolais Tracks sich zwar wie Deephouse anfühlen, in Grunde aber extrem trocken daherkommen. Der ruhige, fliessende Charakter seiner Tracks wird durch die Verwendung von Harmonien erzeugt, der die zurückhaltende Rhytmusstruktur mit Wohlklang überzieht wie Zuckerguss eine Torte. Augenfällig ist die Kooperation mit Musikern, wie dem Komponisten Theo Krieger, der die akustischen Instrumente auf Nikolais Produktionen einspielt. Und immer wieder Vokals. Mit fast schon dadaistischem Humor singt beispielsweise auf “BushesÒ eine zum verlieben schöne Frauenstimme von den Grünpflanzen im Park, und alle freuen sich und schunkeln mit. Während DJ Zip seine musikalische Inspiration aus dem Dimbiland zieht, hat Markus Nikolai einen realeren Ort gewählt: Chile. Jener Staat, der bei der Landverteilung Südamerikas offensichtlicherweise verarscht wurde (100 Meter breit, 2500 Kilometer lang), scheint ein beliebtes Reiseziel im Rhein-Main Gebiet zu sein. Ricardo Villalobos, der ja ebenso wie Dandy Jack von Sieg über die Sonne aus Chile stammt, und Atom Heart Uwe Schmitt, der sich dort angesiedelt hat, haben den regen Flugverkehr zwischen Frankfurt/Main und Santiago wohl entscheidend mitzuverantworten. Durch diese Verbindung kam Markus Nikolai auch zu seinem Hombre Ojo Pseudonym, unter dem er latinomäßigen Flair mit Gitarrensounds und spanischen Vocals verbreitet: “Ich habe ein Augenoptikgeschäft und Martin (Dandy Jack) und Ricardo (Villalobos) haben bei mir immer ihre Brillen gekauft, deshalb war ich bei ihnen immer der Augenmann. Als ich mal mit den beiden in Chile war und ein paar Auftritte hatte, wollten sie mich als Augenmann auf die Plakate schreiben. Ich wollte aber lieber als Markus Nikolai angekündigt werden. Als die Leute dann so gar keine Ahnung hatten, wer ich bin, und Ricardo mich immer als Hombre Ojo vorstellte, waren alle ganz beeindruckt und taten so, als hätten schon viel von mir gehört. Deswegen habe ich die Stücke, die ich in Chile gemacht habe, dann auch als Hombre Ojo veröffentlicht” Übrigens, wer im Plattenladen mit phonetischer Kompetenz angeben will, sollte Ojo unbedingt “ocho” aussprechen, und nicht etwa “otscho”. Delinquenten 3: Sammy Dee auf der Party Der Berliner Sammy Dee ist einer der DJs, die schon auf so mancher Party in höchst unterhaltsamer Weise die Platten umgedreht haben. Seit zehn Jahren ist er nun im Geschäft, war Resident bei der Berliner Feierinstitution Dubmission und ist auch regelmässig im Electric Ballroom zu hören, jener Partyreihe, die abseits vom Tresor das Technofähnchen trotzig hochhält. Seit 1996 ist Sammy Dee auch als Produzent tätig. Seine ersten Tracks auf Kanzleramt waren eher detroitlastig und funktional, ohne wahnsinnig technoid zu sein. Bei Perlon, wo er nun zusammen mit DJ Zip das Projekt Pantytec betreibt, hat er die musikalische Heimat gefunden, die ihm immer vorschwebte. “Manche sagen, Pantytec sei eine Houseinnovation. Das glaube ich aber eigentlich nicht so. Wir öffnen einfach unseren Kopf im Studio. Manchmal sitzen wir 30 Minuten vorm Mikrophon und bearbeiten Wortfetzen. ‘Into the Duster’ basiert beispielsweise auf einer Staubsauger Werbesendung. Wir dachten, wir müssen die Welt wirklich von dem ganzen Staub erlösen.” Als DJ weiss Sammy Dee, was man braucht, um die Leute zu unterhalten. Durch seine Erfahrung als Produzent schafft er es in den Pantytec Tracks Funktionalität musikalischer denn je klingen zu lassen, was auch mit den veränderten Bedürfnissen auf den Floors korrespondiert. “Die Leute sind offener geworden, und die Musik musikalischer.Mein Style ist in letzter Zeit viel feinfühliger geworden. Ich achte sehr darauf, dass ein Fluss ensteht. Als DJ ist man darauf angewiesen, dass keine Unterbrechungen entstehen oder Sounds, die konträr sind. jetzt achte ich auf jede Hihat, daß die Tracks eine gemeinsame Seele haben. Mit Perlon hat das so einen richtigen musikalischen Schub gegeben.”

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Elektronische Lebensaspekte.

nikolei/nokolai? elln oder elin
Text: riley reinhold aus De:Bug 02

Perlon Records Frankfurt – EBM Meets House

Riley Reinhold
rrr@buzz.de

Eigentlich, möchte man meinen, gehen zwei so verschiedene Richtungen wie EBM und House nicht zusammen. Die mächtige darke und kalte Kraft des ersteren und die lässig sonnige Seite von House, wie soll das funktionieren?

Selbst die eine Hälfte von Perlon, Markus Nikolei, ehemals Bigod 20, überrascht das. Einen Gedanken wie diesen zu verfolgen, das riecht schnell nach Cross-Over und ist wahrlich nicht was man möchte. Nun, die Debutplatte des Frankfurter Labels hat es geschafft, der technischen Seite und der über 10-jährigen Erfahrung in verschiedensten musikalischen Betätigungsfeldern – Acid (’20’/1988), Industrial (‘Bigod 20’/1990-93), New Beat (‘Nostromo’/1989) und Elektronik (Umodetic/1990) – eine Logik abzugewinnen, die als Innovativkraft in Stücke einfließt, die man eindeutig als House bezeichnen muß. Die Debutplatte von Markus Nikolei ist ähnlich uplifting, wie man es von Daft Punk sagen kann und ist somit eher unbewußt, denn man betreibt das Label als Hobby, hip. Einfluß auf ihre musikalische Richtung hat sicherlich auch ihr kleiner illegaler Club “Peak” in Offenbach gehabt. In einer umgebauten Fahrradhalle, einer Seifenfabrik die mehr von einem Wohnzimmer hatte, gab es von Herbst bis Frühling jeden Sonntag Mittag ab 17.00 Uhr Kuchen, Kaffee, Tee und Musik von Frankfurter Housegrößen wie z.B. Roman Flügel und Atta. Markus Nikolei und Zip, Betreiber des Label und früher zusammen bei Bigod, entspringen dem Kreativ-Umfeld von Leuten wie Dandy Jack, Pink Elln und Atom Heart, die allesamt eine industrielle Vergangenheit haben und diese für sich nutzen konnten. Parallel zu ihrem neuen Label machen sie, zusammen mit einem Freund aus England, ein Projekt namens ‘Pile’, dessen Ausgangspunkt die Vertonung eines Graphikbuchs zu Werbezwecken war und das mit einer Veröffentlichung im Januar auf Sony und einer Deutschlandtour seinen Anfang gefunden hat. Die Platte kam mit Remixen von Atom Heart, Dandy Jack, Pink Elln, Hans Nieswand und anderen. Auf die Labelpolitik von Perlon angesprochen, antwortet Markus, daß sie extrem offen sei, weil kein finanzieller Druck auf ihnen lastet. Techno, Jungle und House sind für die Zukunft mögliche Ausdrucksformen. Was dagegen allen Produktionen auf Perlon anhaften wird, ist ein Bekenntnis zum Spaß und ein guter, fetter Produktionsstandard, der die Platte für Club DJs interessant machen wird.

Beiträge:
-Soundtrack für US-Film “Sliver”
-Video für “Kap Der Angst “von Martin Scorsese
-Bildvertonung und Improvisationen im Rahmen von ‘Pile’ auf Sony

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