Von der belgischen Indie-Popperin Isabelle Antena aus den 80ern bis zur Neo-Disco-Queen Kathy Diamond veröffentlichen Tom Bioly und Benjamin Fröhlich mit ihren undogmatischen Münchner Popper-Ohren, was rechts und links von Cosmic auf die geschniegelteren Dancefloors passt.
Text: Finn Johannsen aus De:Bug 132


Permanent Vacation aus München ist ein offenes System, in dem seit drei Jahren bemerkenswert konsequent verschiedenste Stile zu einem Labelsound gebündelt werden. Diese Herangehensweise hat dazu geführt, dass die DJs und Produzenten hinter dem Unternehmen, Tom Bioly und Benjamin Fröhlich, schon seit geraumer Zeit großen Zuspruch aus unterschiedlichen Lagern erfahren.

So vielfältig der Backkatalog auch klingen mag, hier wird mit Sachverstand und Überzeugung gehandelt, und so mancher, der sich mit der Enge des Genrepurismus nicht mehr abfinden mag, hat hier Geistesverwandte gefunden, die den Nachschub nicht abreißen lassen wollen. Anlässlich der Compilation “Selected Label Works No.1“, die eine Auswahl bisheriger Vinylveröffentlichungen auf CD zugänglich macht, gibt es nun die fällige Bestandsaufnahme zu Themen aus dem näheren Umfeld.

De:Bug: Was hat euch damals dazu gebracht Permanent Vacation zu gründen?

Tom Bioly: Wir haben uns in Benjis Plattenladen kennen gelernt und festgestellt, dass wir beide die gleiche Musik mögen. Und was wir machen wollten, gab es nicht so richtig.

Benjamin Fröhlich: Vor allen Dingen in Deutschland gab es das nicht.

Tom Bioly: Ich habe bei Compost gearbeitet und wusste, wie man ein Label gründet und was dazugehört. Und wir wollten das ausprobieren.

De:Bug: Sehr oldschool, zwei Gleichgesinnte treffen sich im Plattenladen.

Tom Bioly: Stimmt. Es ist etwas Besonderes, jemanden zu treffen, mit dem man bei Musik zu 99% auf einer Linie liegt. Das ist meistens nicht der Fall.

Benjamin Fröhlich: Aber es wäre auch extrem schwierig, ein Label auf die Beine zu stellen, wenn man sich erst mal streitet.

Tom Bioly: Was wir machen, ist ja auch ein bisschen spezieller, nicht der Konsens-Sound, über den man sich vielleicht besser einigen kann.

De:Bug: Was war denn die stilistische Ausgangslage und Motivation eurer Anfangstage?

Benjamin Fröhlich: Wir sind in dieses Disco-Revival gestartet und das ganze Cosmic-Blabla. In diesem Kontext wollten wir uns erst mal bewegen, auch wenn wir uns nie einschränken wollten. Es war der richtige Zeitpunkt dafür.

Tom Bioly: Wir hatten jedenfalls keine Künstlerfreunde mit fertiger Musik, die wir releasen wollten. So wie das bei vielen anderen Labels läuft. Wir haben gleich mit einer Compilation losgelegt, weil wir niemanden hatten, der die Musik gemacht hat, die uns hundertprozentig gefällt.

De:Bug: Isabelle Antena und Kathy Diamond sorgten dann schnell für einiges Aufsehen.

Tom Bioly: Ja, aber es gab keinen Masterplan. Kathy Diamond war ein Glücksfall. Wir vermuten ja, dass es an der Compilation lag, auf der zwei Fulton-Remixe waren, und er hat uns danach einfach angeschrieben: “I’ve got some new stuff, do you want to hear it?“

De:Bug: Und mit Antena wolltet ihr eine alte Vorliebe ausgraben?

Tom Bioly: Ja. Wir würden so etwas viel öfter machen, aber es ist schwierig, wenn man es nicht illegal macht. Aber das wollen wir eben nicht, auch keine Edits. Wir starten gerade die Serie “Permanent Vacation Evergreens“, wo wir das wieder aufgreifen. Aber das muss nicht alt sein, die erste ist von DMX Krew.

Benjamin Fröhlich: In diesem ganzen Cosmic/Balearic/Disco-Ding hast du ja auch gar keine Chance, was Offizielles zu machen, weil es davor eh schon Edits gab. Es macht keinen Sinn mehr zu lizenzieren, was schon jeder hat, den es interessiert.

Tom Bioly: Oder man findet die Rechteinhaber nicht oder es liegt bei einem Major, dann hat man keine Chance. Insofern war Isabelle Antena auch ein Glücksfall, weil wir in Zusammenarbeit mit ihr die Remixe machen konnten und sie die Vocals neu eingesungen hat.

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De:Bug: Andere Labels haben ja ein eher entspanntes Verhältnis zu Edits.

Tom Bioly: Es ist ein hohes Risiko. Manche haben Glück, so wie Pilooski zum Beispiel, wo ein Edit kursiert, der dann offiziell rauskommt. Aber wenn man erst mal eine Klage am Hals hat, ist es mit einem Label schnell vorbei.

Benjamin Fröhlich: Du hast auch keine Sublizenzrechte daran. Du verkauft nur das Vinyl, nicht digital … das ist nicht so reizvoll.

Tom Bioly: Die Frage ist, ob man ein richtiges Label machen und mit CDs und digital präsent sein will. Man kann Edits nebenher auf Vinyl machen, aber ich würde mich nicht gut dabei fühlen.

De:Bug: Wenn man sich euren Backkatalog anschaut, habt ihr euch ja von diesem ganzen Thema emanzipiert.

Benjamin Fröhlich: Das ist ein natürlicher Prozess. Die Genres verändern sich ja auch und Aspekte werden anders beleuchtet.

Tom Bioly: Am Anfang hat es sich mit Disco so ergeben, aber es hätte nicht so laufen müssen. Wir mögen auch House, Techno oder Gitarrenmusik. Es muss einfach das gewisse Etwas da sein.

Benjamin Fröhlich: Es gibt schon so ein Grundgefühl beim Label, was man auch wieder erkennen kann. Ansonsten muss man stilistisch ein bisschen offener sein, sonst klingt alles gleich.

Tom Bioly: Wenn man alte Disco-Sachen nicht bekommt, ist es schwierig. Wir können mit Nu-Disco-Sachen nicht viel anfangen. Es ist oft so, dass es nur nett ist und beliebig und im Club nur bedingt funktioniert. Aber im Disco-Bereich verkaufen sich sowieso nur Edits.

Benjamin Fröhlich: Es ist wichtig, dass man nach einem Hype nicht wieder weg ist, länger am Ball bleibt. Da muss man sich zwangsläufig verändern.

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De:Bug: Ist der Hype um das Thema nicht schon vorüber?

Benjamin Fröhlich: Irgendwie ja und irgendwie auch nein. Es gibt nicht wirklich was Neues. Das House-Revival läuft so nebenher, aber ich glaube, das wird noch größer werden. In Ermangelung eines neuen Hypes.

Tom Bioly: Man hört alle zwei Wochen was Neues. Es heißt “Minimal is dead“, aber dann auch wieder nicht. Im Moment rotiert alles. Wir haben auch schon gedacht, dass keiner mehr Disco hören mag, aber ein paar Monate später finden es die Leute toller denn je. Es geht hin und her. Man pickt sich halt die besten Nummern aus verschiedenen Bereichen raus.

Benjamin Fröhlich: Solche Hybriden, die verschiedene Bereiche vereinen, haben auf jeden Fall Platz auf dem Label, wenn sie was Spezielles haben.

De:Bug: Wie wichtig ist denn eigentlich München für das Label?

Benjamin Fröhlich: München ist eine Disco-Stadt, schon immer gewesen, und wenn man hier aufwächst, prägt einen das. Es ist hier alles ein bisschen poppiger.

Tom Bioly: Wenn wir in Berlin groß geworden wären und ein Label machen würden, wäre es sicherlich andere Musik. Man kann das konkret schlecht erklären, aber dieses ganze München-Ding hat sicherlich Einfluss.

De:Bug: München war ja schon rein lokal dichter dran an Cosmic.

Benjamin Fröhlich: Ich habe damals immer die Tapes gehört, aber ich wusste nicht, was es ist. So hat sich dann der Kreis geschlossen. Man ging auf Cosmic-Parties und der Rest von Deutschland kannte das nicht.

De:Bug: Es geht bei dem Cosmic-Hype doch auch eher um ein gestiegenes Bedürfnis nach eklektischen DJ-Sets als darum, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in bestimmten italienischen Clubs gemacht wurde.

Tom Bioly: Das Internet hilft da enorm. Die ganzen Mixe sind online, man muss nicht dabei gewesen sein. Und es wird Cosmic auf Sachen geschrieben, die wir nicht damit assoziieren würden.

Benjamin Fröhlich: Es ist ja auch ein total schwammiger Begriff und keine wirkliche Musikrichtung. Es wurde alles zusammengewürfelt.

De:Bug: Und was ist mit dem klassischen Munich-Disco-Sound?

Benjamin Fröhlich: Moroder und so? Da kommt man natürlich schlecht drum herum. Die Produktionen sind sehr interessant, aber man konnte auch ein komplettes Streichorchester mit ins Studio nehmen. Das hört man dann auch. Man sollte lieber nicht versuchen, das zu kopieren. Das schafft man eh nicht. Deswegen ist es auch so schwierig für aktuelle Disco-Produzenten. Allein im Studio ist es nicht so einfach, was in dem Stil hinzukriegen.

De:Bug: Und wohin geht die Reise bei euch in naher Zukunft?

Tom Bioly: Erst mal eine Maxi von uns. Dann die erste Evergreens. Wir machen ein Album mit Sally Shapiro und eine neue “Space Oddities“-Compilation, die diesmal ein bisschen rockiger und psychedelischer ist.

Benjamin Fröhlich: Die haben Material ohne Ende.

Tom Bioly: Library Music ist ein interessantes Thema, weil es mittlerweile nur noch wenig gute alte Musik gibt, die keiner kennt. Wir bringen auch noch einen Horrorfilm-Soundtrack heraus. Der Film heißt “Gutterballs“ und die Musik ist von Steve Moore.

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Elektronische Lebensaspekte.

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