Interview über Wellenformen zum Anfassen
Text: Sascha aus De:Bug 141

Wenn es um neue technische Möglichkeiten der Musikproduktion geht, landet man früher oder später auf Peter Kirns Blog Createdigitalmusic.com. Hier wird die Zukunft der digitalen Musik in der Masse der Technologie gesucht, die seltsamsten Eigenbau-Interfaces werden vorgestellt. Ein Gespräch über die Grenzen zwischen DJing und Live Sets, Multitouch-Controller und mobile DJ-Tools.


Debug:
Derzeit werden wir mit neuartigen Controllern für DJ-Applikationen geradezu überschüttet. Gleichzeitig scheint das gewählte Setup einen immer höheren Stellenwert zu erhalten. Bevor man heute als DJ anfängt, muss man sich zunächst mit der Technik auseinandersetzen, die Zeit allgemein akzeptierter Standards scheint fürs erste vorbei.

Peter Kirn: Das größte Problem ist, dass DJ-Controller meistens proprietär entwickelt werden, was aber wohl generell für alle Controller gilt. Aber wir haben in vielen Fällen die Grenze von dem, was mit MIDI möglich – oder auch wünschenswert – ist, erreicht. Und dabei geht es nicht nur um die Auflösung, sondern auch darum, dass die Controller-Daten für Menschen nicht sonderlich lesbar sind und auch nicht allzu nützlich. Glücklicherweise gibt es aber auch ein paar sehr kreative Ideen für DJ-Controller und nicht nur Fake-Mixer mit Fake-Plattenspielern. Wenn 2010 wirklich das Jahr der Pads werden sollte, und so sieht es ja mit dem iPad, neuen Android-, Windows- und Linux-Tablets aus, dann erwarte ich ein paar wirklich spannende Umsetzungen auf diesen Geräten. Vielleicht angetrieben von einem Protokoll wie OSC (Open Sound Control). Es wäre jedenfalls die perfekte Zeit für offene Architekturen.

Debug: Nähert sich das DJing gerade einem performanteren Zeitalter, in dem die Grenzen zum Live Act verschwimmen?

Kirn:
Ich bin mir nicht mal sicher, ob sich die Praxis des Auflegens wirklich sonderlich geändert hat, jedenfalls im Mainstream. Es gibt viele Leute, die sehr kreativ mit Loops und verschiedenen Decks umgehen, die live quasi einen Remix machen. Aber das sind eher die Ausnahmen, genauso wie es wirklich selten komplexes Vinyl-Turntablism gibt. Aber die wenigen Protagonisten sind dann oft extrem kreativ. Und die zunehmende Konvergenz zwischen DJ und Live-Set ist absolut wünschenswert. Was man schon jetzt beobachten kann, ist, dass viele Leute, die bislang eher Live-Sets gespielt haben, langsam in Richtung kreatives DJ-Set gehen. Das scheinen weitaus mehr zu sein, als die DJs, die sich in die andere Richtung entwickeln, vor allem über Tools wie Ableton. Vielleicht wird “The Bridge”, die Ableton-Serato-Kollaboration, da noch mehr bringen. Die Tools gibt es jedenfalls. Vielleicht ist die Frage aber nicht nur, ob DJs das wirklich nutzen, sondern ob auch das Publikum bereit ist, sich auf abenteuerlichere Sets einzulassen.

In den USA ist davon bislang nicht wirklich was zu sehen. Ich bin mir allerdings auch nicht sicher, ob es wirklich eine Fusion der beiden Herangehensweisen geben muss. Liveperformances können zwar viel vom Auflegen lernen, sind aber auch wiederum eine andere Praxis. Live-Acts könnten aber durch die Adaption von DJ-Techniken noch interessanter werden, noch mehr “live”. Je mehr wir allerdings mit Laptops hantieren, desto stärker werden die auch kreativ in Live-Sets einfließen. Dabei muss es auch immer den Ort geben, an dem man einfach gute Tracks, eine feine Auswahl vorstellen kann. Letztendlich wird es aber sowieso ums Erforschen der Räume von Computerperformances gehen.

Debug: Welche Interfaces sind dir in Projekten oder als Prototypen begegnet, die dir Hoffnung machen, dass man sich von den üblichen Plattenspieler-Mischpult-Metaphern eines Tages verabschieden könnte?

Kirn: Touchinterfaces bewegen sich jetzt schon von der Emulation der Hardware hin zu etwas Neuem. Ein Bild von einem Knopf – der als Bild nun wirklich keinen Sinn macht – und eher einen Rückschritt bedeutet, da ihm das taktile Feedback fehlt, gibt die Möglichkeiten, den Sound selbst zu berühren. Ein paar Experimente in dieser Richtung gab es vor allem bei iPhone Apps. Am besten finde ich allerdings in dieser Richtung “Subcycle Labs” von Christian Bannister. Er arbeitet mit 3D-Visualisierungen von Sounds. Es geht vermutlich nicht so sehr um Multitouch an sich, sondern darum, dass man durch Touchinterfaces die Grenze zwischen Grafik und Kontrolle verschwimmen lassen kann. Statt mit Knöpfen zu drehen, bekommt man das Gefühl, die Sound-Visualisierung direkt mit den eigenen Händen manipulieren zu können.

Debug:
Ich höre von vielen DJs, dass sie wirklich gerne ein Touchscreen-Setup hätten. Aber reagieren Touchinterfaces nicht einfach zu langsam?

Kirn: Zeitverzögerung ist nicht das größte Problem. Viel mehr werden wir das taktile Feedback vermissen. Man muss sich – auch bei der Entwicklung – klar sein, dass nicht alles, was man macht, wirklich eine Umsetzung in Echtzeit braucht.

Debug: Wie kann man Sound denn am besten anfassen?

Kirn: Diese Frage wird offen bleiben. Notwendigerweise ist jede Repräsentation von Sound abstrakt. Ob es nun die klassische Notation ist oder der Standard der Zeitamplitude, die Wellenform. Sicherlich, Wellenformen anfassen kann manchmal Sinn machen, da stehen wir noch ganz am Anfang. Was wird mit Stretchen, Slicen, Loopen noch alles passieren? Aber gerade dass es eine so offene Entwicklung ist, macht es auch so spannend.

Debug: Und mobile DJ-Interfaces? Tools für das iPhone oder andere Handys? Betrchtest du die bisherigen Produkte eher als Spielzeuge? Richtig ernstzunehmend schieb bislang jedenfalls nur der Pacemaker.

Kirn: Meiner Meinung nach hat mobiles DJing bislang einfach nicht stattgefunden, aber das wird sich ändern, nicht zuletzt durchs iPad. Solche Geräte werden auch aufgrund von ARM-Prozessoren enorm billig. Der Grund, warum viele das nach wie vor als Spielzeugidee betrachten, ist einfach, dass die dezidierte Hardware fehlt. DJs wollen ihren hochqualitativen Sound nicht aufgeben, zurecht, den dezidierten Cue-Ausgang schon mal gar nicht. Und vielleicht wollen sie auch die Freiheit behalten, andere Hardware anschließen zu können, und sei es nur über USB. Wir werden dieses Jahr noch einige Tablets sehen, die in dieser Hinsicht viel neues ermöglichen werden. Sollte Android Hardware unterstützen, vielleicht auch dort. Stell dir einfach vor, eins dieser Dinger mitzuschleppen, die nur einen Bruchteil von einem Laptop kosten, dabei aber genau so flexibel sind und auf deine Bedürfnisse noch besser zugeschnitten.

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Elektronische Lebensaspekte.