Peter Saville ist Mitbegründer von Factory Records, der legendären Plattenfirma um Joy Division und New Order, für die er schon damals munter alle Plattencover entwarf. Später arbeitete Saville für Pulp, Björk und Suede und bestritt die 90er mit Grafik-Design für Modelabels wie Yohji Yamamoto, Jil Sander und Mandarina Duck, bis er sich vor zwei Jahren entschied, damit zu brechen und sein Studio zu schließen. Debug traf Peter Saville auf der Typo-Berlin und sprach mit ihm über Timing, die wahre Geschichte von Factory Records, das Mode-Business und seinen Ausstieg hin zur Kunst.
Text: Karen Khurana aus De:Bug 84

Standpunkte / Design mit Peter Saville

Peter Saville ist jemand, der es versteht, Geschichten zu erzählen. Und davon hat er eine Menge. Da nimmt man ihm auch nicht übel, dass er mitunter auf Autopilot stellt und unsere Fragen nur noch als Stichworte auffängt. Gleichzeitig inszeniert er sich weniger als großer Grafik-Held, sondern legt lieber offen, wie sein Umfeld, einzelne Zufälle und Ereignisse sein bisheriges Leben geprägt haben: Sein Kunstlehrer, der ihm und seinem Schulfreund Malcolm Garrit erklärte, dass Grafik-Design ein richtiger Beruf ist; ein geklautes Buch aus der Bibliothek (“Herbert Spencer’s Pioneers of Modern Typography”), das ihm eine Idee davon gab, dass Dinge auch anders gestaltet werden könnten, als es Ende der 70er in England den Anschein machte; oder seine Bekanntschaft mit Tony Wilson, mit dem er Factory Records gründete.
Für seine ersten Plattencover kopierte er immer wieder Stile und Bilder aus Kunstmagazinen und Typo-Geschichtsbüchern und schmuggelte die Appropriation ins Design, hielt es aber auch zurückhaltend, reduziert und minimal. Die akademische und die Kunstwelt lernt nun eben dies seit ein paar Jahren mehr und mehr schätzen und Saville, der heute keinen Sinn mehr darin sieht, für Plattenlabel oder, wie in den letzten 10 Jahren, für Modelabel zu arbeiten, versucht grade herauszufinden, ob er sich damit anfreunden kann.

Debug:
Deine Cover haben ja meist einen konkreten Bezug zu einer Zeit, wirken aber gleichzeitig zeitlos, fast klassisch. Siehst du das auch so?

Saville:
Ja, das hängt, glaube ich, damit zusammen: Es gab in meinen Sachen immer eine Referenz zu einer anderen Zeit, die aber einem gewissen Timing entsprach. Das waren meist einfach Dinge, die ich grad entdeckt hatte. Wenn uns das gleiche Geschichtsbuch alle 6 Monate gegeben wird, entdecken wir immer wieder andere Dinge, zu denen wir Bezug nehmen können, zu verschiedenen Zeiten. Und dann denke ich, hat das damit zu tun, wie ich Dinge zusammengefügt habe.

Debug:
Timing heißt also, eine Referenz, beispielsweise zu den 20er Jahren, sagt unter Umständen mehr über die Zeit, in der man sie heranzieht, als über die 20er selbst und gleichzeitig entkommt man damit dem modischen Stil der eigenen Zeit?

Saville:
Ja, genau. Aber du weißt in dem Moment nicht, was du da tust. 1988 habe ich nicht gedacht: Ich wette, das wird 2000 immer noch gut aussehen. Du kannst so nicht denken. Im Grafik-Design sind viele sehr schnell und instinktiv. Viele Grafik-Designer werfen Dinge zusammen und sie gewinnen dadurch eine Art Leben für einen kurzen Moment. Und das ist auch okay. Interessanterweise sind Plattencover aber keine Wegwerfprodukte. Leute haben ein spezielles Verhältnis zu ihren Platten, sie hören sie nicht und schmeißen sie dann weg. Also wenn du ein Plattencover machst, ist das nicht das Gleiche, als wenn du ein Magazincover gestaltest. Und instinktiv habe ich etwas von dieser Unmittelbarkeit weggenommen. Es hat nicht dieses Pulsierende mancher grafischer Arbeiten, die aber 6 Monate später schnell hässlich wirken können. Diese Reduktion kann zwar etwas langweilig sein, aber es kann sich eben auch als Wert herausstellen, über den Moment hinauszugehen. Und nun, zehn, zwanzig Jahre später sehen die Cover irgendwie immer noch okay aus.

Debug:
In deinen frühen Plattencovern gibt es ja oft Bezüge zur Kunst. Hast du dich denn auch für die Kunst als solche interessiert oder lag dein Fokus immer klar im Design?

Saville:
Ja, damals als ich studierte, fand ich die Beziehung zwischen Grafik-Design und Kunst faszinierend. Ich entdeckte vieles in Büchern und wollte diese Dinge anderen zeigen. Plattencover waren ein guter Ort dafür.
Aber es war nicht so, dass ich schon immer Design machen wollte. Ich habe mich nie wirklich dafür entschieden. Als Malcolm und ich noch zur Schule gingen, erklärte uns unser Kunstlehrer, dass Grafikdesign ein richtiger Beruf ist. Wir waren natürlich begeistert, denn wir waren tatsächlich ziemlich besorgt, was wir unseren Eltern erzählen sollten, welchen Beruf wir nach der Schule ausüben würden. Das ist so ein Mittelklasse-Ding, du musst eigentlich Arzt oder Anwalt werden, etwas mit beruflicher Perspektive. Also fingen wir an, Grafikdesign zu studieren und etwa 5 Jahre nach meinem Abschluss habe ich oft darüber nachgedacht, ob ich nicht besser Fotograph oder Mode-Designer hätte werden sollen. Denn dieser Service-Charakter von Graphikdesign, der passt nicht wirklich zu mir.

Debug:
Aber da gibt es ja auch Nischen.

Saville:
Ja, in so einer Nische bin ich ja am Anfang auch gleich gelandet – aber ohne dass mir bewusst war, dass das ‘nur’ eine Nische ist und die Rolle, die Grafik-Design im allgemeinen spielt, anders aussieht. Ich habe Plattencover für Independentlabel gemacht. Mit zwei anderen Leuten habe ich Factory Records gegründet und wir haben nicht gesagt: “Lasst uns eine Plattenfirma machen”, sondern: “Lasst uns eine Platte machen.” Das war kein richtiges Business. Ich war in dieser Zone umgeben von jungen Leuten, die das Gefühl hatten, das zu tun, woran sie glaubten. Erst wenn du anfängst, Plattencover für Firmen zu gestalten, merkst du, dass das nicht das Gleiche ist. Die Jungs von Warner Brothers machen nicht, wonach sie sich fühlen. Aber da bist du schon 26 und musst selbst Geld verdienen.

Debug:
Und dann war der Sprung zum Modebusiness nicht mehr weit?
Saville:
Irgendwann wächst man aus der Musikindustrie heraus. Auch wenn man in der Musikindustrie noch relativ beschützt ist. Denn die A&R Leute, die Manager sorgen dafür, dass die Band nicht zuviel vom Business versteht. Ihr Job ist es, sie davon fernzuhalten, weil sie sonst den Glauben daran verlieren. So funktioniert die Musikindustrie in weiten Teilen. Aber irgendwann ist das trotzdem vorbei.
Als ich dreißig wurde, waren Plattencover keine Plattform mehr für mich. Wenn du zwanzig bist, ist Musik wirklich wichtig, aber mit dreißig ist der Rest der Welt wichtig. Also musste ich mich nach anderen Plätzen umschauen, in denen man Grafikdesign braucht. Und dann ist man schnell in der wirklichen Geschäftswelt.

Debug:
Und die Modewelt schien dir mit dreißig bedeutender als Musik?
Saville:
Mit “Yohji Yamamoto”, für das ich als erstes in der Modewelt gearbeitet habe, war es gut. Denn: Yohji hat kein Interesse daran, Kleidung zu verkaufen. In Japan hat er ein wirkliches Geschäft namens Y’s, eine Firma, die Geld macht. In Europa hat er das Label “Yohji Yamamoto” und das ist für Yohji, nicht fürs Business. Das Unternehmen hat das Label nur erfunden, damit Yohji etwas hat, wo er er selbst sein kann. Das heißt, wenn man für “Yohji Yamamoto” arbeitet, macht man einfach, was Yohji will. Ihm ist es egal, ob er Kleidung verkauft oder nicht.

Debug:
Später bist du dann zusammen mit Marc Ascoli und Nick Knight zu Jil Sander gewechselt …
Saville:
Jil war okay. Jils Firma ist deutsch und sie waren sehr respektvoll und verstanden Graphik-Design. Und großartig oder nicht, Jil hat so etwas wie eine Seele und sie glaubt an “Jil Sander”. Ich meine, für mich ist das Produkt ein wenig lächerlich, weil es unglaublich teuer ist. Es ist für sehr reiche Leute, die wir nicht mögen. Oder die Kinder von reichen Leuten, die zumindest verrückt sind. Aber wenn jemand daran glaubt und ihm das Produkt nicht egal ist, dann ist es okay. Es ist so: Wenn du beispielsweise mit Yohji arbeitest und er macht irgendetwas, wovon er fasziniert ist, und er will, dass du hilfst, es zu kommunizieren, ist das ziemlich inspirierend. Du versuchst, die visuelle Analogie dazu zu finden. Alle kommen zusammen und es entwickelt sich ein Enthusiasmus, solange man dieses etwas oder die Person dahinter respektiert. Aber wenn das nur die zynische Kalkulation ist, Geld von den Menschen zu nehmen, und das ist wirklich sehr oft der einzige Punkt, dann gibt es nichts mehr, woran man glauben kann. Es ist vielmehr etwas, dass man stoppen muss.

Debug:
Hast du mal daran gedacht, in die Kunstwelt zu wechseln?
Saville:
Ja. Ich meine, ich habe nicht wirklich gewechselt, weil man das nicht kann. Aber in den letzten zwei Jahren habe ich tendenziell aufgehört, Klienten zu betreuen. Als ich angefangen habe, mich auf das Buch zu konzentrieren und es zu präsentieren, war das einfach. Aber ich musste mein Studio schließen und alle entlassen. Wir sind immer noch Freunde und wenn ich Arbeit habe, die Leute einschließt, rufe ich sie an. Aber vor 18 Monaten habe ich acht Leute beschäftigt und nun niemanden mehr, weil ich einfach nicht losgehen und Arbeit für acht Leute suchen will. Vor einem Jahr saß ich da mit einem großen Namen der Fashion-Welt wegen ihrer Parfüm-Kampagne. Mein Assistent zeigte die Visuals und ich saß irgendwo am Ende des Raumes. Die Kundin stand auf und sagte: “Peter, interessiert dich das gar nicht?” Und ich sagte: “Nicht wirklich, nein.” Danach saß ich mit meinem Assistenten da und wir wussten, das war das Ende. Ich meine, ich habe das wirklich noch nie in einem Kunden-Meeting gesagt. Aber ich konnte es nicht mal mehr nicht sagen. Normalerweise sitzt du da und machst einfach weiter, du musst schließlich die Miete bezahlen. Tatsächlich muss ich Geld verdienen, ich bin sozusagen bankrott. Aber es gibt einen Punkt, an dem einen das einfach nicht mehr kümmert.

Debug:
Das Problem ist ja eigentlich, etwas zu finden, das einem nicht egal ist.
Saville:
Das ist der Punkt. Du musst etwas finden, woran du glaubst.

Debug:
Hast du schon eine Idee, woran du als nächstes glauben wirst?
Saville:
Ich denke immer, irgendwas wird sich ergeben. Seit einiger Zeit gibt es dieses neue Verhältnis zur Kunstwelt, das ich, um ehrlich zu sein, immer noch nicht für mich ausgearbeitet habe. Aber in den letzten Jahren hat die Kunstwelt angefangen, ein wenig Interesse für Peter Saville zu zeigen. Das ist sehr verwirrend für mich. Das Einzige, was ich bisher entschieden habe, ist: Was immer passiert, mach keine Kunst. Wenn die Kunstwelt oder Kunstsammler an dir Interesse haben, ist das, weil sie an dir und den Dingen, die du gemacht hast, Interesse haben, nicht weil sie wollen, dass du ein Künstler wirst. Zuerst denkst du: “Super, jetzt kann ich Kunst machen.” Nur, das will gar keiner. Es ist schwierig, aber wenn Leute interessiert sind, Dinge zu sammeln, die ich gemacht habe, könnte mich das stützen.

Debug:
Aber denkst du nicht, in der Kunstwelt laufen die gleichen Mechanismen?
Saville:
Ja, was ich meine, ist, dass mir die Idee gefällt, dass ich mit den Arbeiten, an die ich tatsächlich geglaubt habe, wo es nicht ums Geld ging, sondern darum, was da war, dass ich dafür eine Art Payback kriege. Und vielleicht kann ich ein paar Stühle davon in der Zukunft kaufen oder eben ein Zuhause, wenn ich mal wirklich alt bin.

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Elektronische Lebensaspekte.