Der meditative Aspekt von Dubstep
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 120


Bass ist der Fetisch elektronischer Musik. Das galt für LFO, die Anfang der Neunziger reihenweise Tieftöner mit sattem Subbass zum Bersten brachten, und das gilt natürlich auch für die Dubstep-Fraktion. Nicht umsonst ist der Leitspruch der legendären und immer noch Maßstäbe setzenden Londoner Dubstep-Party ”FWD“ ”Meditate on Bassweight!“.

Knappe 150 Kilometer weiter in Bristol kann auch Tom Ford aka Peverelist dem Motto der monatlichen Bass-Andacht im Dubstep-Epizentrum London eine Menge abgewinnen. ”Der meditative Aspekt von Dubstep spricht mich sehr an. Ich verliere mich gerne in Musik. Eingeschlossen vom Bass und den Stimmungen, die das mitbringt. Es ist, als ob man die Zeit für einen Moment anhält. Es ist nicht einfach, vor allem auf einer Party, wo von den Tunes, die gespielt werden, bis zur Location alles stimmen muss. Aber wenn es klappt, dann ist es magisch.“

Seit knapp zwei Jahren betreibt Tom das Dubstep-Label Punch Drunk Records und veröffentlicht selber unter dem Namen Peverelist. Tracks, in denen die erdige Wucht tiefer gelegter Basslines mit der Flüchtigkeit introvertierter Melodien verschmilzt. Der Weg dorthin führte wie wahrscheinlich bei einem hohen Prozentsatz der momentan aktiven Twentysomethings, die den musikalischen Ton in der Dubstep-Szene angeben, über die Stationen Dub, Jungle, UK Garage und Grime. Subbass-Futurismus nennt Tom diese Traditionslinie. Das Vermächtnis der Soundsystem-Kultur auf der Insel. Ein Vermächtnis, das die Dubstep-Szene als jüngster Sprössling mit kreativem Elan und Basswucht verwaltet. Bis sie die Fackel irgendwann an die nächste Bass und Synkopen liebende Generation weiterreichen wird.

Bristol-Nerd

Seit zehn Jahren lebt Tom, der an der Ostküste Englands geboren und aufgewachsen ist, in Bristol. Zeit genug, um einen ausgeprägten Lokalpatriotismus zu entwickeln. Denn Dubstep, das ist natürlich auch die immer währende Wiederaufführung der Gegensätzlichkeit von Kleinstadt und Metropole, von Peripherie und Zentrum. Das war zu den Hochzeiten von Drum and Bass, von Full Cycle und V-Recordings so, und das ist heute noch so. Als erstes war Dubstep, wie die meisten seiner Vorgänger, ein ”London Thing“. Heute gehen mit DJ Pinchs Tectonic und eben Punch Drunk Love auch von Bristol wichtige Impulse aus. DJ Pinch war es auch, der Tom, der damals in einem Plattenladen arbeitete, die ersten Dubstep-Tracks aus London vorspielte. Und kurz darauf auch die ersten eigenen Beats. Ein Aha-Erlebnis für Tom: ”Ich hab zu Jungle-Zeiten schon kurze Loops gebastelt, habe das aber nie ernst genommen. Erst als Pinch mir seinen Kram vorspielte, hab ich mich wieder an den Rechner gesetzt, um eigene Tracks zu produzieren.“

Während Dubstep in Deutschland, trotz des letztjährigen Hypes, vor allem Club-technisch immer noch ein latent nerdiges Schattendasein fristet, sieht das im Mutterland von Dubstep nicht nur dank der fortschrittlicheren Radiolandschaft selbstredend anders aus. Aber Tom erinnert sich noch daran, wie es vor nicht allzu langer Zeit war. ”Bis vor ein paar Jahren war Dubstep eine äußerst nerdige Underground-Sache. Das hat sich mittlerweile geändert. Aber hey, ich bin einer dieser Nerds. Wenn du feststellst, dass du Platten an der Katalognummer erkennst, dann weißt du, dass du in Schwierigkeiten bist.“
http://www.myspace.com/punchdrunkrecords

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.