Die Visuals der Pfadfinder und die Musik von Modeselektor gehören zusammen, live schon lange, jetzt auch auf DVD. "Labland" zeigt die Idee der "Visual Music" auf der synergetischen Spitze rauher Energie.
Text: jan rikus hillmann aus De:Bug 89

Pfadfinderei / State of the Lab

Mittags angetreten zum Interview im Pfadfinderei-Büro in Berlin-Mitte. Es redet keiner, denn alle Anwesenden löffeln kreative Ursuppe. Genau, Eintopf. Hier bestimmt das Miteinander das Ganze, jeder ist eine Zutat, die wohl dosiert im Miteinander des Designerkollektivs das Ganze nährt, aber dabei den individuellen Geschmack behält. Zerkochen ausgeschlossen. Hier ist jeder für sich eine ordentliche Portion, lötet mal Herd und Töpfe, kocht wie alle anderen auch nur mit Wasser und beherrscht sein Handwerk. So aufgestellt entfaltet man Aroma und macht es sämig: Als Kollektiv von Grafik-, Motion-Designern und VJs, zum Teil in Personalunion, sind die Pfadfinder weit mehr als Formgeber: Die Pfadinder prägen. Und sie können nicht anders. Denn wer leidenschaftlich arbeitet, arbeitet auch immer für sich selbst. Der Auftrag ist der Antrieb, der Anspruch aber immer der eigene. Die Latte hängt man sich selbst am höchsten. Und so kommt es, dass Arbeiten wie z.B. das Labeldesign für Bpitch Control eine Doppelidentität entwickeln: Jeder sieht und hört Bpitch Control, alle sehen Pfadfinderei. Mehr Identität geht nicht, sollte man meinen. Nach diesem Selbstverständnis gefragt, klärt sich die Schnittmenge vom Arbeitsethos zwischen Kunst und Kommerz. Die Gruppe spricht: “Wir sind eine richtige Designagentur, wir teilen die Jobs auf und besprechen Projekte zusammen am großen Tisch. Wir haben natürlich auch unser tägliches kommerzielles Business: Konzeptentwicklung, Corporate Design, Marken-Installationen, Leit- und Infosysteme, CD-Rom-Produktionen. Natürlich denken und funktionieren wir kundenorientiert. Doch wir leben als Agentur den Hybrid aus Kultur und Kommerz. Wir brauchen Spielplätze, die uns Energie geben. Hier können wir individuelle Stärken ausspielen, künstlerische Wege gehen und unsere Definition von und Herausforderung an Design, künstlerisch und kommerziell zu arbeiten, verbinden. Das ist mehr als eine Perspektive, das ist unser essentielles Bedürfnis. Diese spielerische Erfahrungswelt müssen wir behalten, sonst könnten wir die kommerziellen Konzepte für unsere Projekte nicht bedienen. Viele Auftraggeber kommen wegen unseres Stiles zu uns. Um das zu erreichen, musst du aber erst mal deinen eigenen Stil definieren. Wahrscheinlich definieren wir den nur so gut, weil wir uns nach 20 Uhr auch noch mit Gestaltung beschäftigen, aber eben auf eine freiere Art. Wir wollen auf ungewöhnliche Art kommerzielles Business machen und uns Perspektiven schaffen.” Soweit die Methode, jetzt die Essenz: Die Pfadfinderei gestaltet nicht universell. Sie ist ein Universum. Dieser Erfolg raffiniert Idealismus wohl zur Leidenschaft. Sie sind ihr eigenes Rezept.

Wer saufen kann, kann auch arbeiten …
Die Pfadfinder sind Rocker. Und Macher. Schon von Anfang an haben sie als VJs die Dinge (sprich Parties) in die eigene Hand genommen. Über Jahre probierten sie wöchentlich in ihrem Labland aus, was ein korrekter Rave-Pit neben Musik noch so alles braucht. Mit rundum-projezierten und live verwobenen Motiongrafics und überlagernden visuellen Ebenen wurde der Party-Raum weiter definiert. Endlich wurden die optischen Ebenen eingezogen, die die Musik verlangte. Die Musik wurde in dieser Gleichzeitigkeit besser sichtbar. “Wir nennen es nicht mehr VJing, wir nennen es Visual Music. Wir lassen Musik und Bild zur gleichen Zeit in einem Raum passieren. Das Auge des Besuchers sollte im Labland wie auf einer Entdeckungsreise wandern. Alles hatte dort seinen Platz, es war eine komplette Landschaft. Und es war mehr Entertainment. Es war ein laboratives Zusammenarbeiten und zugleich unsere öffentliche Plattform.”

Erst Club, jetzt DVD
Dieses Labor hat man nun verlagert. Mit den Ravebuddies von Modeselektor, ebenfalls Labland-Urzellen und etwa in Klangfarbe und Roughness ihr musikalisches Pendant, entstanden Idee und Konzept zur einer gemeinsamen DVD: Visual Music, ein DVD-Konzeptalbum, wenn man so will. “Die DVD sollte ein Statement sein, das die letzten 6 Jahre unserer ästhetischen Entwicklung in einem visuellen Punkt kulminieren lässt. Eine Gleichstellung von Musik und Visuals, aber mit der spontanen Qualität unserer Livemixe. Wir wollten Inhalt schaffen, eine Story, zusammen mit der Musik eine Dramaturgie entwickeln, es als Werk fixieren und somit eine längere Gültigkeit konservieren. Etwas, was den Abend überlebt und trotzdem cooles Entertainment ist. Ein Bote für VJ- Kultur. Kein Kurzfilm-Album, keine Musikclip-Sammlung, ein DeLuxe Musikalbum.” So schlug man also ganz pfadfindermäßig zusammen mit Modeselektor ein zehntägiges Camp am Stettiner Haff auf. Pfadfinder ein Haus, Modeselektor ein Haus, Ablenkung nur gegenseitig im dualen Session-System. Als Grundstory einigt man sich auf eine Basisstruktur von 10 Tracks, die den thematischen Spannungsbogen eines Tagesablaufes vom Morgen bis zur Nacht skizziert, und stimmte sich stetig ab, um das Ganze nun auch wirklich richtig zu erzählen. So folgt enges und vertrautes interdisziplinäres Türenöffnen und -schließen auf interaktives Produzieren, Analogien suchen und visuelle wie klangliche Entsprechnungen und Eingebungen finden. “Wir haben das Werkeln von der Audiogruppe immer gefühlt und gehört. Täglich brachten die Modeselektoren neue Entwürfe für die Tracks.” Dazu die Selektoren: “Wir haben da einen totalen Arbeitsrappel bekommen und nonstop das Soundgerüst fertig gemacht. Dabei haben wir darauf geachtet, dass sich die Tracks etwas zurücknehmen und den Visuals mehr Raum geben. Es war wie Musik machen nach Zahlen, nur, dass wir die Zahlen zusammen definiert haben. Ein neuer Weg, wir haben für etwas Musik gemacht und nicht nur für uns. Und während die Pfadfinder noch an ihren Fetplatten rumgelötet haben, hatten wir schon den dritten Track fertig.”
Pfadfinder: “Wir wollten unbedingt den spontanen Charakter beibehalten. Die Produktion war deswegen wie ein Livemix: Erst haben wir vorproduzierte Visual-Module ausgewählt, sie dann geclustert und in Abstimmung mit Modeselektor der Musik zugeordnet und dann zur Musik gemixt. Der VJ-Mix wurde fast ungeschnitten live eingespielt und wir mussten einige Mix-Fehler zulassen. Es wurde wie eine moderne DJ-Mix-CD gemixt. 3-4 mal durchmixen und die besten Teile miteinander kombinieren. Dennoch sind es Skizzen und Skribbels. Es ist roh, fast grobschlächtig, kein High End. Der Fehler ist essentiell in unserer Arbeit und ganz wesentlich im Mix war, dass die Sachen auch mal nicht direkt auf dem Takt sitzen. Allerdings haben wir, um unseren Live-Mix-Charakter auf DVD-Qualität zu pushen, eine spezielle Mix-Software entwickelt.”
Das Ganze dann logischerweise wieder Labland zu nennen, fiel ihnen übrigens erst am Ende ein.

Ist Labland Jungsland?
Wer die Pfadfinderei von ihren Live-Gigs kennt, wird von der DVD nicht überrascht sein. Sie ist und bleibt in ihrer spontanen, auf den Sound synchronisierten CutUp-Kombination von maskierten Realbild-, Video- und Grafikelementen ein Fazit einer Zeit, die sich hier remixt, ist Dokumentation und Statement. Mehr will und kann sie nicht sein. Das extrem homogene und abgestimmte Zusammenspiel von Visuals und Sound wird lange einzigartig bleiben. Mögen auch die visuellen Analogien zum roughen Elektronika-Techno-Sound der Modeselektoren manchem etwas zu jungsmäßig rüberkommen, so wird dies durch den Jam-Session-Charakter vollends ausgeglichen. Und wer das Ding einmal auf Dolby 5.1 Sourround Sound gehört hat, legt es nicht mehr weg. Man merkt, dass hier Freunde am Werk waren, die ihre Jugend nicht verschwenden.

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Elektronische Lebensaspekte.