Phantogram haben ein Album aufgenommen, auf das sich diesen Herbst alle einigen werden. Ihr Debut ist eklektisch, urban und traumhaft schön.
Text: Christian Blumberg aus De:Bug 135

Phontogramm

Würde man eine Linie ziehen von New York aus nach Norden und eine zweite Linie von Boston aus nach Westen, dann träfen sie sich kurz vor “Saratoga Springs”, einer Kleinstadt im von Landwirtschaft geprägten Osten des Bundesstaats New York. Und sie ist wirklich sehr klein: Gleich um die Ecke liegt der “Lake Lonely” – das war es dann aber auch schon.

Hier lernen sich Sarah und Josh kennen. In der Schule, wo sie ständig Musik austauschen. Am liebsten HipHop und Shoegaze und Soul und französischen Jazz – also eigentlich alles. Folgerichtig wird eine Band gegründet, die lange “Charly Everywhere” heißt, ein Name, den die beiden aber irgendwann blöd finden. Nun heißt man Phantogram.

Ein Phantogram ist ein zweidimensionales Bild, auf dem ein Motiv derart gedoppelt abgebildet ist, dass es durch eine 3D-Brille dreidimensional erscheint. Eine Täuschung. Genau so, erklärt die Band, soll ihre Musik auch funktionieren: maximale Wall of Sound, generiert von lediglich zwei Musikern. Aber immer unter den Vorzeichen von Pop, denn “Eyelid Movies”, ihr Debüt, ist in erster Linie ein Popalbum – ein klanggewaltiges, aber auch ein sehr zartes.

Sicher eines der schönsten, die einem diesen Herbst begegnen werden. Im Fundament ist es HipHop. Gut abgehangen sorgt die MPC für die nötige Physis. Darüber aber wird es intensiver. Da werden filigrane Gitarren verwoben, Synthies geschichtet und irgendwo dazwischen schwebt, leicht entrückt, der Gesang. Referenzen? Man könnte so viele aufzählen, dass man es besser gleich bleiben lässt.

Phantogramm_2

Phantogram bedienen sich ausgiebig im großen Pop-Supermarkt und verarbeiten die Ausbeute zu bittersüßen Songs. Die sind immer eingängig, aber mit kleinen Widerhaken gespickt und nie vollständig zu fassen: Tagträume: Hypnose-Pop.
Das psychedelische Moment, das in Phantograms Musik immer mitschwingt, hat seinen Ursprung in der Art und Weise, wie die Band arbeitet. Sarah erzählt, dass der Ausgangspunkt eines Phantogram-Songs meistens visuelle Vorstellungen sind: Das berühmte Kopfkino soll zum Song werden, was man ja durchaus einen psychedelischen Ansatz nennen kann. Aber um jedem falschen Eindruck vorzubeugen: Phantogram sind alles andere als versponnene Hippies, sondern zwei ziemlich aufgeräumte und überaus freundliche Menschen. Mit einem Faible fürs Ländliche.

Das Leben in den Metropolen haben sie mal ausprobiert, sind aber nach einem kurzen New Yorker Intermezzo zurück nach Saratoga gezogen. Anschließend wurde noch ein paar Meilen weiter draußen eine alte ungenutzte Scheune angemietet und zum Studio umgebaut. Dort verbringen sie ganze Nächte, basteln Sounds, machen Field Recordings und haben anstatt gestörter Nachbarn die ganze Welt für sich.

Vermutlich ist es also ein echtes Idyll, in dem Phantogram ihre Musik schreiben. Die findet den größten Anklang freilich in den Städten. Ein Umstand, der Phantogram im Oktober nun auch nach Europa führen wird. Ein Konzertbesuch sei dem geneigten Leser da dringend ans Herz gelegt.

myspace.com/phantogram

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.