Thies Mynther und Dirk von Lowtzow spüren mit dem Projekt "Phantom Ghost" ihrem satanischen Selbst nach. Back in the dark, wie wir es Anfang der 80er auf unseren Jeanskutten neben dem Sticker der italienischen Progrocker "Goblin" stehen hatten.
Text: verena dauerer | vdauerer@t-online.de aus De:Bug 52

elektronika

Geister, die ich rief
Phantom Ghost

Angestaubt klingen sie, die moderigen Geister, und machen auf der Party um Punkt zwölf ein zappendusteres Gesicht. Dabei waren alle ganz vergnügt bei “Electronic Alcatraz”, dem ersten Track des Debütalbums “/” von Phantom Ghost: opernhafte Rockkompositionen mit “ballerigen” (Thies Mynther) Beats und mitunter Quietschesynthies von Thies und dem deutschen Gesang von Dirk von Lowtzow. Was nagt denn nun an ihnen, dass sie mitten auf der Tanzfläche erstarren, von oben auf sich runterschauen und die Zeit zur Selbstreflektion verlangsamen? Es ist die melancholische Gewissheit, dass morgen früh alles vorbei ist und sie im ersten Sonnenlicht zerfallen werden. Ein zartbitterer Vergänglichkeitschmerz legt sich über das romantisierte Bild vom Club. Das nagt auch an den Vampiren in der dunklen Ecke. Die finden sich ein im “Referenzuniversum” von Thies und Dirk, in italienischer Horrorfilmdüsternis der 70er Jahre von Dario Argento (“Suspiria”, “Opera”). Aus der werden als Transferleistung musikalische Skizzen mit dem Song als Ausgangspunkt angelegt, also konzeptlastig ausgefeilte Arrangements mit einer Klammer vorne und hinten mit Bedacht zusammengefügt. Alternativ kommt Progrock dazu, wie man am Sci-Fi-Kunstcover der K.O.O.K-LP von Tocotronic sehen kann. Phantom Ghost nehmen Nicolas Roeg und dessen Film “Performance” her, aus dem sie ein Rolling Stones-Stück gecovert haben. Thies findet dort die Schnittpunkte der Themenkreise des Projekts, der Film sei “drogenverseucht, leicht okkult, verschlungen angelegt und die beiden Hauptcharaktere verschmelzen miteinander”.
Klar zu verorten möchten sich die beiden ebensowenig und liebäugeln lieber kokett mit ihrer Identität, wenn sie auf Fotos nur verschwommen oder verwischt erkennbar sind. Ihre Namen haben sie aber im Booklet nicht versteckt. Thies erklärt: “Wir sind zu stolz auf unsere Geschichtlichkeit, es macht Spass sich zu präsentieren und damit zu spielen. Das war ein Grund, es nicht anonym zu machen. Abgesehen davon hätte man Dirks Stimme erkannt. Die Musik hat Gesichte, nicht Gesichter, die von uns geschaffen sind. Gesichte ist ein altes Wort, so wie Schemen, Visionen. Wie in Kubrick’s ‘The Shining’. Wir müssen uns nicht dahinter verstecken, weil es sich im elektronischen Rahmen verortet und nicht im Rockkontext. So viel Performatives ist drin, dass es Sinn macht, sich zu zeigen.” Performanz oder Performance? Egal.
Als Hamburger Duo müssen sie sich zumindest einen Verweis auf ihre Herkunft gefallen lassen. Die heißt bei Dirk Tocotronic und bei Thies unter anderem Stella, Superpunk und Platinum Flavour mit Erobique und bewegt sich ungefähr im Dreieck Post-Punkrock, Glampop und Partykracher-House. Damit könnte man ihnen wenigstens eine rockige Haltung unterstellen. Oder nicht? “Wir nehmen Bezug auf den Flirt der Rockmusik mit dem Satanismus von 1968 bis 1975, bevor er zur Pose erstarrt ist. Insofern sind Rockgesten drin. Wir gehen nicht gegen unsere eigene Geschichte an,” sagt Thies. Das bedeutet einen Haufen an Zitaten zum drin Graben für die Spezialisten und der Rest versteht wieder gar nix. Aber, so Thies: “Die Verweise muss der Hörer nicht unbedingt dekodieren. Die Platte ist so annäherbar, dass man die multiplen Layer, die mitgedacht wurden, nicht unbedingt von Hörbedeutung sind. Sie bestehen als Lesangebot. Es muß ein Oberfläche geben, die ohne die recht spezielle Bildung zugänglich ist.” Doch was für die Kopfnickerfraktion, die sich schon immer mal wie das Phantom der Oper in der Disko fühlen wollte.

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Elektronische Lebensaspekte.