Mit "Thrown Out of Drama School" wagt sich das Projekt von Tocotronics Dirk von Lowtzow und Thies Mynther auf die dünnen Bretter des Revuetheaters.
Text: Anne Waak aus De:Bug 131


Zunächst erklingt eine einfache, einhändige Klaviermelodie, zu der erst nach und nach Akkorde und Dirk von Lowtzows akzentuiert-huldvolle Stimme hinzukommen: ”We stand behind the curtain closed/Considering our fate/Wondering which way we chose/ Onward, light brigade.“

Da stehen zwei auf einer Bühne hinter dem noch geschlossenen Vorhang, warten auf ihren Auftritt und wissen selbst nicht so recht, ob das gleich alles gut gehen wird. So beginnt das aktuelle Werk von Phantom Ghost, dem gemeinsamen Projekt von Dirk von Lowtzow und Thies Mynther.

Der Titel des Eröffnungsstückes ”Charge Of A Light Brigade“ ist dem Schlachtengedicht des viktorianischen Schriftstellers Alfred Terryson entlehnt. Dirk von Lowtzow: ”Das Stück ist eine klassische Aneignung. Man nimmt eine Zeile als Titel und baut da einen eigenen Text herum. So bastelt man sich das zurecht.“

Nach Verklingen des letzten Tons ist ein tiefer Seufzer zu vernehmen, eine hörbar theatralische Geste. Das Probieren von Haltungen, das sich in Pose werfen und die Aneignung von Rollen stellen seit jeher das Konzept von Phantom Ghost dar. Das erste selbst betitelte Album war von italienischen Horrorfilmen inspiriert, ”To Damascus“ von der Beschäftigung mit Yves Saint Laurent und Lawrence von Arabien, ”Three“ behandelte Folkmusic und Hexerei.

Nun, beim vierten Album, stellt die Bühne das konzeptuelle Setting bereit und Phantom Ghost werden somit selbstreferentiell. Ob es sich um die Bretter einer Schauspielschule, eines Operettenhauses, eines Revuetheaters handelt oder um die ebenerdige Aufstellung von Pianist und Sänger eines Liederabends – die Showhaftigkeit einer Unterhaltungsveranstaltung ist es, die jedes einzelne Stück auf ”Thrown Out Of Drama School“ bestimmt.

”Wir versuchen schon immer, uns ein Überthema zu setzten, zu dem wir dann ein bisschen arbeiten. Wir sind weniger eine Band als eine Forschungsgruppe. Insofern hat das Ganze immer etwas Essayistisches. Thies hat sich ganz ausführlich mit Klavierauszügen von Musicals beschäftigt und das alles durchgespielt und analysiert. Auf einer theoretischen Ebene ging es zum Beispiel um die Queerness von Operette.“

Keine Elektronik
Das Dogma der neuen Platte. Die einzigen zugelassenen musikalischen Mittel hießen Gesang, Klavier und Klänge, die durch Präparieren des Instrumentes entstehen. Das Album ist voller wunderbarer, entweder besonders heiterer oder düster-melodiöser Lieder im Sinne der Schumann’schen Romantik. Im Verbund mit Dirk von Lowtzows die Grenzen ihres Umfangs austestender Stimme spielt Thies Mynther die Möglichkeiten des Klaviers durch: von der Kinderlied-Klimperei bis zum Klopfen auf den Korpus des Instrumentes, der Andeutung eines Beats.

phfff

Anders als etwa bei Gonzales’ ”Solo Piano“ taugt ”Thrown Out of Drama School“ kaum als dezente Momente-Möblierung. Die Stücke sind zu exaltiert und überbordend, als dass sie sich im Hintergrund halten könnten. Das vernehmbare Klacken und Knispern der Klaviertasten und -pedale verweist dabei von Zeit zu Zeit auf die analoge Aufnahme. Doch statt Authentizität zu suggerieren, wird so der Eindruck des Theatralischen, des Im-Theater-Seins nur verstärkt. Ganz klar, hier arbeiten zwei mit der ganzen Kraft ihrer Kopfstimme und Klavierkünste an der Vermeidung von Authentizität.

”Das Gute an Formen wie Musical oder Operette ist“, so Dirk von Lowtzow, ”dass es da nicht um Belästigung geht, sondern um Entertainment. Und darin stecken ganz oft profunde Weisheiten, die viel mehr wert sind, als wenn jemand erzählt, der Song handelt jetzt von mir selbst, wenn ich nachts besoffen bin. Damit belästigt man Leute. Bei Bandkonzepten geht es ja um alles, nur nicht das pure Selbst.“

Das Queerness-Interesse von Phantom Ghost entspringt dabei aber erklärtermaßen ihrem persönlichen Geschmack. Die zeitweise Aneignung, das Überstreifen und Spazierentragen von campen Haltungen und dandyesken Posen ist sicherlich der am besten geeignete Modus zur Vermeidung eines erdigen Echtheitseindrucks.

Ein anderer ist die illustre Zusammenstellung des Personals, das Phantom Ghosts Revuebühne diesmal nacheinander bespielt: ein drogenerleuchteter Marrokko-Reisender der 60er-Jahre, ein schwules Trash-Pop-Duo der Neunziger, der Schauspieler Rupert Everett. ”Man vergisst ziemlich schnell, woher man das alles hat, und merkt, gerade wenn man auftritt und die Sachen spielt, wie viel die mit einem selbst zu tun haben“, sagt von Lowtzow. Und apropos Kopfstimme und Klavierkünste:

”Normalerweise wird diese Art von Musik von anders ausgebildeten Leuten gemacht. Man gerät leicht an die Grenzen dessen, was man kann. Auszustellen, dass das Eis, auf dem wir gehen, ziemlich dünn wird, fanden wir spannend. Das ist nicht besonders abgesichert und kann auch schon mal ins leicht Peinliche gehen. Das Peinliche in der Kunst finde ich recht wichtig.“

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.