Jean-Patrice Remillard aus Montreal gehört zu den wenigen Leuten, die schon immer auf Hardware wie auf Netzlabeln zu Hause waren. Inwiefern das zu vergleichen ist und wo die Netzlabelszene derzeit steht, macht er hier klar.
Text: Sebastian Redenz aus De:Bug 94

PHEEK //Eine Schallplatte ist keine Trophäe

Wie war deine Europatour? Hat sie dich auf neue Gedanken gebracht?
PHEEK: Wie jede Tour für jeden Künstler brachte sie gute und nicht so gute Momente mit sich. Club-Business heißt ja oft, dass man mit betrunkenen und etwas merkwürdigen Leuten zu tun hat. Aber wenn man erst mal Fans trifft und die Crowd zur eigenen Musik völlig durchdreht, ist das schnell vergessen.
Zwei Sachen waren für mich sehr wichtig bei der Tour: Ich wollte die Wichtigkeit der Netzlabelszene für die Clubs sehen und herausfinden wie der Status der minimalen Szene ist. Ich war glücklich zu sehen, dass beides sehr etabliert und gesund, aber dennoch klein ist. Das erinnerte mich an meine ersten Ravetage in den frühen 90ern, als elektronische Musik noch etwas Neues war, das wenige kannten. Es war damals schon aufregend, und es war selten, Leute zu treffen, die den gleichen Geschmack hatten. Es war immer auch ein Zelebrieren.
Ich war auch beeindruckt davon, wie viele Leute wegen der Netzlabel auf mich zukamen, denn ich dachte, dass sie mich eher über Minus oder Contexterrior kennen. Netzlabel-Fans sind irgendwie sehr gut informiert und extrem leidenschaftlich hinterher die neusten Releases zu bekommen.

Hast du deinen Sound gefunden? Neulich war es noch sehr harmonische Musik mit vielen Pads, aber die neueren Tracks sind eher trocken und verdreht.
PHEEK: Nicht wirklich. Zur Zeit veröffentliche ich vor allem, was ich für den Archipel Sound halte. Ich möchte definitiv Künstler unterstützen, die ein Problem haben, woanders releast zu werden, weil sie einfach anders klingen. Identität ist für mich ein wichtiger Faktor für ein Release. Es soll aber auch nicht nur experimentell klingen, denn ich liebe ja den Dancefloor. Genau wie Thinner oder Epsilonlab zu klingen, wäre nicht originell und würde auch keinen großen Sinn machen. Meine eigenen Tracks klingen etwas trockener, weil ich für Minus produziert habe, und das hat mich stark verändert. Auch das Feedback von Jay Haze, der sehr fordernd sein kann, hat mich dahin gebracht, stärker an meinen Sounds zu arbeiten und daran etwas Neues zu machen.

Archipel ist eines der aktivsten Netzlabel zur Zeit. Warum brauchtest du Archipel noch, wo du doch auch ein Mitglied von Epsilonlab bist?
PHEEK: Die meisten Netzlabel kann man als reguläre Label beschreiben, die eben einfach in MP3-Form Musik vertreiben. Ich wollte das etwas verkomplizieren. Die erste Idee hinter Archipel war eine Art Samplepack mit Sounds aufzubauen, mit denen unsere Künstler dann Tracks für das Label machen, auch um dem Label einen ganz eigenen Sound zu geben. Es sollte ein Spielplatz werden, der die Sache wieder aufregend macht. Deshalb gibt es z.B. Ideen, eine Compilation zu veröffentlichen mit Tracks, auf denen man nur mit 3 Samples arbeitet. 18 Acts hatte ich dafür gefragt, nur 7 kamen zurück, aber damit war ich glücklich, denn die hatten, nachdem sie über die Frustration hinaus waren, so limitiert zu arbeiten, sehr viel Spaß damit.

Archipel war dieses Jahr als einziges Netzlabel auf dem Mutek-Festival in Montreal vertreten …
PHEEK: Aber es ist nicht das erste. No Type waren schon mal da und in Bezug auf Netzlabel für die Mutek eine Art Türöffner. Wir werden drei Künstler featuren: Jason Corder, DaFluke und mich. Ich bin auch gefragt worden, ob ich an einem Panel über Creative Commons, digitale Distribution aber auch Netzlabel generell teilnehmen kann und bin froh, dabei zu sein, auch um klarzumachen, dass es bei Netzlabeln sehr stark ums Sharen und Promoten geht. Ich mag zwar das Konzept, Musik zu verkaufen, aber mir geht es mehr darum, das Richtige zu tun.
Ich freue mich auch darauf, mit Künstlern zu diskutieren, deren Einstellung Netzlabeln gegenüber ja immer noch oft ist, dass die irgendwie anstößig sind.

Was ist der Unterschied zwischen einem Vinyl- und einem Netzrelease von Archipel?
PHEEK: Der Unterschied ist einfach nur das Format. Da geht es nicht darum, welche Releases besser sind, wie man oft vermutet. 12″ Releases gehen etwas mehr in Richtung Dancefloor und müssen einen starken Hang zu Effekten haben, denn die liebe ich innig. Ich werde wohl auch CDs releasen, vielleicht so vier pro Jahr und mit mehr ambienten Sachen. Wir wollen sie allerdings nicht im großen Rahmen vertreiben, sondern die Distribution dafür online halten. Irgendwie respektiere ich Leute, die Dinge in kleinen Mengen veröffentlichen, denn ich liebe es, selber zu sammeln.

Glaubst du, es gibt eine Gefahr für Archipel, wenn Künstler sehen, dass sie nicht auf das Vinyl kommen?
PHEEK: Künstler, die für irgendwas nicht genommen werden, sind immer etwas enttäuscht. Ich erinnere mich gut, dass ich vor einem Jahr viele Demos losgeschickt habe und quasi kein Feedback darauf bekam. Das machte mich ziemlich depressiv. Aber das ist kein Grund aufzuhören, und wenn man darauf sehr sauer reagiert, produziert man vielleicht auch aus den falschen Gründen. Eine Schallplatte ist keine Trophäe. Es ist ein Weg, mit Kunst zu kommunizieren, und das muss auf die richtige Art und Weise gemacht werden. Die Vinyl Releases werden sich eh hauptsächlich um das Pheek Projekt drehen mit ein paar Tracks von Freunden, also sollte mir für Archipel eh keiner Demos für Vinyl schicken.

Was denkst du über die Netzlabel-Szene zur Zeit, wohin geht sie?
PHEEK: Ich denke, es wird noch wesentlich populärer, als es jetzt ist, und vermutlich wird es eine Überbevölkerung geben, die die ganze Szene in eine schlechte Version der Spät-90er-MP3.com-Seite verwandeln könnte. Wie werden die Leute mit dieser Releaseflut klarkommen? Viel Musik wird wohl ungehört sterben und das erfolgreiche Netzlabel wird sich von den durchschnittlichen wohl vor allem dadurch unterscheiden, wie gut es Promotion für seine Releases macht. So wie es jetzt schon bei den Produzenten ist. Ich hoffe aber, dass Netzlabel zu so etwas wie einem neuen Standard werden und Support von anderen bekommen, oder zumindest die Aufmerksamkeit, die sie verdient haben.

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Elektronische Lebensaspekte.