Seit elf Jahren DJ und Produzent: Der Engländer Phil Asher schaut aber nicht gern formattreu in die Vergangenheit. Erinnert er sich rückblickend doch eher tiefstapelnderweise an Patzer als Triumphe. Er ist durch die Clubschule von Delirium und Ministry of Sound bis West-London gegangen, hat seine Experimentierphase absolviert. Mit seinem neuen Album "Sweet & Sour“ startet Phil Asher als Focus eine neue Zeitrechnung seines Schaffens.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 65

Die Nonchalance des Unbewusstseins
Phil Asher

Es ist sommerlich heiß und Phil Asher in der Stadt. Interviewtermin. Die U-Bahn überfüllt und stickig. Angekommen am vereinbarten Treffpunkt, ein aufmerksamer Zettel mit Verweis zum neuen. Alles flirrend. Sommer kann auch schön sein. Halbmond in Achselhöhe eher nicht. Also wieder durch den Untergrund. Währenddessen hat sich eine Telefonkette von Berlin nach London, zurück nach Berlin gebildet, die aber an einem der Nokia-Geburtsfehler – Wackelakku – scheitert. Ankunft am neuen Ort, Mailbox abhören: Aja. Herzlichen Dank.
Scherze sind in solcher Situation eine sensible Sache. Doch Phil geht in die Vollen: Interview – was für ein Interview? Bilder – ich lass mich nicht fotografieren! Nein – kein Diktiergerät! Britischer Humor? Nein, Aufwärmphase. Dennoch. Medienschelte muss sein: “Seit vier Jahren habe ich kein Interview gemacht. Ich gebe eigentlich keine Interviews, weil ich denke, dass sie nicht zum Fortschritt der Musik beitragen. Ich habe nie einen Interviewer in meinem Club gesehen, der geguckt hat, wie ich auflege. Das ist nie passiert. Die meisten Journalisten in England wollen nur Karriere machen, berühmt werden. Die wollen nur die sogenannten berühmten Leute treffen. Sie kümmern sich nicht darum, was du ihnen erzählst. Es geht nur darum den Platz in den Magazinen zu füllen. Egal, was da steht. Für mich spricht die Musik für sich selbst. Ich mache keine kommerzielle Musik und darum muss ich mich auch nicht kommerziellen Regeln unterwerfen. Jetzt bin ich älter, habe ein Kind und ich muss mehr Geld verdienen. Jetzt muss ich mich selbst promoten. Darum bin ich hier.” Fein. Die Kurve gekriegt. Gut so. Doch dem Family- and Spliffman Phil Asher dürstet nach letzterem. Also fix das Interview gemacht und flux die relevanten Leute um ihn herum angehauen. Ohne Erfolg: “I am a spliff-addict. Thats all I think about: family and spliffs.”

Der erste Gig und 19 Aliases

“Ich denke nicht an die Vergangenheit. Wenn man anfängt aufzulegen, ist man noch nicht so gut. Deshalb ist es nicht so schön, sich daran zu erinnern. Ich warte lieber auf die Zukunft. Die Vergangenheit ist nur ein Schritt in die Zukunft. Ich versuche von meinen Fehlern zu lernen.”
Der Vater des Schulbuben Phil Asher arbeitete in einem Plattenladen, brachte viel Musik nach Hause. Mir nichts dir nichts landeten einige Tonträger in Phils Ranzen und verkauften sich gut bei den Freunden und Mitschülern. Der Vater bekam Wind von der Sache und zog mit dem Sohnemann einen kleinen Plattenstand auf Schultrödelmärkten auf. 1991 dann der erste Phil-Asher-Gig im Delirium. Host des Abends: Noel Watson. Als der mal für kleine Jungs musste, ergriff Phil die Chance, dropte eine Platte. Und schwups kamen die Angebote, bei Garage City, Off Centre, Angels of Love and Ministry of Sound die Platten zu drehen. Folgend der Schritt zu produzieren. Inzwischen sind es 19 verschiedene Aliases: “Restless Soul ist der wichtigste Name. Focus, Woolph, Electric Soul – ich kann mich nicht mal an alle Namen erinnern. Aber das ist alles unter der großen Fahne von Restless Soul.” Den stilistischen Wandel und die sich wandelnden Einflüsse über Funk, Soul, Jazz, Latin, Afro, Brazil, House, Hiphop, RnB, Broken Beat, etc verneint Mr. Asher, bzw. ist es ihm so egal wie der Unterschied zwischen 19 und 25 Pseudonymen. Ihm ging und geht es um soulfule Musik: “Ich habe immer soulfule, vokalbeeinflusste Musik gespielt und mache das immer noch, aber in verschiedenen Verkleidungen. Es ist immer noch das Gleiche, aber mit modernisierten Methoden.”
Und wieso müssen es 19 Aliases sein? Reicht nicht auch ganz banal die Hälfte oder ein Drittel?
“Wieso nicht? Ich mache das nicht kalkuliert, eher unbewusst. Das Label, das Plattenlabel oder das Label der Musik ist nicht wichtig. Ich will nur Musik machen. Der Name ist egal. Es ist ganz einfach. Am Morgen aufstehen, mit meinem Sohn spielen, meine Frau sehen. Dann ins Studio gehen. Es ist ein Job. Aber es ist ein Job, den ich liebe. Und hundert Prozent meines Herzens sind dabei. Es ist eine Art von Freiheit. Die Leute können dich nicht ausmachen, wenn du ein Alias benutzt. Und ich kann einfach Musik machen, wie ich es möchte. Ob es nun House oder Broken Beats sind. Es ist dieses eklektische London-Ding. Ich bin einfach froh, die verschiedenen Dinge auszuprobieren. Ich will nicht irgendjemand sein. Oder versuchen der Leader zu sein, oder ein Soldat. Es geht nicht darum berühmt zu werden, sondern einfach die Dinge tun, die zu tun sind, ein großes Spektrum an Musik erreichen. Und gucken, was dabei herauskommt.”
So umschreibt er seine elf Jahre währende Experimentierphase. Und was nun?
“Was ich jetzt nach den 11 Jahren Musikmachen denke, ist, dass meine experimentelle Phase vorüber ist. Die Zeit also, in der du lernst, welche Instrumente, welches Equipment du nutzt, was du selber willst, was dein Herz dir sagt und was dein Kopf. Und was du ausdrücken willst. Das ist vorbei für mich. Ich will mich jetzt darauf konzentrieren Tracks zu machen, die ihren jeweiligen Stil definieren. Beim Focus-Album definiert jeder Track für mich seine Stilistik. Die Tracks sind alle anders. Das verbindende Element ist, dass sie von mir gemacht wurden. Ich bin nicht einer der Produzenten, die groundbreaking unbedingt zwei Dinge zusammenbringen möchten, die eigentlich nicht zusammen passen. Das machen Leute wie Peter Gabriel schon seit Jahren.”

Niedlich und überrascht

Nonchalance ist, was Phil Asher auszeichnet. Aber nicht als Pose, sondern als stete unbewusste Herangehensweise. Die selbstauferlegten Regeln dienen allein dazu Balance zu halten, die Herkunft nicht zu leugnen, das Lernen nicht aufzugeben. Darum ist “Sweet & Sour“ ein Scheidepunkt im Asher-Schaffen. “Immer wenn ich ein Album mache, muss es von der Stimmung her ausbalanciert sein. Darum habe ich das Focus-Album auch ‘Sweet & Sour’ genannt. Es ist ein bisschen wie Ying und Yang, ohne den Ausdruck zu nutzen. Es geht um die Balance. Die Focus-Idee ist, sich auf etwas zu konzentrieren, was ich schon lange oder noch nie gemacht habe. Ich lerne einfach jeden Tag und habe das Gefühl, noch nicht genug gelernt zu haben.” Mit anderen Worten repräsentiert die süße Seite des Albums ein wohltemperiertes Maß an unaufdringlicher Niedlichkeit. Während die saure Seite die freudige Überraschung in sich trägt, beim barfüßigen Gang durch eine Wiese eine Taub- statt eine Brennnessel berührt zu haben. Phil war in der ersten Jahreshälfte ungewöhnlich angespannt und nervös, wenn man ihn auf sein Focus-Projekt ansprach. Warum das so ist, erklärt sich beim Hören nicht, ist das Album doch ein entspannter Gang durch die Jahrzehnte der Samplequellen, das mit einem Missy-Verweis endet. Die nächsten Herausforderungen warten auch schon in der berüchtigten Lade: Nathan-Haines-Album für Chilli Funk, Album mit Earl Zinger, Restless-Soul-Label starten, eigenes Eurasia-Label aufbauen. Und gerade auf der Loungin-Collaborations-Tour von Jesse und Chris (danke für die Telefonkette) sein: mit Attica Blues, Modaji, Intega, Jimpster, Shur-I-Kan, Alex Attias, Slope, Kaidi Tatham (live), Orin Walter, Seiji, Daz-I-Kue, Micatone, Atomhockey, etc.
Was bleibt zum Vorschluss? Das: “It was a great interview. And a great photographer. Actually I should like photographers and journalists now.” Naja, kann man auch streichen.

Der Schlüssel und der Efeu

Auf den offiziellen folgt – wie kann es anders sein – der inoffizielle Teil. Und dabei muss man sich diese Situation vorstellen: Auf der Suche nach dem ersten Spliff landet Phil mit Deep-House-DJ-Produzenten-Buddy, Ex-Hiphop-Produzenten, der immer für einen guten Break zu haben ist, und Verfasser vor der Haustür eines Berliner Label- und Bookingmanns. Genau dort, wo der Zettel hang. Der Schlüssel solle im Efeu stecken. Kurz und gut, die Kletterpflanze wird einer Körperkontrolle unterzogen. Jedes Blatt dreimal gewendet. Nichts! Wieder und wieder prüfen die Herren das Geflecht, bis ein unbedeutend erscheinender Briefkastenschlüssel auf dem Pflaster klimpert. Hm. Passt ja wohl nicht in die metallene Haustür. Doch dann, denk, denk, den Gesichtern sieht man das rattern der Relais an: Die rettende Idee: Der Briefkastenschlüssel muss ja einen Briefkasten öffnen. Et voila. Da ist der Schlüssel schon. Auf geht es in die geschmackssicher eingerichtete Wohnung, die den Herren die Kinnlade gen Erdkern fallen lässt – bis angerichtet ist. Was für ein Tag.

Jetzt draussen:
Phil Asher – Sweet & Sour (Versatile)
Jazz in The House 11 – Mixed by Phil Asher (Slip´n´Slide)

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Elektronische Lebensaspekte.