Es gibt nur eine Lieblingsband aus Frankreich und das sind Phoenix, die mit ihrem vierten Album "Wolfgang Amadeus Phoenix" sich auf die Expedition der europäischen Mythologie machen.
Text: Ji-Hun Kim & Jan Joswig aus De:Bug 132


Es gibt nur eine Lieblingsband aus Frankreich und das sind Phoenix, die mit ihrem vierten Album “Wolfgang Amadeus Phoenix” sich auf die Expedition der europäischen Mythologie machen. Dabei ist scheinbar mehr Assozationsmaterial entstanden, als jede Kunst-Diplomarbeit erlaubt. Sänger Thomas Mars und Gitarrist Laurent “Branco” Brancowitz über Eleganz, die Farbe Gelb, Hypotenusen und Symmetrie.

De:Bug: Wir vermissen ein bisschen das Saxophon aus United.

Branco: Der schönste Pfad, den man betritt, ist doch immer der des größten Widerstands.

Thomas: Es ist wie mit der Farbe Gelb in der Kunst. Gelb ist die ungeschminkteste und verpönteste Farbe in der Kunst. So ist es mit dem Saxophon in der Musik, vielleicht ist es das gelbe Problem. So wie im Studio, wenn man stereo arbeitet. Im Studio gibt es zwei Typen von Musikern. Die einen, die immer die perfekte Balance suchen und die andern, die nur On oder Off kennen. Wir haben uns in diese Richtung entwickelt. So ist es einfacher, sich mit den wichtigen Dingen auseinanderzusetzen.

De:Bug: Bei euerm Album handelt ihr einen großen Referenzkatalog in Richtung klassische Musik ab. Wenn man sich Franz Liszts Biographie anschaut, dann ist interessant, dass er nicht nur vielleicht der erste “Rockstar” unter den klassischen Komponisten gewesen ist, auch hatte er seine Blütezeit in Paris hauptsächlich mit MashUps von Opernstücken oder Klavieradaptionen von Haydn und Händel, also gar nicht seinen eigenen Werken.

Thomas: Zuerst mag ich klassische Klaviermusik, aber natürlich ist es schwierig in direkter Verbindung dazu zu stehen. Obwohl ich denke, dass es ein bisschen wie das Lesen einer Biographie sein kann, wo man romantisch aufgeladen große Erfahrungen miterlebt, so wie beim Leben von Liszt. Es ist abstrakt, aber was wir daran mögen ist das Dekadente und das Waghalsige jener Zeit.

Branco: Wenn man sich die Rock’n’Roll-Mythologie anguckt, hat sie immer ihren Bezug auf das Mississippi-Delta. Wir wollten so etwas wie eine eigene europäische Mythologie. Wir haben keine Wurzeln im Mississippi-Delta, oder eine Liebe für dicke Buicks. Die Struktur des Deltas sind bei uns die Gärten von Versailles. Es ist ja unser Leben.

De:Bug: Aber kennt ihr den Ken-Russel-Film Lisztomania?

Thomas: Ja, aber trotz der Idee, dass es sich um eine moderne Interpretation handelte, mochte ich den Film nicht wirklich. OK, Roger Daltrey spielt Liszt, aber abgesehen davon finde ich den Streifen ziemlich unelegant. Es ist nicht der beste Film. So wie Brazil. Diese Filme haben zwar diese englische Monty-Python-Qualität, dieses Überzogene kann mal nett sein, aber im Flugzeug wäre das nichts für mich.

De:Bug: Eure Texte sind dennoch nicht wirklich historisch, dafür weiterhin sehr kryptisch.

Branco: Aber da sind wir ja nicht die Einzigen. Es mag in der Fantasie vieler Musiker liegen, in den Texten kryptisch zu sein. Aber auch bei Mozart- und Bach-Partituren findet man schon solche Passagen. Wie die Tonfolge B-A-C-H bei Bachkompositionen. Wir haben in der langen Zeit im Studio schon versucht, viele Schichten unterzubringen. Es gibt da ein Gemälde, das ich besonders mag, weil da die ganzen Schichten nur an den Kanten des Gemäldes zu finden sind, man bildet etwas ab, was gar nicht existiert. Es ist ein Versprechen und kein Bild. Ich hoffe, dass unsere Musik ganz ähnlich funktioniert. Dass man an den Rändern sieht, wie viel Arbeit dahinter steckt, dass an den Kanten dick aufgetragen wurde.

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De:Bug: Mit 1901 ist also ein vages Gefühl umschrieben und kein spezielles Ereignis in der Geschichte.

Thomas: Gewissermaßen ist es eine Fantasie über Paris zu seiner besten Zeit.

De:Bug: Aber zu der Zeit habt ihr nicht gelebt, um zu wissen, ob es wirklich die Blütezeit gewesen ist.

Thomas: Das, was in Paris zu der Zeit erbaut wurde und die Stadt geprägt hat, ist ja noch immer da. Die ganzen Eisenkonstruktionen und Häuser aus der Ära bestimmen das Bild der Stadt wie nichts anderes.

De:Bug: Ist es dann eine Langeweile oder ein Verdruss der Gegenwart gegenüber? Die ganzen Bögen, die ihr da aufspannt, was ist denn das Wichtige für das Schaffen jener europäischen Mythologie? Immerhin sind Flugbomben auf dem Cover zu sehen, was geschichtlich nicht unbedingt zu den besten Momenten Europas zählt.

Branco: Das ist schon die Idee einer goldenen Zeit. Statistisch gesehen ist die Vergangenheit immer länger als die Gegenwart (lacht).

De:Bug: Wenn man auf Drogen ist, dann dauert die Gegenwart ewig.

Branco: Auf jeden Fall! Aber das ist auch der Grund, warum ich keine Drogen nehme. Ich meine das ernst. Das Gefühl der Ewigkeit, das in der Vergangenheit geschaffen wurde, ist doch das Interessante.

De:Bug: Ein Rock’n’Roller würde jetzt sagen, dass 1871 das große Jahr in Paris gewesen ist. Die Zeiten der Pariser Kommune und so.

Thomas: Liszt war zu der Zeit ja auch in den Kommunen unterwegs. Er hat die Revolution auf den Straßen erlebt und sie sehr willkommen geheißen.

Branco: Und 1901 klingt einfach besser als 1871. Zu der Mythologie kann ich nur sagen, dass diese Sehnsucht nach dem Universum des Wissens uns schon immer gereizt hat. Wir könnten auch eine Platte über Mathematik machen oder über Pythagoras. Ich fände das sogar sehr romantisch. Die Mädchen würden es lieben, über Kreise, Dreiecke und die Hypotenuse zu parlieren.

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De:Bug: Hypotenuse klingt wirklich sexy. Aber wie ist das nun mit den Bomben auf dem Cover?

Thomas: Wir hatten den Titel und da war uns klar, dass das alles andere als akademisch aussehen darf. Eigentlich ist das der Gegenentwurf zur Deutschen Grammophon. Die ist ja auch wiederum gelb.

De:Bug: Der Titel Wolfgang Amadeus Phoenix hat für euch keinen größenwahnsinnigen, kindischen Touch?

Thomas: Doch! Exakt! Ja, es ist kindisch. Es ist eine Qualität, die uns wichtig ist.

Branco: Wenn du als Kind glaubst, du wärst unbesiegbar. Dieses Gefühl steckt hinter dem Titel und dem Cover. Das Logischste wäre gewesen, wenn unsere Musik jetzt fein austariert und elegant klingen würde, reifer, was viele erwartet hätten. Aber leider kommen wir aus Versailles und dort wissen alle Leute, wie man elegant zu sein hat. Das ‘ein bisschen Hässliche’ muss irgendwie sein.

Thomas: Ich erinnere mich an die Jeff-Koons-Ausstellung, die kürzlich in Versailles war. Das war groß. Wir waren öfter dort, einfach um zu sehen, wie die Leute und die Touristen darauf reagierten. Sie meinten: Ich wollte doch das echte Versailles sehen. Bei den Touristen stellten wir uns vor, das wäre die frühere königliche Entourage, die über einen Skandal im Schloss tratschen. Was hat Michael Jackson mit Bubbles als Skulptur dort in den königlichen Gemächern verloren? Ich mochte den Kontrast zwischen dem alten Savoir-Faire und Koons.

De:Bug: Aber Jeff Koons macht etablierte Kunst. Es ist kein Sack echter Müll, den ich über das Schloss kippen könnte.

Branco: Würde er jetzt einen Haufen Hundescheiße als Diamant formen, würde das bei ihm auch funktionieren.

De:Bug: Würdet ihr denn selber behaupten, dass die Sophistication euch von anderen “The“-Bands unterscheidet?

Branco: Insgeheim hoffen wir, dass es so ist. Weil im Grunde mögen wir die Basics von Rock’n’Roll überhaupt nicht.

De:Bug: Die Sophistication von der Sophistication ist dann wiederum: Es ist schön, was Hässliches zu machen?

Thomas: Das ist fast wieder zu logisch.

Branco: Total, das klingt so wie der hoch dotierte Star-Schriftsteller, der in seine dunkle Kammer geht und nur den bösen Dreck um sich sieht. Aber es sind viele gute Dinge in der Vergangenheit passiert, auch wenn das ein bisschen offensichtlich klingt. Aber es ist immer noch besser, als schmutzig zu sein und gleichzeitig zu versuchen, elegant zu wirken.

De:Bug: Was ist dann die nächste Konsequenz? Noch dreckiger werden?

Branco: Da haben wir erst gestern im Bett drüber gesprochen. Wir dachten, dass das nächste Album total symmetrisch sein müsste, was wirklich Feines, Durchdachtes. Ja, die Symmetrie ist es.

De:Bug: Wie eine Bach-Fuge?

Branco: Vielleicht. Aber eigentlich wie eine wundervolle Fotografie, schwarz, weiß und perfekt ausgeleuchtet.
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Elektronische Lebensaspekte.

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