Der Stein des Weisen
Text: Alexandra Dröner aus De:Bug 163


(Foto: Andreas Chudowski)

Eigentlich sollte unser Coverstar Phon.o im GEMA-Vorstand sitzen, die Piraten beraten und ein paar Kinder in die Welt setzen. Das System wäre ein besseres, die Demoschilder überflüssig und die Gerechtigkeit würde siegen. Nur Zeit um Musik zu machen wäre dann keine mehr und “Black Boulder“, sein neues Album auf dem Monkeytown Sublabel 50Weapons, niemals entstanden. Das geht natürlich auch nicht.

Da schwebt er, der große schwarze Findling, und könnte auch direkt vom Himmel gefallen sein. Das Cover von “Black Boulder” hat sich Phon.o, der Berliner aus dem Harz, von einem 3D-Grafiker zurechtmappen lassen, bis es genau der Vision entsprach, die ihm schon während des Produktionsprozesses des Albums in den Sinn gekommen war. Ein Volltreffer, genau wie der Titel. “The Black Boulder” sollte es eigentlich sein, bis Labelchef Gernot Bronsert im Vorbeigehen rief: “Mach das ‘The’ weg!”
Verknappung in Perfektion. Überhaupt eine Tugend, die Carsten “Phon.o” Aermes sehr schätzt an seiner derzeitigen Labelheimat. Was Promo-Empfänger und Blogbetreiber mit den Zähnen knirschen lässt, bekommt den Künstlern gut. Monkeytown beteiligt sich nicht am inflationären Herschenken von Gratistracks, selbst die hauseigene Soundcloud-Präsenz bietet gerade mal einminütige Snippets zum Vorhören der Releases an.

Obwohl Phon.o auf eine beachtliche Liste von Veröffentlichungen zurückblicken kann, befindet er sich im steten Wandel, durchläuft ständige Lernprozesse und unterschätzt sich mit entwaffnender Bescheidenheit selbst, wenn er von seiner Bewunderung für die ideale Leere in den Produktionen von James Blake oder Timbaland erzählt.
Die unterschiedlichen Phasen seiner 12-jährigen Karriere werden von einer Abneigung gegen den ganz geraden Beat zusammengehalten – so auch auf Black Boulder. Das Album trägt eine bittersüße Schwere mit sich, der dunkle Fels rollt von Track zu Track und hinterlässt Mollakkorde und Sehnsuchtsmomente.

Debug: Ist “Black Boulder” eine englische Platte oder vielmehr dein bisher persönlichstes Berlin-Album?

Phon.o: Es ist genau so ein Zwitter geworden. Ich fand UK-Bass sehr erfrischend und einige Einflüsse kommen eindeutig aus dieser Ecke, aber natürlich sind auch viele Berlin-Reminiszenzen dabei, ganz klar. Was zum einen an der generellen Musikentwicklung liegt – Plastiksounds und auf Maximum getrimmte Nervsachen habe ich versucht zu vermeiden, denn sie kotzen mich an – und deshalb, gerade auch durch die Chords, klingt es nach Berlin. Zum anderen wurde das Album eben auch Im Herbst und Winter gemacht.

Debug: Du bist wetterfühlig?

Phon.o: Ein bisschen schon, erst recht wenn man in irgendeinem Loch eingesperrt ist. Es liegt aber auch daran, dass ich versucht habe, in den letzten zwei bis drei Jahren musikalisch mehr zu reisen, Tracks nicht mehr nur mit Beats zu bauen, sondern ein Thema zu haben, Sachen zu machen, die, auch wenn sie im Club spielbar sind, trotzdem einen Songcharakter haben und über musikalische Veränderungen und Komplexität funktionieren. Das ist für mich neu und sehr spannend, was wichtig ist, denn erst dann kann es im besten Falle ja auch den Hörer interessieren. Beats zu bauen fällt mir momentan eigentlich am schwersten, dazu muss ich mich immer überwinden. Ich benutze auch keine 808 Sounds, doch bei anderen mag ich das schon. Ich habe ‘zig Anläufe versucht, aber ich werde nur müde dabei.

Debug: Deine vorangegangene “Sad Happiness” EP klingt wie eine Zusammenfassung der Grundstimmung auf “Black Boulder”. Bist du ein melancholischer Mensch?

Phon.o: Auf jeden Fall, ”Sad Happiness” trifft es ganz gut: Eigentlich ist man traurig, hofft aber trotzdem noch auf einen Lichtblick. Als Mensch bin ich ein kritischer Zweifler und eher Pessimist, was die Weltlage betrifft, und habe deshalb auch ein Problem damit, Kinder zu zeugen und eine Familie zu gründen. Und doch immer noch die Hoffnung, dass es besser wird. Je älter ich werde, umso mehr schwindet diese Hoffnung aber, man erkennt, dass es immer so war und immer so sein wird, und dass der Mensch einfach zu blöd ist. Ich schließ’ mich da gar nicht aus.

Debug: Ist dir immer bewusst, warum du bestimmte Sounds präferierst?

Phon.o: Meistens. Für mein ganzes Leben war schon immer diese gewisse Patina, diese Wärme wichtig, die man z.B. auch auf den Chain-Reaction-Tracks findet. Auf der einen Seite finde ich noisige, dichte Tracks gut und auf der anderen Seite ganz leere Stücke, und irgendwo dazwischen trifft sich das dann. Deswegen hab ich auch keine Angst, dass mir irgendwann die Ideen ausgehen, da kann ich noch viel schaffen. Ich will in Zukunft, wenn ich es mir denn leisten kann, ein Studio zum Aufnehmen anmieten und beim nächsten Album noch mehr mit Musikern arbeiten. Nicht dass das jetzt rockig oder gitarrenlastig werden soll, aber die Drums würde ich z.B. von einem Drummer organischer einspielen lassen. Ich will auch irgendwann mal ein Noise-Album machen, aber eines, das nicht anstrengt. Und trotzdem Beats und ein Thema hat, nicht gerade einfach, aber ja.

Debug: Ist es immer Wunsch oder Notwendigkeit, ein Album zu machen?

Phon.o: Mein Traumformat wäre eine EP-Reihe, immer fünf Tracks. Die Leute würden das aber wegen fehlender Medienpräsenz nicht mitbekommen und man würde nur Miese machen – eine EP refinanziert sich kaum. Für jemanden wie mich ist es eine Qual, ein Album zu machen. Ich habe eine genaue Vorstellung, kann die aber nicht so schnell musikalisch umsetzen, die Sounds suchen, dies und das, das dauert alles ewig. Nebenbei muss ich noch arbeiten, Stichwort illegale Downloads (lacht), und auch das Privatleben tritt extrem zurück. Aber natürlich will man diese Bestandsaufnahmen machen und für sich selbst Klammern setzen. Ich habe jetzt schon wieder Lust auf ein neues Album, ekele mich aber gleichzeitig davor.

Debug: Du hast für das Album Stücke mit Gesangsparts von Fabian Fenk von Bodi Bill und von Tunde Olaniran, mit dem Du vor ein paar Jahren auch schon an Deinem CLP-Projekt mit Chris De Luca gearbeitet hattest, aufgenommen. Werden sie live mit dir unterwegs sein?

Phon.o: Wenn ich es mir finanziell erlauben könnte, würde ich eher einen Drummer mitnehmen, Fabian und Tunde singen ja nur auf zwei Stücken. Und theoretisch dann noch eine gute, interessante Videoshow, aber all das geht einfach nicht.

Debug: Damit sind wir wieder bei unserem De:Bug-Monatsthema angelangt: Wäre alles anders, wenn es keine illegalen Downloads gäbe?

Phon.o: Klar, dann hätte ich ein besseres Budget, aber das sehen die Leute ja nicht. Die denken von der Wand bis zur Tapete. Ich würde gern Freunde von mir bezahlen für Videos, ich würde gerne nicht immer bei Softwarefirmen fragen, ob ich etwas endorsed kriege, sondern es einfach kaufen wollen. Ich will das Geld nicht horten, sondern re-investieren – dafür brauche ich es aber erstmal. Die besten Zeiten hatte ich, und den Unterschied merke ich jetzt, als ich eigentlich unbekannter war, aber noch genug Verkäufe hatte und die Clubszene eben auch noch eine andere war, es gab einen guten Mittelbau. Heutzutage müssen auch die Clubs auf Nummer sicher gehen, und wenn die jemand Mittleren oder Kleineren nehmen, dann zu einer totalen Kackgage, weil die Leute nur noch wegen großer Namen oder langer Lineups weggehen.

Debug: Bist du GEMA-Mitglied?

Phon.o: Ja, und habe auch einen Verlag. Der Verlag macht einen guten Job, der besorgt mir im besten Fall Sachen, für die ich keine Mehrarbeit investieren muss. Die Probleme sind aber einerseits von der Industrie hausgemacht und andererseits müssten unbedingt das GEMA-System und das Urheberrecht reformiert werden. Etwa mit einer gesamteuropäischen GEMA, wozu braucht man die in jedem Land? Natürlich versuchen alle immer nur ihren Job zu sichern und zu rechtfertigen. Aber es gäbe dann ja neue Jobs. Man muss eben einen Schritt weiterdenken – und das ist auch das Hauptproblem in Deutschland, man ist nicht reformfähig und es ärgert mich, dass die Regierung nicht mehr Druck macht.
Deshalb habe ich auch die Piraten gewählt. Obwohl ich nicht mit allen Parteiinhalten konform gehe, will ich, dass politische Entscheidungen, Verträge und dergleichen transparenter werden. Gleichzeitig regen mich die Piraten aber auch auf. Das kommt mir alles noch so ein bisschen vor wie der AStA, bei dem ich in der Uni ein einziges Mal war und gleich angeeckt bin: “Leute, was labert ihr denn? Es gibt doch nur eine Vernunftsentscheidung. Kommt, lasst uns das jetzt machen und wir können hier in fünf Minuten abhauen”. Das hat denen nicht gefallen und sie haben weiter alles endlos auseinandergenommen und rat mal, mit welchem Ergebnis: die Vernunftsentscheidung.

Phon.o, Black Boulder, ist auf 50 Weapons/Rough Trade erschienen.
Monkeytownrecords

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Elektronische Lebensaspekte.

Stillstsand auf hohem Profiniveau. So glatt kann es in der Minimal-Szene nicht weitergehen. Phon.O spielt deshalb Sounds lieber auf alten Schepper-Kassetten ein und zerrt ruppig die Langeweile vom Dancefloor.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 95

Wir bauen eine (bessere) Stadt
Hakeln mit Phon.O

Es macht Mut, sich mit Carsten Aermes zu unterhalten. Nicht nur, weil er einem eh mit seinen zahlreichen Releases auf Cytrax und Shitkatapult viele große Momente beschert hat und sich sein Handschlag wie eine kickend grummelige Bassdrum anfühlt. Ein Satz von Phon.O und der Spiegel, der morgens vor dem Club auf dich wartet und dich immer wieder mit deinen gelangweilten Gesichtszügen konfrontiert, bis du irgendwie eingeschlafen bist, bevor du mit einem noch flaueren Gefühl wieder aufwachst, ein Satz von Phon.O also und dieser Spiegel zerbricht in tausend Teile, irreparabel. Wer Phon.O hört, braucht keinen Spiegel mehr.
Ruppig und strubbelig, auf jeden Fall viel rauher als seine bisherigen Platten, gräbt sich “Burn Down The Town” in technologischem Spagat durch die Realitäten jenseits des minimalen Mainstreams. Welche Stadt? Der Club um die Ecke. Natürlich würde Phon.O das nie so explizit zugeben, dazu ist er viel zu sehr Gentleman, dazu aber später. Zunächst: “Doch, ich bin gelangweilt und auch wütend. Wütend über diesen Minimal-Konsens in den Clubs, darüber, dass bei den fünfzig Platten, die pro Woche kommen, nur noch eine dabei ist, die etwas mit mir anstellt. Das war nicht immer so. Alles klingt gleich, ist technisch perfekt. Die Frage war also: Ist es möglich, ein Album für den Club zu machen, das nicht bis ins Letzte grade und berechenbar ist. ‘Burn Down The Town’ ist mein Angebot.” Dass es funktioniert, weiß Carsten, weil Fragmente der Tracks seit geraumer Zeit mit ihm als Teil seines Livesets durch die Welt gegondelt sind. Nur die, die den Club und den vom Label-Kollegen und Mitbewohner Apparat in MAX/MSP programmierten Loop-Sequencer überlebt haben, wurden ausgebaut. Und, zum Teil, mit Vocals hochgepusht zu rotzigen Statements der besseren Nacht. Kevin Blechdom gibt die zickige Missy, Gold Chains & Sue Cie legen einen zerhackstückten Vocalteppich hin, zu dem sie auf jeden Fall einen Fuß auf der Monitorbox haben mussten, Stadik 006 aus Detroit kokettiert mit Ghetto-Tech und Noica Llanos singt mit George W. Bush im Duett.

Mittendrin im Phon.O-Universum
Niemand cuttet Vocals so elegant wie er, zerlegt sie in ihre Bestandteile und legt ihren Urhebern mit so viel diebischer Freude Dinge in den Mund, die sie so nie gesungen haben. So wie die Beats hakeln, rollen die Vocals in neuem Gewand. “Ich kann nicht anders. Entweder damit es besser auf die Musik passt oder aber weil ich bestimmte Dinge einfach nicht will. Stadik 006 zum Beispiel hat ohne Punkt und Komma die üblichen Ghetto-Beleidigungen abgeliefert. Ich mag die Musik, mit den Texten komme ich aber überhaupt nicht klar. Also mussten da Worte wieder raus.” Phon.O der Gentleman. Und Vocals sind eh nur Sound. “Der Klang der Platte war mir sehr wichtig. Wenn schon nicht alles perfekt aufgenommen ist, muss man dennoch versuchen, das Maximale aus dem zu machen, was man hat. Wie gesagt, vieles, was ich heute höre, klingt mir zu glatt, zu perfekt. Wenn alle dieselbe Software auf denselben Rechnern nutzen und über dieselbe Soundkarte alles wieder ausspielen … wie soll es dann auch anders sein? Mit einigen Sounds des Albums war ich überhaupt nicht zufrieden. Da habe ich sie auf Metal-Cassette aufgenommen und dann wieder in den Rechner gespielt.” Zwar hat es lange gedauert, ein funktionierendes Tapedeck zu finden, gelohnt hat es sich aber allemal. Schiefgehen kann da eigentlich nichts mehr. “Burn Down The Town” ist ein großes und mächtiges Statement und zerrt die gelangweilten Clubgänger an den Haaren auf die Tanzfläche. Und mit der Bareback-Show, einer Zwei-Mann-Performance mit Loop-Schallplatten, beweist er, dass es manchmal nicht mehr braucht als eine Umdrehung auf dem Vinyl. Minimal anders eben. Wie gesagt … Phon.O macht Mut.

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