unangefochtener Bannerträger der Breakbeat Science im Drum and Bass, verabschiedet sich vom Technikirrsinn und konzentriert sich auf seine Ursprungsvorlieben: House und Downtempo. Wer Drum and Bass wirklich verstanden hat, versteht auch das.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 40

CAN U FEEL IT?
Photek

Als die Kunde von einem neuen Photek Album die Runde machte, war verständlicherweise die Begeisterung groß. Hatten doch seine letzten Releases ‘The Bleeps Tune’, ‘Freestyle’ und ‘Inta Warriors’ ein großes Ausrufezeichen hinter Rupert Parkes’ Ausnahmestatus als Drum and Bass Produzent gesetzt. Als sich dann die Ankündigung, dass auf Solaris lediglich ein Drum and Bass Track zu finden sei, breit machte, erinnerte man sich daran, dass die oben gepriesenen Tracks alle unter seinem Special Forces Pseudonym das Licht der Welt erblickten. Und als sich dann weiterhin herumsprach, dass Photek auf Solaris zu einem großen Teil Housetracks versammelt hatte, stieg die Spannung aus gänzlich anderen Gründen als erwartet an. Nicht, dass Photek sich nicht schon früher mit House- und Downbeat-Tracks an die Ohren der geneigten Hörer gewagt hätte. Nicht, dass irgendjemand bezweifelt hätte, dass er auch mit der geraden Bassdrum umzugehen weiß. Aber ein ganzes Album außerhalb der Drum and Bass Szene zu platzieren, erschien dann doch irgendwie sehr kompromisslos und mutig. Letztendlich ist Solaris ein Album geworden, dass sich ein wenig wie die musikalische Biographie von Rupert Prakes hören lässt. Seine schönsten Momente mit Larry Heard, Nightmares on Wax und Kevin Saunderson im Hinterkopf, beweist Photek auf Solaris vor allem eins: er kann auch ohne Breakbeats Hits zaubern. Und mit Robert Owens hat er sich eine der zentralen Figuren, die Stimme von Fingers Inc., ins Studio geladen. Can u feel it?

debug: Gab es einen Unterschied zwischen den Produktionsprozessen von deinem Debut Album – Modus Operandi – und deinem neuen Album, Solaris?

Rupert Prakes: Bei Modus Operandi ging es mir vor allem darum, die Technik zu verfeinern, die mich, seitdem ich Musik mache, beschäftigt und bei der es größtenteils darum geht, Breakbeats zu kreieren. Modus Operandi war für mich die Klimax, mein eigenes funkelndes Beispiel für Breakbeat Technique. Das Produzieren war sehr schmerzhaft. Es war ein sehr intensiver, anstrengender Prozess, Modus Operandi fertigzustellen. Der Unterschied zu der Arbeit an Solaris lag dementsprechend darin, dass die technischen Aspekte dieses Mal nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Ich war sehr viel entspannter. Die Frage war eher, welche Musik ich gerne auf meinem Album hören wollte, als ‘wie mache diesen oder jenen Break oder Beat’. Es hat viel mehr Spaß gemacht, Solaris zu machen als Modus Operandi. Damals war ich viel mehr auf Autopilot geschaltet als jetzt bei Solaris. Deswegen würde ich auch sagen, dass Solaris ein viel persönlicheres Album ist.

debug: Du hast vorhin gesagt, dass der technische Aspekt nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Das steht im Gegensatz zu dem Bild, das man immer von Photek, dem Produzenten, hatte: In filigraner Kleinstarbeit Beats zusamenzucutten. Halt Breakbeat Science und die technischen Grenzen des eigenen Equipments ausloten.

R.P.: Produktionstechnische Grenzen zu verschieben und neue Sounds zu entwickeln, war nie mein Ziel. Es ging mir immer darum, Musik zu machen, die mich berührt. Dafür musste ich mich aber ersteinmal mit der technischen Seite auseinandersetzen. Die Technik war nur das Tool, das mich dahin bringen sollte, wo ich hin wollte; Form follows Function. In diesem Sinne waren die technischen Aspekte eher die Funktion als die Kunst an sich. Ich selber habe die beiden Teile durcheinander gebracht, als ich Drum and Bass als eine bestimmte Technik, Musik zu machen, beschrieben habe.

debug: War nicht aber genau diese Suche nach dem neuesten Sound, der nächsten Stufe, immer der Hauptantrieb von Drum and Bass?

R.P.: Musikalisch gesehen hat sich Drum and Bass in den letzten zwei Jahren nicht gerade großartig angehört. Von der technischen Seite betrachtet, kann ich zur Zeit nichts hören, was total begeisternd wäre. Aber technische Dinge begeistern mich eigentlich eher selten. Das Ergebnis zählt. Die Technik, die mich wirklich umgehauen hat, war Goldies Stück ‘Terminator’. Das war nicht von dieser Welt. Ich stand da und dachte nur: ‘Wie zum Teufel hat er das gemacht?’ Das war pure Magie. In dieser Zeit – und auch noch ein paar Jahre danach – gab es diesen Impuls bei vielen Produzenten, etwas Ähnliches zu schaffen, die technischen Möglichkeiten weiter auszureizen.

debug: Dein neues Album wandert von Ambient über Downbeat bis zu Chicago und Detroit Housetracks, Hidden Agenda haben gerade ein Album gemacht, auf dem nur zwei Drum and Bass Tracks drauf sind, Bukem hat mit Deep Rooted sein Deephouse Label gestartet, Total Science mit Skindeep auch und Danny Breaks bringt bald seine – nach eigenen Angaben – letzte Drum and Bass Platte raus, um sich dann verstärkt um seine Hip Hop Vorliebe zu kümmern. Wo siehst du die Gründe für diese Entwicklung?

R.P.: Ich denke, es gibt für diese Entwicklung mehrere Gründe. Zum Einen machen die meisten Produzenten, die sich jetzt auch anderen Stilen widmen, schon seit einer sehr langen Zeit Drum and Bass, und es ist einfach die am schwersten zu produzierende Musik. Drum and Bass ist technisch gesehen extrem anspruchsvoll. Gleichzeitig haben alle etwa zur selben Zeit angefangen, Musik zu machen. Sie haben teilweise dieselben Einflüsse von Acid House über Hip Hop und Elektro, die sie umsetzen wollen. Zum Anderen die Geschichte von Drum and Bass: Als sich Drum and Bass Anfang der Neunziger emtwickelte, war es die mit Abstand uncoolste Sache überhaupt, mit der man assoziiert werden konnte. Die unhippste Musik, die man machen konnte. Bis Drum and Bass Mitte der Neunziger den Durchbruch geschafft hat, mussten alle Beteiligten wirklich hart gegen all die Vorurteile kämpfen. Aus diesem Grund ist die Drum and Bass Szene sehr protektionistisch. Jeder war immer bereit, den anderen gegen die Anfeindungen von außerhalb der Szene zu verteidigen. Wie eine kleine Mafia. Und das war lange der Vibe, den man spüren konnte: Die ständige Bereitschaft, sich gegen andere Musikstile zu verteidigen, auch wenn Drum and Bass selbst eine Mischung aus unzähligen Musikstilen ist. Diese Stimmung hat sich in letzter Zeit ein wenig aufgelockert. Mitlerweile scheint es manchmal so, als wenn Drum and Bass Produzenten an alles Mögliche außer Drum and Bass denken, sobald sie ein Album machen. Fast wie eine Flucht vor dem Image, das Drum and Bass hat. Für mich persönlich waren es zwei Dinge, die mich dazu gebracht haben, auf Solaris nur einen Drum and Bass Track zu machen: Erstens habe ich aus der Ecke in letzter Zeit nichts Herausforderndes gehört, nichts, worauf ich irgendwie antworten müsste. Drum and Bass war immer sehr ‘competitive’. Wenn jemand Mitte der Neunziger einen großartigen Track gemacht hat, fühlte man sich gleich herausgefordert, mit einem noch großartigeren Track zu antworten. Eine ziemliche Jungssache. Der zweite Grund ist der, dass ich zur Zeit nichts Anderes hören möchte, als das, was auf Solaris ist.

debug: Solaris hört sich manchmal an, wie ein Rückblick auf die Musik, die dich geprägt hat, der du dich aber noch nie gewidmet hast.

R.P.: Das stimmt schon. Ich habe diese ganze Ravezeit Anfang der Neunziger geliebt. Ich habe vor kurzem in Amsterdam auf einer Party, die lustigerweise Solaris hieß, aufgelegt, und habe mit Drum and Bass angefangen und bin dann direkt zu frühen Nightmares on Wax Sachen, LFO, Juan Atkins und Fingers Inc. übergegangen. Das war großartig. MC Moose, der mit war, ist total ausgerastet und hat mir zwischendurch immer Platten angereicht, die er hören wollte. Ich wollte einfach die Verbindung zwischen den einzelnen Tracks zeigen. Überhaupt werde ich jetzt nur noch so auflegen. Meine neue Politik. Vielleicht ist es wieder an der Zeit, alles zusammenzuwerfen. Dann geht es geschwindigkeitsmäßig auf den Parties zwar ein wenig auf und ab, aber das sollte kein Problem sein. Außer du bist auf irgendeiner Droge, die dir nicht erlaubt, Musik zu hören, die unter 175 bpm schnell ist. Aber im Ernst, ich glaube, das wäre nach den Jahren der Spezialisierung – die wirklich großartige, genredefinierende, alles beantwortende Platten hervorgebracht hat – eine gesunde Entwicklung. Und in ein paar Jahren fangen wir dann wieder mit dem Ausdefinieren an.

debug: Du hast vorhin kurz Fingers Inc. erwähnt. War es schwierig, die Zusammenarbeit mit Robert Owens zu organisieren?

R.P.: Robert Owens ist jemand, mit dem ich schon seit zehn Jahren zusammenarbeiten wollte. Es hat mich allein zwei Jahre gekostet herauszufinden wie die Person hinter dieser Stimme heisst. Und dann nochmal acht Jahre, um ihn zu fragen, beziehungsweise das Gefühl zu haben, dass ich überhaupt in der Position bin, ihn zu fragen. Lustigerweise kannte ich seinen Manager, ohne es zu wissen. Ich dachte immer, ich müsste nach Chicago fliegen, mich auf meine Knie schmeissen und beten, dass er Lust hat, mit mir zu arbeiten, und dann stellte sich heraus, dass er gleich bei mir um die Ecke wohnt. Statt des Fluges hat dann ein Anruf genügt (lacht).

debug: Bist du mit Solaris zufrieden?

R.P.: Ja, ich bin sehr zufrieden mit Solaris. Das Produzieren hat unglaublich Spaß gemacht. Ähnlich viel Spaß habe ich jetzt, wenn ich es höre. Ich hänge mich mit dem Album weit aus dem Fenster, mache ich damit doch einen großen Haufen auf meinen Ruf als Drum and Bass Produzent. Aber trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, warum Leute aus der Szene Solaris nicht mögen sollten. Außer du bist ein vierzehnjähriger Drum and Bass Fanatiker (lacht). Wer die Geschichte von Drum and Bass kennt, wird die musikalischen Zusammenhänge verstehen und das Album mögen.

debug: Gibt es einen konzeptionellen Unterschied zwischen Photek und Special Forces?

R.P.: Special Forces ist mein Pseudonym, unter dem ich auf meinem eigenen Label Drum and Bass mache, und als Photek veröffentliche ich, worauf immer ich gerade Lust habe. Zu dieser Trennung habe ich mich etwa 1996 entschlossen.

debug: Wie geht es denn jetzt mit deinem Label Photek Productions weiter? Kommt die angekündigte Compilation im Herbst?

R.P.: Nein, ich werde bis zum Ende des Jahres einige 12″s veröffentlichen. Es hat sich mitlerweile einiges angesammelt, das ich mag. Tracks von Digital und Spirit, Peshay und meine eigenen Drum and Bass Tracks. Irgendwann nächstes Jahr werde ich diese Vinyl only Releases dann auf CD zu einer Compilation zusammenfassen.

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Elektronische Lebensaspekte.