Glen Johnsons musikalischer Gemischtwarenladen Piano Magic ist mit ihrem neuen Album endlich da angekommen, wo er immer hin wollte. 4AD, die Wiege Mitachtziger Indierocker. Auf dem Label, das einen guten Teil zu seiner musikalischen Sozialisation beigtragen hat, präsentiert sich Piano Magic gewohnt unberechenbar.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 61

Im Hier und Jetzt

Piano Magic

Glen Johnson, der Kopf und Gründer von ”Piano Magic”, ist mit dem neuen Album “Writers Without Home“ seinem Wunschtraum wieder ein Stückchen näher gekommen. Nicht nur, weil die Platte in sich noch perfekter und runder ist. Das hat zunächst mal ganz praktische Gründe. Rund sieben Jahre nach der Gründung des Projekts sind Piano Magic schlussendlich bei 4AD gelandet, dem Label, das zu einem guten Teil für die musikalische Sozialisation des Herrn Johnson verantwortlich war. “Ich habe damals nicht nur die ’Cocteau Twins’ oder ’Dead Can Dance’ einfach verehrt“; erinnert sich Glen beim Bier in Berlin, der seine Mütze zurecht rückt und eigentlich lieber über seine jüngst erstandenen Elektronikplatten reden möchte, die irgendwie alle aus Deutschland kommen. Aber gut: “’This Mortal Coil’, dieses 4AD Allstar-Projekt, war für mich immer der Blueprint für die perfekte Band. Ein kleines Team arbeitet fest zusammen und lädt sich für jede Platte neue Gäste ein. Das macht die Dinge einfach spannender.“ Die unterschiedlichen musikalischen Abzweigungen, über die Piano Magic im Hier und Jetzt angekommen ist, hat Platten hinterlassen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und so wie man im Backkatalog komplett Elektronisches findet, mit viel Liebe zum Detail erarbeitete Frickeleien, nur um dann auf der nächsten Platte mit der großen, lauten Rockband konfrontiert zu werden, die dann, wieder eine Platte später, plötzlich wie ”And Also The Trees” klingen, so vereint das neue Album genau diese unterschiedlichsten Strömungen. Simon Raymonde von den Cocteaus spielt Klavier, Ronald Lippok von Tarwater singt auf einem Stück, und die englische Folksängerin Vashti Bunyan steht zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder am Mikrofon. Zwischen düsteren Wavesongs, schwer romantischen Englandtracks, klassischer Indiemusik und spleeniger Elektronik ist es, als ob jemand den Hebel umlegen würde. Wohin man dann geschossen wird, ist nicht ganz klar. Nicht wirklich in die Vergangenheit, vielleicht aber einfach in diese Welt nebenan, die man schon fast vergessen hatte. Unterdessen denkt Glen Johnson schon an die nächste Platte. “Da draußen gibt es soviel gute Musik, das stachelt an. Man muss weiter machen.“ Mehr sagen muss man gar nicht über solche Menschen. Gut, dass sie da sind.

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Elektronische Lebensaspekte.

Das englische Bandprojekt Piano Magic probt vor allem die Magie des rastlosen Wechsels. Heute so, morgen nicht wiedererkannt. Im Moment sitzen sie zwischen Felt und Dead Can Dance, aber zum nächsten Mal locken schon Oval und Pole. Sven v. Thülen drückt die Daumen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 37

/indietronics Rastlosigkeit im Monatstakt Piano Magic ”Manchmal wünschte ich, dass wir einfach alle Gitarren wegwerfen und als rein elektronische Band weiter machen könnten. Aber ich weiss, wenn wir das tun, wird es nicht lange dauern, bis ich die Gitarren zurück haben möchte. Ich bin da sehr rastlos und widersprüchlich. Es kommt vor, dass wir einen Song proben und ich sage, dass ich für diesen Song Schlagzeug und Bass haben möchte, und nach drei Proben haben wir stattdessen zwei Synthesizer und eine Drummachine im Song. Es ist einfach Rastlosigkeit. Ich will nicht still sitzen, wie Travis. Ich möchte so viel Metamorphose und Entwicklung wie möglich,” sagt Glenn Johnson, seines Zeichens Mastermind hinter Piano Magic, und beschreibt damit nur zu gut den Werdegang der englischen Band. 1996 als Bedroom Projekt von ihm und Dick Rance gegründet, änderte sich die musikalische Ausrichtung und Bandbesetzung im Monatstakt. Von ambienten, elektronischen Spielereien über freundliche, kurze Popsongs zu indiegerockter Sentimentalität mit barockem Anstrich – Glenn Johnson hat in vier Jahren Bandgeschichte alles unter dem Namen Piano Magic vereint. Fünfzehn Releases, als 7″, 12″ oder Album (Compilation Beiträge und Remixe mal ausgenommen) auf vierzehn verschiedenen Labels quer durch Europa (unter anderem, Darla, Wurlitzer Jukebox und Rocketgirl) sind das Ergebnis von Glenn Johnsons Rastlosigkeit. Aber auch, dass man sich bei keiner Piano Magic Platte als ohrwurmgarantierendem Begleiter durch den Alltag sicher sein konnte. Hit and Miss sozusagen. Je nach musikalischer Vorliebe. Dead Can Dance, Pavarotti und ProTools Eine Band, die mehr oder minder den Status eines offenen Projektes hat, war das Ziel von Glenn Johnson, und das hat er auch kompromisslos umgesetzt. “Piano Magic entstand aus einer Idee, die von der Band ‘This Mortal Coil’ inspiriert wurde, eine Band zu formen, in der sich zwei Menschen um die Produktion kümmern und jeweils unterschiedliche Musiker eingeladen werden, die durch ihre eigene Art, ihr Instrument zu spielen, Abwechslung in die Sache bringen. Oder nimm zum Beispiel unsere Sänger: Die meisten sind Freunde, die wir gefragt haben, ob sie nicht zu diesem oder jenem Song singen wollen. Es sind keine ausgebildeten Musiker oder Sänger. Was für mich zählt, ist der Charakter der Stimme, die Stimmung und nicht die Fähigkeit, wie Pavarotti zu singen.” So weit so gut. Mit ihrem neuen, dritten Album ‘Artists Rifles’ haben Piano Magic jetzt endgültig die Indierockzone für sich erklommen. Mit John Rivers als Produzenten, der schon für Felt und Dead Can Dance hinter den Reglern stand, haben sie sich jemanden ins Boot geholt, der im düsteren Teich der Schwermut schon die ein oder andere Runde geschwommen ist und dessen Einfluss man auf ‘Artists Rifles’ sehr wohl heraushören kann. (Wie heisst es im Infozettel so schön: nouveau baroque pop noire.) Dass jetzt sogar fragwürdige Gothic Magazine wie Zillo auf Piano Magic aufmerksam werden und über den grünen Klee loben, ist eigentlich nicht fair und sollte einen nicht allzu sehr verschrecken. Na ja, vielleicht doch ein bisschen. Glenn Johnson für seinen Teil ist zumindest zufrieden mit der Zusammenarbeit. Und wer weiss schon, an welche musikalischen Ufer es Piano Magic mit ihrem nächsten Release treibt. “John Rivers hatte angefangen mit Pro Tools zu arbeiten und rief bei unserem Label an. Er sagte, dass er es gerne mit irgendeiner Band, die gerade was aufnehmen möchte, ausprobieren würde. Und da ich seine Arbeit für Dead Can Dance und Felt wirklich sehr schätze und sowieso einen fetteren Sound für Piano Magic wollte, halt irgendwie zwischen Dead Can Dance und Felt, trafen wir uns. Und ich glaube, die neue Platte hat diesen Sound.” Dass Piano Magic zur Zeit alle Kriterien einer Rockband erfüllt, gefällt Glenn nicht so recht, und deswegen wird er auch nicht müde zu betonen, wie sehr er gerade die deutsche Elektronikszene schätzt. Namen wie Pole und Oval fallen, die er dafür, dass sie einen ganz eigenen Sound geprägt haben, bewundert. “Ich wünschte mir, dass ich mit der nächsten Piano Magic Platte auch mit einem ganz neuen Sound aufwarten kann. Etwas ganz Originäres. Eigentlich bin ich nicht so recht zufrieden mit dem, wie Piano Magic klingt. Ich möchte, dass die Band viel grösser und besser wird. Das, was Oval und Pole mit ihren ersten Platten gemacht haben, ist wie frischer Sauerstoff zum Atmen. So etwas möchte ich mit Piano Magic auch schaffen.” Wünschen wir ihm viel Glück.

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