Piemont produziert massiven Minimal, der überall gilt. Dabei ist das Hamburger Duo Jonquieres/Möring-Sack bereits unter den Namen Dejonka und Phunklarique aktiv, zudem betreiben sie die Label Hammarskjöld, Fingerfoodmusic und Suchtreflex.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 129


Frederic Möring-Sack und Christian de Jonquieres, die jetzt zusammen als Piemont ihr Debutalbum auf My Best Friend releasen, sind unglaubliche Arbeiter. Mit drei Labeln (den seit letztem Jahr schlafenden Hammarskjöld und Fingerfoodmusic sowie dem neuen Suchtreflex) sollten sie eigentlich schon völlig ausgelastet gewesen sein. Nichts.

Ihre Tracks als Dejonka und Phunklarique bevölkern die Dancefloors seit 2005 mit einer Regelmäßigkeit auf Labeln wie Playmate, Knall Traxx, Yellow Tail, Klang Gymnastik, PM Musik, Parquet und zahllosen anderen, die fast schon an Wahn grenzt. Piemont-Releases auf Hi Freaks, Gedankensport und natürlich My Best Friend sind auch alles andere als selten. Und dabei haben wir die Remixe noch nicht mal gezählt. Die beiden Hamburger, Möring-Sack mit SAE-Ausbildung und de Jonquieres, trotz französischem Namen ein Schwede, sind ein eigenwilliges Duo.

Auf gewisse Weise unauffällig, irgendwie über die frühe Liebe zu französischen House-Slammern verbunden, können ihre Tracks unter diversen Pseudonymen (A.k.a. Derbe) minimalst sein, soundverliebt, mächtig böse oder einfach sehr lieblich, aber zeichnen sich immer durch einen massiven Clubsound aus, der ihnen in den Taschen sämtlicher großen DJs einen Stammplatz sichert.

Es gibt einiges, was man an Piemont als typisch Minimal bezeichnen könnte. Die Arbeitsethik, die für klassische Evangelen ein Nervenzusammenbruch wäre, ihre Unsichtbarkeit, außer auf Platten, Partys, Raves und Festivals und natürlich ihr Sound. Piemont machen keine großen Worte. Aber wie immer trifft man es damit nicht. Speziell Piemont ist ein Projekt der beiden, das weiter geht. Ins Ungewisse.

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Genau das macht es aus. Nicht wissen, wohin. Die minimale Reise, deren Ziele man gerne als Beliebigkeit beschreibt, kann in der Musik – und alles an den beiden ist Musik – dann verdammt konkret werden. Und das Konkrete lässt sich mit jedem Track der beiden erfahren, dessen Sounds so ausgewogen, dessen Einflüsse so vielseitig sind und dessen unwahrscheinliches Immer-wieder-auf-das-Thema-Zusammenfallen genau das Gegenteil von Beliebigkeit sagt.

Piemont wildern nicht in Latin-Samples, Flöten und Arabesken, kennen keine Effekt-Stunts ohne Halt, kein Verlorensein im Drüber, das die Abende der endlos wuchernden Partykultur nebst Drogenüberdosis manchmal auszeichnet, mit der sanften Schaumkrone vorm Mund und den völlig unentzifferbaren Halbsätzen über nichts.

Hinauswachsen
Das Unterwasserthema, das das Cover ihres Debutalbums “Strange World Beyond” nahe legt, ist nur ein Hinweis. Transzendenz, ohne ankommen zu können, denn das Dahinter ist nur in seiner Seltsamkeit fassbar. Aber dahinter steckt alles andere als eine Leere, eine Sprachlosigkeit, sondern eine thematische Überfülle, deren Ausdruck die Musik ist. Musikalität, Tiefe, eine gewisse genüssliche Langsamkeit in der Art, wie sie Melodien angehen, eine Bestimmtheit, die den Fluss der Sounds beherrscht, gerade weil sie so viel sagen können.

Genau das zeichnet Piemont aus. Das lässt sich heraushören, wenn es um Tracktitel wie “Lighter Than Seawater” geht oder “Talk Flows Like A River”. Piemont brauchen keine Talking Drums, um ihren Beats Funk zu verleihen, denn Groove und Melodie sind eh immer eins.

Triolen holen die absinkenden Bässe auf die nächste Ebene, einzelne Töne bewahren selbst über acht Takte noch ihre Intensität, Bassdrums tummeln sich in ständig wechselnden Tonalitäten, und selbst aus dem kleinsten Sound-Detail holen sie noch einen Zusammenhang heraus, der sagt: Alles an dieser Musik ist Struktur, aber dennoch ist nichts auf die typisch metaphorische Weise abstrakt. Komplexität ist bei Piemont nicht Ziel, sondern eine Form, die sich wie von selbst zu ergeben scheint und dabei in der Wärme der Tracks – die man letztendlich als ein Moment Hamburgischen House-Erbes bezeichnen könnte – fast schon nicht mehr wahrgenommen wird.

Sieht man es irgendwann mal mit etwas Abstand, dann wird man feststellen können, dass genau diese Definitionslosigkeit von Minimal, diese Verweigerung eines speziellen Stils, sofern man wie Piemont die Banalitäten kurzer Soundmoden außer acht lässt, den Raum bilden, in dem eine Art von Musik entstehen kann, die so voller Intensität ist, dass sie kein Genre braucht, keine Szene, ja vielleicht nicht mal einen Club, um all das sein zu können, was man vom Dancefloor immer schon wollte, dass er über sich hinauswächst und seine Gesetze, Sounds und Kicks überall gelten.

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Elektronische Lebensaspekte.