Symphonie pour un homme seul
Text: Erik Benndorf aus De:Bug 119

Die Futurama-Macher lieben ihn, Fat Boy Slim liebt ihn, die Klassik-Avantgarde verehrt ihn. Der mittlerweile 80-jährige Pierre Henry hat nicht nur die Musique Concrète mitbegründet, sondern auch für die spannendsten Reibungen zwischen Pop und Klassik auf der Geräusche-Matrix gesorgt. Sein Track “Psyché Rock”, remixt von Fat Boy Slim und Titelmelodie von Futurama, ist der hittigste Crossover zwischen Geräuschavantgarde und Fusionrock. In Paris gibt er immer noch Heimkonzerte in seiner Studio-Wohnung und kategorische Statements zur Lage der Musik.

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Fotos: Xavier Granet

Die “Symphonie pour un homme seul” gehört zu den Stücken der universalen Musikgeschichte, die einfach jeder kennen muss. Ohne Wenn und Aber. Nie zuvor wurde so mutig und brachial neue Technik eingesetzt und der Schwerpunkt auf eine völlig neue Produktion und Vermittlung von Sounds gerichtet wie in dieser zwischen 22 und 30 Minuten schwankenden Komposition. Entstanden ist das Jahrtausendstück in Zusammenarbeit mit Pierre Schaeffer, dem Vater und Theoretiker der Musique Concrète, uraufgeführt wurde es am 18. März 1950 an der École Normale de Musique in Paris.

Ein unheimliches Klopfen eröffnet die Symphonie, Schüsse fliegen durch die Luft, ein Mann schreit. Später fährt die Polizei vorbei, eine Frau redet und lacht zaghaft im Loop, dazwischen echte und unechte Perkussions-, Streich- und Tasteninstrumente, die der studierte Musiker Henry sogar selbst eingespielt hat, statt sie der unendlichen Quelle aller Sounds, seiner so genannten Sonothek, zu entnehmen, die sich endlich wie erträumt seit 1951 mittels Wachsschallplatte und später mittels Tonbandgerät einfangen, aufbewahren und modulieren ließen.

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Diese Montage aus kaputter Tradition und waghalsiger Experimentierfreude entpuppt sich für einige noch heute als unbarmherziger Krach. Für uns aber natürlich als schlichtweg neue Poetik, als Knackpunkt einer als übersäuert wahrgenommen klassischen Musik. Selbstverständlich nicht nur der Klassik. Erstarrte Ideen über Musik und Hören an sich; die ausführenden Musiker und Autoren/Komponisten müssen bereits nach Henrys ersten Versuchen aus den späten 1940ern neu gedacht und revolutioniert oder zumindest als in platzender Evolution befindlich betrachtet werden.

Passende Neuronenbahnen zur Rezeption oder gar zum Verständnis der Geräusche gab es freilich in keinem Auditorium. Ebenso mangelte es an passendem Vokabular, um diese befremdlich anmutenden Geräuschanordnungen einem angemessenen Diskurs unterziehen zu können. Umso mehr erstaunt es, dass die “Symphonie pour un homme seul” bereits 1955 von Maurice Béjart erfolgreich auf die Bühne gebracht wurde. Es folgten mehrere Jahrzehnte fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen dem kürzlich verstorbenen Choreographen und dem mittlerweile 80-jährigen Elektroakustiker.

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Desweiteren hat Henry ein Gesamtwerk erschaffen, das man unmöglich im Ganzen erfassen kann. Unmengen von Radio- und Theaterproduktionen, Fernsehschnipseln, Opern, Lautgedichten, Remixen etc. sind in den letzten Jahrzehnten entstanden, auf die der Komponist zwar gerne zurückgreift, wie aber Borges’ Bibliothekare sich dem Problem stellen muss, dass das Universum kaum ordentlich klassifiziert und somit auf Knopfdruck übersichtlich abrufbar ist.

Henrys Arbeiten werden auch von ihm selbst nicht umsonst als “alchemistisch” bezeichnet. Dies erschreckende Wörtchen fällt im Interview zwar nicht, es wird aber deutlich, dass es dem Franzosen über Jahrzehnte hinweg im Extrem gelungen ist, aus Krach, Stimmfetzen und unidentifizierbaren Geräuschen, also letztendlich aus vermeintlichem Dreck, wesentlich mehr als lästiges Gold zu erschaffen.

De:Bug: Herr Henry, erzählen Sie uns von ihren ersten Versuchen, Geräusche einzufangen.

Pierre Henry: Das Studium von Mikrofonen, das mir erlaubt hat, mehr oder weniger breite, spitze oder tiefe Frequenzen einzufangen, hat mir auch ermöglicht, diese in sehr gutem Zustand auf Wachsschallplatte aufzunehmen und in verschiedenen Geschwindigkeiten abzuspielen. Mit den ersten Tonbandgeräten hat sich die Montage und Vermischung verändert und wurde synchroner. Angefangen haben wir damit, Vinyl mit anderen Geschwindigkeiten abzuspielen. Mono-Aufnahmen auf 76 statt 78 UpM, danach Stereo-Aufnahmen auf 38 statt 33 UpM. Diese neue Technik hat mir erlaubt, meine Werke umstandslos als musikalisch anzusehen, auch näher an der Entwicklung der instrumentalen klassischen Musik. Das erste Tonbandgerät kam 1951, hatte aber meiner Meinung nach keine gute Qualität, so dass ich meins erst ein Jahr später gekauft habe: eine Tolana.

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De:Bug: Sie beschreiben ihre Arbeit seit 1948 als “Suche nach Brainwaves”.

Pierre Henry: Seit 1945 hatte ich die Eingebung zur Musique Concrète. 1948 habe ich Musik für das Fernsehen komponiert, die von Pierre Schaeffer sehr geschätzt wurde. Diese Musik hat uns zusammengebracht und war das Vorspiel zur Komposition von “Symphonie pour un homme seul”. Der Mangel an Worten ist schlichtweg notwendig, da Musik vor allem anderen eine hörbare Kunst ist.

De:Bug: Sie waren ebenso auf der Suche nach einer Revolution in der Musik. Beschreiben Sie die Konsequenzen.

Pierre Henry: Denke ich an Revolution, ist es unleugbar, dass sich zuallererst das Hören erneuern muss. Nach dem Hören muss eine neue Kunst folgen. Und genau da erfüllt sich die Revolution. Im Allgemeinen bin ich sehr zufrieden damit, dass sich die Voraussicht auf eine revolutionäre Zukunft noch immer erfüllen kann.

De:Bug: Ihrer Aussage nach ist die Quintessenz der Musique Concrète die Einbildungskraft.

Pierre Henry: Zunächst ist die Musique Concrète eine Erfindung, die dazu bestimmt ist, der Welt eine neue musikalische Sprache zu eröffnen. Musique Concrète hat stets die Wahl des einen Geräusches vor dem anderen in einer Kontinuität betrachtet, die musikalisch bleiben muss. Für den Musiker ist das gleichzeitig ein experimentelles und ein imaginatives Abenteuer. Ich verstehe diese Musik als Verlängerung der und Hinauswachsen über die klassische Musik. Das Diktat unseres Gedankens den Maschinen gegenüber gehört ebenso dieser neuen Sprache an.

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De:Bug: Sie haben ihre Musik immer wieder auch “musique de souvenir” genannt. Was genau meinten Sie damit?

Pierre Henry: Im Gedächtnis meiner Sonothek sind all meine Kompositionen versammelt, die für mich die Dauer der Erinnerung an all meine Versuche, Manipulationen, Mixe und Konzerte speichert. Alle Arbeiten der letzten sechzig Jahre treffen sich hier. Es ist eine tägliche Gedächtnisarbeit, unaufhörlich und außerordentlich. Es passiert zuweilen, dass ich stundenlang ein bestimmtes, sehr kurzes Geräusch suche, an das ich mich genau erinnere und dringend brauche.

De:Bug: Wann haben Sie begonnen, ihre eigene musikalische Sprache zu entwickeln und wie hat sie sich während der letzten sechzig Jahre entwickelt?

Pierre Henry: Ich glaube, dass alle wichtigen Komponisten nicht damit aufgehört haben, ihre kompositorische Logik zu erfinden. Für mich liegt die Wahrheit der Musik in der Evolution. Seit der “Symphonie pour un homme seul” habe ich begonnen, meinen eigenen Stil zu erfinden. Der Anfang wurde gemacht mit den Werken der 1950er, z.B. mit der “Musique sans titre” oder dem “Microphone bien tempéré”. In “Haut-Voltage” findet sich außerdem die Geburt einer neuen Musik, der Elektroakustik, die die Stimme, die Instrumente, den Krach und die konkreten und elektronischen Geräusche zusammenbringt. Eigentlich mag ich das Wort “Erfinden” nicht besonders, da ich glaube, dass ein Schöpfer seine Suche verfolgt und jedes Werk an eine Idee, an ein Material und eine Form gebunden ist, die neu sein muss. Genau diese Überzeugung liefert mir die Energie und die Leidenschaft, die Suche seit sechzig Jahren Tag für Tag zu verfolgen.

De:Bug: Man spricht über das Jahr 1953 als Waterloo der Musique Concrète. Wie hat das Publikum auf die Aufführung ihrer Oper “Orphée” reagiert?

Pierre Henry: Orphée 53 war das erste Mal, dass in Echtzeit Instrumente, Stimme und Maschinen als Ensemble spielten. Die Zuhörer in Donaueschingen haben darauf sehr negativ reagiert. Das blieb allerdings ohne besonderen Einfluss auf meine kommenden Arbeiten. Die Kompositionen vor “Orphée 53” waren vor allem für das Radio bestimmt, aber auch für Theater und Kino. Echte Konzerte haben wir dann ab 1955 gespielt.

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De:Bug: Wie ordnen Sie die Fülle von Geräuschen in ihrer Sonothek und warum haben Sie zu Beginn die Instrumente selbst eingespielt?

Pierre Henry: Diese Klassifizierung ist mit meinem musikalischen Gedanken und meiner Rezeption des Universums verbunden. Das ist allerdings ein immenses Problem, das man nicht in einigen wenigen Sätzen erklären kann. In meinen Werken seit den 1950ern wie z.B. der “Symphonie pour un homme seul” oder dem “Microphone bien tempéré” war es für mich eine musikalische Lösung, selbst Piano, Perkussions und Objekte zu spielen, da ich ja gelernter Musiker bin. Das hat mich aber nicht davon abgehalten, auch andere Geräuschquellen aufzunehmen.

De:Bug: Welchen Einfluss hat die Idee des Göttlichen in ihren Werken?

Pierre Henry: Die Lektüre während meiner persönlichen Bildungszeit hat mich dahin gebracht, die Realität des Göttlichen wahrzunehmen, das durch Riten, das Gebet, die Meditation und eine Art außerordentlichen Oratoriums gekennzeichnet ist, das sich davon befreien könnte. Wie z.B. in der “Apocalypse de Jean”.

De:Bug: Kann die Idee das eigentliche Werk übersteigen?

Pierre Henry: Das abgeschlossene Werk ist das Hauptmoment der Musik, da, wo das plötzliche Erwachen meiner Gedanken am gewaltigsten wirkt.

De:Bug: Erzählen Sie uns von ihren verschiedenen Studios und der Notwenigkeit dazu.

Pierre Henry: Einsamkeit ist essentiell. Nachdem ich 1958 das Radio verlassen hatte, habe ich mich genau deswegen für Orte entschieden, wo ich mich allein in meiner Zelle vor dem alltäglichen kollektiven Leben schützen konnte.

De:Bug: Unterscheidet sich ihre Kompositionsarbeit von z.B. Beethovens Ansatz, dem ihres ehemaligen Lehrers Messiaen oder eines Jazz/Rock-Musikers?

Pierre Henry: Über die Jahrhunderte hinweg scheint mir die Arbeit der Komponisten identisch. Ich selbst fühle mich in einer musikalischen Tradition, in der diese Arbeit das stärkste und gemeinsamste Moment inne hat.

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De:Bug: Zeigt Ihr Unterricht bei Messiaen (Harmonie), Boulanger (Piano) oder Passerone (Perkussion) noch Wirkung?

Pierre Henry: Meine Musik genügt sich selbst. Mit all den Einflüssen meiner Studienzeiten habe ich lange gebrochen.

De:Bug: Würden Sie Pierre Schaeffer auch als Ihren Lehrer bezeichnen?

Pierre Henry: Ich würde sagen, Pierre Schaeffer war ein Ratgeber, ein Freund und auch ein Philosoph einer neuen Musik.

De:Bug: Ihr Stück “Psyché Rock” wurde in der TV-Serie “Futurama” verwendet.

Pierre Henry: “Pyché Rock” ist das meistgenutzte musikalische Zitat des Jahrhunderts! Futurama kenne ich allerdings nicht. Auch wurde ich erst sehr spät über die Nutzung des Stückes informiert.

De:Bug: Was halten Sie von aktuellen, digitalen Produktionsmitteln?

Pierre Henry: Die nicht analoge Musik ist vor allem eine Technik, die ein großes Maß an Manipulation zulässt. Leider fehlt der digitalen Musik das Wahrhaftige der Aufnahme. Diese Wirklichkeit muss immer vorhanden bleiben, so wie ein heftiges und sehr abwechslungsreiches Leben! Ein unvergleichbares Geräusch, organisch, lebendig – schöne Geräusche als schöne Bäume!

De:Bug: Sehen Sie sich selbst als Urvater eines bestimmten musikalischen Genres?

Pierre Henry: Es liegt auf der Hand, dass zu Beginn der 1950er die geschlossenen Rillen auf den Wachsschallplatten den Beginn des Sampling darstellten.

De:Bug: Fühlen Sie sich verantwortlich für die momentane Lage in Frankreich bzw. der Welt?

Pierre Henry: Selbstverständlich fühle ich mich verantwortlich für das Wachstum und die aktuelle Weltwirtschaft. Mein Augenmerk geht aber eher in Richtung einer geografischen Ökologie, die Welt wäre ansonsten in Gefahr. Meine Musik berücksichtigt diese Gefahren und ist eine fantastische Illustration davon.

De:Bug: Wann haben Sie zuletzt in Deutschland gespielt und was dürfen wir im Januar erwarten?

Pierre Henry: Mein letztes Konzert in Deutschland fand im ZKM/Karlsruhe statt. Davor habe ich in Berlin das Stück bzw. den Film “L’homme à la caméra” von Dziga Vertov vorgestellt. Ich habe mehrere Radiostücke für das Studio Akustische Kunst beim WDR eingespielt, u.a. mit den Schauspielern Ingrid Caven, Hanna Schygulla und Heinz Bennent. In der Vergangenheit habe ich außerdem “Le Voyage” an der Kölner Oper komponiert, ein Stück, das für mich noch immer eine markante Erinnerung mit sich trägt. Am 25. Januar werde ich in der Berliner Volksbühne die “Histoire naturelle” und “Pulsations” vorstellen und ich freue mich darauf.

De:Bug: Mögen Sie denn nach all den Jahren noch immer die Musik?

Pierre Henry: Ich bin mir sicher, dass ich Musik noch immer mag, vor allem die Arbeit an und mit ihr.

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Elektronische Lebensaspekte.