Mit der Spraydose in der Hand den Derwisch mimen und die Grenze von öffentlichem und privatem Raum niedersprayen, das inszenieren die beiden Streetart-Künstler aus Schweden in ihren Performance-Filmen.
Text: sandra sydow aus De:Bug 96

Death is the end of the line
Graffiti-Filme von Pike und Nug

Einen genaueren Blick wert auf der diesjährigen Backjumps im Berliner Kunstraum Bethanien ist das ”King of the line“-Projekt der schwedischen Streetartkünstler Pike und Nug. Sie zeigen dort drei Kurzfilme: ”Mi casa su casa“, ”It’s so fresh I can’t take it“ und ”Best things in life for free“, die eher an Videoperformance als an klassisches Graffiti erinnern. Ein maskierter Sprayer torkelt unkontrolliert mit einer Spraydose durch eine U-Bahnunterführung, eine Wohnung oder durch einen Supermarkt und bedient sich zum einen an fremdem Eigentum und sprüht beim Fallen und Wanken alles voll, was sich ihm vor die Dose kommt. Am Ende von jedem der etwa 5-10 minütigen Filmchen endet es, wie es enden muss: irgendwie tot. Ein Sturz aus dem Fenster, vor die Bahn oder von einem Zug auf die Schienen. Enden muss es so, das lassen die Macher sich nicht nehmen. Notwendigerweise kann es nur so ausgehen, denn ”Death is the end of the line“, wie sie selbst sagen. So verfolgen Nug und Pike ihre straighte Linie und machen klar, dass Graffiti längst nicht mehr nur bedeutet, Tags an Gebäude zu klieren und zwar sehr kunstvolle, aber eben doch nur Pieces an Wände und Bahnen zu bomben. Kunstformen wie dieses Projekt sind ein unausweichlicher Schritt, den Streetart für sie machen musste. ”Es ist wichtig, diesen anderen Weg zu gehen. Wir haben mit Oldschool-Graffiti angefangen und es erschien uns nicht sinnvoll, immer nur dort weiterzumachen. Die einzige Möglichkeit, sich auch inhaltlich weiterzuentwickeln, konnte demnach nur diese Vorführung sein.“ Inhaltliche Weiterentwicklung bedeutet hierbei auch immer wieder das Aufzeigen von Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum, die zum einen dabei aufgelöst, zum anderen neu definiert werden. ”Würde es diese Grenzen nicht geben, wären unsere Filme nicht entstanden.“ Die Trennung privat/öffentlich und dessen Kennzeichnen existiert in einer ständigen Wechselwirkung. Dieses Kenntlichmachen ist auch Inhalt vieler etablierter Gegenwartskünstler. In diesem Zusammenhang erscheint es doch ein wenig seltsam und uneinsichtig, dass so viel, was als anerkannte Kunst gilt, ausstellungsdominierend in staatlichen Museen und vielen Galerien sein kann, Streetart und Graffiti aber immer noch eine kaum geliebte und selten gesellschaftlich akzeptierte Subidentität zwischen Legalität und Illegalität fristen müssen. Kunst hin, Schmiererei her, King of the line verbindet ernst zu nehmende Inhalte mit trashigem Undergroundhumor: Bier trinken, raus auf die Straße und in die Häuser und Farbe an die Wand hauen – Ende. Ein fetter Latinotyp im Unterhemd auf dem Sofa wundert sich sehr. Ist das lustig? ”Ja, wir sind lustig.“ Zustimmung. Damit kann man weiterleben.

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Elektronische Lebensaspekte.