Text: daniel haaksman aus De:Bug 03

von Daniel Haaksman

Nicht ohne meinen Grafiker!

Am Anfang war ein stylisches Grafikbuch. Dann wollte der Musiker Jallokin ãein paar Stücke dazu machen.Ò Jetzt sind Pile aus Frankfurt eine echte Band: zwei Knöpfchendreher und ein Photoshopfreak.


Ohren hören anders als Augen sehen. Denn es gibt Leute, die sind Augenmenschen, und es gibt welche, die leben und erinnern mit den Ohren. Augenmenschen produzieren Bilder und die anderen, aural fixierten, basteln Klänge, vergewaltigen Gitarren oder drehen an Synthiknöpfen herum, so lange, bis etwas bewegendes entsteht, Musik. Die Sounds hört jemand, der sich eher in Bildern ausdrückt, fühlt sich inspiriert und kreiert was fürs Auge. Das wiederum sieht jemand der, und so weiter und so fort.
Pile aus Frankfurt haben den alten Kreislauf der Sinne verkürzt. Wieso nicht gleich so weit gehen und eine ãBandÒ gründen, bei der ein Grafiker vollwertiges Gruppenmitglied ist und genauso wichtig ist wie der Typ, der den Sequencer bedient? Underworld und ihre Design-Agentur haben auf kommerzieller Ebene ja bereits eindrucksvoll demonstriert, wie fruchtbar Austausch und Zusammenarbeit von Grafik-Designern und Producern sein kann. Für Pile ist die Zusammen arbeit Symbiose, Pile besteht aus den Frankfurter Bedroom-Producern Jallokin und Zip und dem Grafiker Chris Rehberger Ñ alte Kumpels, die bereits auf langjährige Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen zurückblicken können.
Jallokin und Zip waren in den Achtzigern in unterschiedlichen, recht erfolgreichen Electro-Pop-Projekten wie Bigod 20 oder Inc. Lagoon beschäftigt. In Filmen wie ãSliverÒ (mit Sharon Stone) tauchte ein Track, in Scorseses ãKap der AngstÒ ein Videoclip auf, der von den beiden produziert wurde. 1995 gründeten sie Pile, nachdem sie Chris Rehberger trafen Ñ einer der bekanntesten deutschen Nachwuchsgrafiker, dessen Skills man z.B. von der deutschen MTV-Kampagnen zu genüge kennen Ñ und schätzen gelernt hat. Jallokin: ãChris hatte damals ein Grafik-Buch gemacht und uns kam irgendwann die Idee, diese Grafiken zu vertonen.Ò In dem Präsentationsband stellte Chris, ÔnebenbeiÔ Art Director des Snowboardermagazins ãSnowÒ, den Stil seiner freien Arbeiten vor: Zerschossenen Typographien, Buchstabenzeilen wie von rostigen Rasierklingen verschnitten überlagert von Sätzen und Assoziationen aus Chris Notizbuch.
Zip erzählt weiter: ãUrsprünglich sollte die Musik zur Grafik nicht veröffentlicht werden, das Buch ist damals ja nur in einer Auflage von 100 Stück hergestellt worden. Auf einer Party haben wir aber dann einen Typ von EPIC kennengelernt und ihm davon erzählt, und der fand das total interessant. Ein Jahr später kam dann unsere Debüt-CD heraus. Auf der ersten CD war quasi die erste Fassung des Grafik-Soundtracks vorhanden, die zweite bestand aus Remixen, Fortentwicklungen der Ideen, die wir für die erste CD hatten.Ò
Kurze Zeit später gingen Pile dann gemeinsam auf Tour. Jallokin und Zip bedienten on stage ein kompaktes Set von Studio-Equipment und Chris mixte auf Diaprojektoren und Videobeamern live seine Grafiken und Videos in den Raum. Hans Nieswandt, der Pile als DJ auf einigen Dates ihrer Tour begleitete, mischte zusätzlich Platten dazu. ãLive kam unsere Idee von Pile als ein nach allen Seiten offenes Projekt erst richtig zur Geltung. Da haben wir so richtig gejamedÒ, erzählt Jallokin. Aber funktioniert das auch im Studio? Laut Pile ist auch hier die gegenseitige Beeinflussung der einzelnen Band-Member unmittelbares Programm: Chris macht Vorschläge zur Musik, und Zip und Jallokin bringen Ideen zur visuellen Umsetzung ein. ãChris hat manchmal viel bessere Ideen, als ein Musiker haben könnnte.Ò erzählt Jallokin. Musikalisch sind Pile ihrem Konzept entsprechend kaum festzulegen. ÒIm Grunde geht es bei unserer Musik um eine gute Atmosphäre. Ob die jetzt in Form eines straighten Techno-Tracks, eines House-Stückes oder eben als Drum&Bass daherkommt, ist völlig gleich.Ò

Piles neue Maxi ãIst alles, was der Fall istÒ ist soeben bei EPIC erschienen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.